Rudolf Weinmann

Der große Preis – ein Fernseh-Quiz im Deutschunterricht


Die Älteren unter uns erinnern sich wahrscheinlich noch an das populäre Fernseh-Quiz „Der große Preis” mit Wim Thoelke und Wum, dem sprechenden (Comic-)Hund. Es wurde von 1974 bis 1992 im ZDF ausgestrahlt und gehörte neben anderen Dauerbrennern wie Rudi Carrell oder – auch damals schon –  dem „Tatort” zum Standardprogramm des Familienabends. Die Sendung lief in drei Runden ab: Während zu Beginn und am Ende die drei Kandidaten Fragen zu ihren jeweiligen Spezialgebieten beantworten mussten, wurde dazwischen ihr Allgemeinwissen überprüft. Dazu erschienen auf einer Multivisionswand nebeneinander verschiedene Themenbereiche; darunter waren jeweils Felder mit den Zahlen 20, 40, 60, 80 und 100 angeordnet. Nannte nun einer der Kandidaten ein Thema, kombiniert mit einer der Zahlen, so erschien eine Frage. Bei richtiger Beantwortung erhielt er oder sie den entsprechenden Betrag gutgeschrieben, anderenfalls wurde die Frage an die übrigen Kandidaten weitergegeben. Hinter einigen Feldern verbargen sich „Joker“: Hier bekamen die Kandidaten einen gewissen Betrag geschenkt. Bei der sog. Risiko-Frage musste ein Teil des bisher erworbenen Kapitals gesetzt werden. In meinem Unterricht ist es seit mehreren Jahren Tradition, dass ich in den fortgeschritteneren Kursen (Niveau etwa ab Ende A1) einmal im Semester einen „großen Preis” durchführe, meist nach den Zwischenprüfungen, als “Belohnung” und zur Entspannung. Dabei nehme ich mir die zweite Runde des beschriebenen Fernseh-Quiz zum Vorbild, mit einigen notwendigen Anpassungen an meine Unterrichtssituation. So treten in meinen Kursen Kleingruppen (idealerweise drei bis vier Teilnehmer) gegeneinander an. Dabei achte ich darauf, dass die Sprachgewandteren unter ihnen auf die einzelnen Gruppen verteilt werden. Die Smartphones bleiben natürlich abgeschaltet. An die Tafel schreibe ich eine Tabelle mit fünf Themenbereichen in der oberen Leiste – die linke Spalte enthält von oben nach unten die Punktzahlen 10 bis 50 – insgesamt gibt es also 25 Fragefelder. Dabei bemühe ich mich, die Fragen nach ihrer Schwierigkeit entsprechend der Punktzahl zu staffeln. Wie im Original-Quiz nennt die jeweilige Gruppe ein Thema, kombiniert mit einer Punktzahl (z. B. „Auto 20“). Daraufhin lese ich die Frage vor und erkläre sie bei Bedarf. Bei einer korrekten Antwort notiere ich den Punktgewinn an der Tafel, ansonsten erhalten die anderen Gruppen ihre Chance. Die Mitglieder können die Frage beraten, müssen aber nach spätestens einer Minute eine Antwort nennen (die Zeit kontrolliere ich mit der Stoppuhr). Dabei gilt die erste von einem der Gruppenmitglieder geäußerte Antwort; schnell „herausgerutschte” falsche Statements führen unweigerlich zum Punktverlust und lösen Heiterkeit bei den übrigen Teilnehmern aus. Die Gruppe mit der richtigen Antwort darf die nächste Frage stellen; wird keine richtige Lösung genannt, kommt das Team an die Reihe, dessen letzte Frage am längsten zurückliegt. Auch bei mir gibt es Joker und Risiko-Fragen; bei Letzteren wird die „gesetzte“ Punktzahl im Fall einer korrekten Antwort verdoppelt. Außerdem stelle ich noch “Schätz-Fragen”: Dabei sollen alle Gruppen eine Zahl nennen – der Vorschlag, der am nächsten  bei der richtigen Lösung liegt, bringt den Punktgewinn mit sich. So reichten die Annahmen bezüglich der Anzahl der Flüchtlinge, die Deutschland 2015 aufgenommen hat, von 200.000 bis zu über 3 Millionen – eine gute Gelegenheit, nicht nur die Sache richtigzustellen, sondern auch kurz auf den Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsbewegung einzugehen. Zur Veranschaulichung diverser Fragen eignet sich natürlich hervorragend der Beamer, der neben der Tafel die Funktion der Multivisionswand im Original-Quiz übernimmt. Bei einem gesuchten Nahrungsmittel stellte ich die drei wesentlichen Stufen seiner Produktion: Welken, Rollen und Trocknen, jeweils anhand von Bildern der entsprechenden Geräte dar. Die Antwort, die auch richtig benannt wurde, lautete „Tee“. Abgesehen von der Auflockerung und der Motivationssteigerung lassen sich durch das Quiz unterschiedliche sprachliche und landeskundliche Kenntnisse vermitteln bzw. wiederholen. So kommen bei mir immer wieder gängige Unterrichtsthemen vor, z. B. der Klassiker „Essen/Trinken”: Hier  fragte ich etwa nach dem Unterschied zwischen einem Punsch und einer Bowle, oder was man als “deutsches Kimchi” bezeichnen könnte. Zum Thema „Berufe“ suchte ich nach einem Synonym für “Raumpflegerin”. Bei schwierigeren Fragen gebe ich oft fünf verschiedene Antwortmöglichkeiten vor; so stellte ich als „Symbol des Bäckerhandwerks“ neben der Brezel (d. i. die korrekte Antwort) auch noch „Torte“, „Brot“, „Brötchen” und „Mehlfass” zur Auswahl. Das Multiple-Choice-Verfahren hat den Vorteil, dass die Lösung auch erraten werden kann, und ein Lerneffekt ist dabei auf jeden Fall gegeben. Neben den landeskundlichen lassen sich in diesem Quiz-Format ebenso sprachliche Themen behandeln. So wollte ich bei „Denglisch“ wissen, wieso das Handy seinen Namen trägt oder wie man „Software” auf Deutsch wiedergeben kann. Von fünf englischen Wörtern, die ich nannte, sollte schließlich dasjenige ausgewählt werden, das nicht zugleich im Deutschen verwendet wird (in diesem Fall war es „graveyard” – offensichtlich eine schwierige Aufgabe für die Teilnehmer). Nach dem Prinzip der bekannten Quizsendung „Jeopardy!“ gab ich zum Thema „Fragen“ die Antworten vor, z. B. einen beliebigen Namen oder „Nein, aus Mogadischu.“ oder auch „Nach München sind es noch 225 Kilometer.” Gar nicht so einfach, dazu eine passende – und überdies korrekt formulierte – Frage zu stellen! Den größeren Teil der Aufgaben beziehe ich allerdings auf allgemeinere Themen, die gelegentlich einmal im Unterricht angesprochen werden, aber auf jeden Fall zum Weltwissen zählen. So habe ich unter „Deutsche Volkslieder“ gefragt, was „Am Brunnen vor dem Tore“ steht oder welches Lied mit der Zeile „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten” anfängt. In einer Multiple-Choice-Frage sollte das eine Lied im Walzertakt ausgewählt werden (der gesuchte Titel war „O du lieber Augustin“. Mit den Volksliedern waren die TN bereits in einem früheren Kurs „Deutsch lernen mit Liedern” konfrontiert worden). Als weitere Themenbereiche wären zu nennen: „Europa” (In welchem Land befindet sich seine geografische Mitte?), „Geld“ (Der größte Euro-Schein?), „Gebäude” (Wie nennt man den Raum unter dem Hausdach?) oder auch „Daten“ (Welcher von den fünf genannten Personen lebte NICHT im Jahr 1800? – Nur George Washington erfüllte dieses Kriterium.) Daneben gibt bzw. gab es noch einige Themenbereiche, deren Sinn sich nicht auf den ersten Blick erschließt; der damit verbundene Überraschungseffekt erhöht das Spannungsmoment: Unter „Hohl“ stellte ich beispielsweise mehrere Objekte zur Auswahl, unter denen das eben nicht hohle zu bestimmen war (die Praline). An Spezialisten richtete sich die weitere Frage, warum sich die „Magdeburger Halbkugeln“ nicht trennen ließen; zur Veranschaulichung zeigte ich ein Bild dieses Instruments. Ein Teilnehmer  wusste tatsächlich die Antwort – in diesem Fall akzeptierte ich ausnahmsweise, dass sie nicht auf Deutsch erfolgte. Bei „Buchstabe T“ wollte ich ein deutsches Wort wissen, das mit ebendiesem anfängt und aufhört, oder auch, wie „die Frau des Bruders der Mutter“ heißt (sehr kniffelig, obwohl doch im Deutschen weit weniger Verwandtschaftsbezeichnungen existieren als im Koreanischen!). Und dann präsentierte ich einmal die „Wundertüte”: In einen Plastikbeutel hatte ich verschiedene Haushaltsgegenstände gepackt und bei jeder Frage zog ich das entsprechende Objekt heraus, z. B. ein Teekännchen samt Deckel, Sieb und Unterteller: “Wo ist hier die Tülle?“ – da konnte allerdings nur Raten weiterhelfen. Aus meiner Sicht ist der „große Preis“ eine angenehme, spielerische Ergänzung v. A. des landeskundlichen Unterrichts; die gespannte Erwartung in den Gesichtern der Teilnehmer, die sich einstellt, wenn ich das Quiz ankündige, bestätigt mir meine Einschätzung


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DaF-Szene Korea Nr. 43

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