Tanja Rudtke

Henkelmann, Dosirak, Bento & Co

Die Lunchbox als Alltagsgegenstand und sozio-kulturelles Phänomen


„satt? kochen-essen-reden“ war der Titel einer Ausstellung 2009 in Frankfurt. Der Begleitband dazu (hrsg. v. Helmut Gold, 2009) enthält u. a. einen Beitrag zur Entstehung der Werkskantine (S. 50). Bevor diese ein fester Bestandteil von Fabriken und Firmen wurde, war es üblich, dass den Arbeitern das Essen von Familienangehörigen zur Mittagszeit vorbeigebracht wurde. Manche Unternehmen führten einen Lieferdienst ein, der das Essen von der Wohnung der Fabrikangestellten abholte. Ein historisches Foto von 1912 zeigt einen Wagen, dem zwei Pferde vorgespannt sind, dabei handelt es sich um die „Knöpflespost“ der Firma WMF (Württembergische Metallwarenfabrik), die von 1891 bis 1927 in Betrieb war. Der schrankartige „Speisewagen“ enthält Kisten mit runden Metallbehältern, die aus mehreren aufeinander gestapelten Einzeldosen bestehen, die mit einer Klammer zusammengehalten werden. Mit diesen sogenannten Henkelmännern wurden die Mahlzeiten entweder warm zugestellt oder auch von zu Hause mitgebracht und dann aufgewärmt. Diese Art der Verköstigung wurde später durch den Besuch der Kantine abgelöst.

Zu den Trends, die das unerschöpfliche Nahrungsthema gegenwärtig hervorbringt, gehört auch der Blick zurück auf frühere Zeiten als eine Form der Erlebnisgastronomie. So bietet ein Restaurant in der Ruhrgebietsstadt Essen mit Industriekulturambiente ein mehrgängiges Menü an, einer der Gänge wird aus dem Henkelmann serviert und fällt entsprechend solide bzw. nahrhaft aus: Himmel und Erde – ein Gericht, das aus gebratenen Blutwurstscheiben mit Schmorzwiebeln, Kartoffelpüree und Apfelscheiben besteht.

In Korea kann man ein ähnliches Phänomen beobachten. Viele Koreaner erinnern sich noch an die Metallboxen aus ihrer Kindheit, gefüllt mit Reis, Kimchi und manchmal gebratenem Ei, die von zu Hause mitgebracht wurden und deren Inhalt in der Schule dann erwärmt wurde. In Blogs ist davon die Rede, wenn Dosirak-Restaurants besprochen werden, (um nur zwei von vielen zu nennen: ZenKimchi, Beitrag vom 4.7.2006; SeoulSearching, Beitrag vom 10.3.2013, beide aufgerufen am 30.6.2016) Dabei werden zwei Arten von Dosirak, der koreanischen Lunchbox, beschrieben: eine, bei der ausgewählte Zutaten in einem heißen Metallbehälter durchgeschüttelt und im Anschluss verzehrt werden (z.B. auf Namiseom Island gibt es sie). Die andere ist die verbreitetere, bei der eine Auswahl an Speisen voneinander abgetrennt, in einer Klarsichtbox zum Mitnehmen angeboten werden (z.B. Tongin Market).

Letztere ähnelt damit dem Bento, bei dieser japanischen Form der Lunchbox wird zudem besonders auf das ästhetische Arrangement der Speisen geachtet, das bestimmten Regeln folgt. Die Bento-Philosophie, die Vielfalt in Geschmack und Zubereitungsart und nicht zuletzt die Optik betont, führt dazu, dass das Vorbereiten und Befüllen eines Bento einer Kunst gleichkommt. Ebenfalls aus einem Foodblog ist „Das Bento Lunch Buch“ von Cam Tu Nguyen (Berlin 2015) entstanden, das neben Rezepten persönlich gehaltene Erläuterungen liefert und gemäß dem Gegenstand auch als Publikation einen künstlerischen Anspruch erfüllt, indem es graphisch besonders schön gestaltet ist.

An diesen Beispielen lassen sich mehrere Dinge ablesen, zum einen gibt es trotz aller Unterschiedlichkeit der Kulturen ähnliche Phänomene und Entwicklungen, zum anderen lässt sich am speziellen Beispiel Lunchbox auch die Bedeutungsvielfalt von Essen aufzeigen, gemäß der Aussage Gerhard Neumanns: „Jede Nahrung ist ein Symbol“ (In: Kulturthema Essen: Ansichten und Problemfelder/Alois Wierlacher; Gerhard Neumann; Hans-Jürgen Teuteberg. Berlin 1993. S. 385-444) Der Henkelmann war Symbol für den Alltag des Arbeiters und damit auch eines sozialen Status’; die Lunchbox, die Mütter ihren Kindern (bis heute, wenn auch in veränderter Form) in die Schule mitgeben, sagt etwas über die Beziehung zwischen ihnen aus. Sie ist Ausdruck der Fürsorge, aber auch Mittel einer sozialen Interaktion, wenn Kinder den Inhalt ihrer Lunchbox untereinander vergleichen oder austauschen. Sie ist zudem Teil einer gesellschaftlichen Situation und den damit verbundenen Rollenerwartungen, wenn Mütter sich mit kunstvollen Nachbildungen von Lieblingscomicfiguren aus Lebensmitteln gegenseitig zu übertrumpfen versuchen oder sich den berufstätigen Müttern, die darin keine Zeit investieren können, überlegen fühlen. Für diese „Eat-Art“ gibt es zahlreiche Anleitungen und Zubehör, das sich auch gut vermarkten lässt. Der Inhalt der Brotdose oder Vesperbox verweist ebenso auf den individuellen Ernährungsstil einer Familie.

Der erwähnte Nostalgietrend in den entsprechenden Restaurantangeboten wiederum zeigt das Interesse an der Vergangenheit, manchmal die Sehnsucht nach einer vermeintlich guten alten Zeit, insbesondere der eigenen Kindheit, die in der Erinnerung meist mit bestimmten Speisen verbunden ist.

Die vielen Foodblogs und Kochbücher, die das Thema Lunchbox aufgreifen, stellen die Beschäftigung mit Essen als künstlerisches Gesamtkunstwerk dar, mit professionellen Fotos, Illustrationen und individuellen Geschichten. Nicht zuletzt knüpft das Phänomen Lunchbox heutzutage an die Entwicklung „Bewusster essen“ im Sinne der Slow Food-Bewegung an, was zunächst als Paradox erscheinen mag, aber hier geht es ja gerade darum, statt kurzerhand zu einem Döner, einem Hamburger oder ähnlichem zu greifen, sich unterwegs mit sorgfältig selbstzubereiteten Speisen zu versorgen. Die Bedeutungen ergeben sich also aus dem Behältnis, mit dem Essen transportiert wird, dem Essen selbst und der Situation, in der eine Lunchbox benutzt wird.

Und dieser Alltagsgegenstand ist durchaus filmreif, das demonstriert der indische Regisseur Ritesh Batra in seinem Langfilmdebüt „Lunchbox“ aus dem Jahr 2013. Die Handlung spielt in Indien, wo Dabbawallas nach einem ausgeklügelten System das von Ehefrauen zubereitete Essen in mehrstöckigen Metallbehältern, Tiffin oder Dabba genannt, an die arbeitenden Ehemänner ausliefern. Durch eine falsch zugestellte Lunchbox eröffnet sich der Dialog zwischen einer einsamen Ehefrau, deren Mann eine Affäre hat und einem einsamen Büroangestelltem kurz vor der Frühpension, der sein Essen im Übrigen mangels Ehefrau von einem darauf spezialisierten Restaurant bezieht. Neben Zettelbotschaften, die bald danach ausgetauscht werden, wird die Kommunikation zwischen den beiden auch durch die Kochkünste der Frau befeuert. Die von ihr aufwändig und mit Hingabe zubereiteten Gerichte sprechen ihre eigene Sprache, der sie mit Gewürzen unterschiedliche Nuancen verleiht. Ein Prozess wird in Gang gesetzt, der die Beteiligten neu über ihre Situation nachdenken lässt und der gleichzeitig die Bedeutung von „kochen, essen und reden“ auf wunderbar sinnliche Weise dem Zuschauer einmal mehr offenbart.


Copyright © 2016 by Tanja Rudtke


DaF-Szene Korea Nr. 43

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