Michael Menke

Holger Steidele: Sinnvoll(es) Deutsch lernen und lehren


Beginnen wir mit dem Buch-Umschlag, der gleich zum Raten bzw. zum Googeln einlädt. Dort ist der Beginn des Textes „Was ist Aufklärung?“ von Immanuel Kant abgebildet, darin der Satz: „Habe Mut(h), dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Diese Sentenz zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Summe von Texten des Bandes.

Der Verfasser Holger Steidele hat seit 2004 an verschiedenen Universitäten in Korea gearbeitet und ist seit 2011 als Assistant Professor an der Tamkang Universität in Taiwan tätig. Und um den Deutschunterricht in diesen beiden Länder geht es.

Die erste Hälfte des Bandes dreht sich um Überlegungen zu den Grundbedingungen des DaF-Unterrichts im (zielsprachenfernen) Ausland allgemein, wobei aber immer der Bezug zu  Korea und Taiwan gegeben ist. Es geht um die Gründe für Schüler und Studenten Deutsch zu lernen, aber auf der Lehrerseite auch um den Sinn Deutsch zu unterrichten. Weitere Fragen sind: Wer sind die Studenten, was ist ihr kultureller Hintergrund, wie ist ihre Studiensituation, wie ist der Unterricht, wer sind die Lehrer?

Dass die beiden Länder Korea und Taiwan zwar eine eigenständige Kultur haben, dennoch aber in weiten Bereichen von einer „Weltkultur“ abhängig sind, macht Steidele in dem Abschnitt „Probleme unserer Zeit“ deutlich. Die Welt mache wissenschaftlich zwar Fortschritte, parallel aber nehme die Verdummung und Entfremdung der Gesellschaft durch Interessensgruppen zu. Und das nicht nur in Europa, sondern dass sich „nämlich Korea und Taiwan, in besonders umstrittenen und politisch brisanten Situationen befinden, die nur sehr selten auch nur ansatzweise politisch neutral beschrieben werden, deren Besprechung aber im Rahmen eines interkulturellen Austausches zwischen Lehrenden und Lernenden essentiell ist.“

Und hier kommen wir wieder zu Kant: „Mit anderen Worten: das Ziel, eine interkulturelle Kompetenz aufzubauen, muss notwendigerweise mit der Entwicklung der Studenten zu mündigen Bürgern einhergehen. Gerade in zielsprachenfernen Ländern wie Korea und Taiwan, die nicht auf eine Tradition der Aufklärung zurückgreifen können, kann der Wahlspruch der Aufklärung nach Kant – ‚Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ganz wörtlich genommen werden.“ Und so heißt einer der letzten Abschnitte im ersten Teil denn auch „Denken im Unterricht“.

Der zweite große Abschnitt des Buches setzt sich mit dem „sinnvollen DaF-Unterricht“ auseinander und bildet ein Plädoyer gegen beliebige Methoden und Inhalte. Dieses große Kapitel unterteilt den DaF-Unterricht als interkulturelle Semantik mit der Zielsprache Deutsch, als interkulturelle Landeskunde und als interkulturelle Kommunikation und schließt mit dem Unterkapitel „Kommunikation als offene und ehrliche Kommunikation“.

Im letzten Teil „Ausblick“ erläutert der Verfasser noch einmal, was für ihn „sinnvoll(es) Deutsch lernen und lehren bedeutet: „Es sollte jedoch deutlich geworden sein, dass in den zielsprachenfernen Ländern Korea und Taiwan in weit höherem Maße gilt, was für Deutschland gilt: dass mit einer ‚albernen Berufsorientierung‘ dem geisteswissenschaftlichen Studium und das heißt auch dem Fremdsprachenstudium kein Sinn verliehen werden kann. Auch im Sinne eines Bildungsauftrages, den die Universitäten zweifellos haben, muss es vielmehr darum gehen, den koreanischen und taiwanesischen Deutschlernern, die nur mit rudimentären Vorkenntnissen in Bezug auf die Zielkultur und nur mit geringem Erfahrungswissen jenseits des auf Prüfungen zentrierten Schulwissens an die Germanistischen Abteilungen kommen, zu selbständigem und kritischem Denken in Bezug auf die Fremd- wie auch die Eigenkultur zu verhelfen, sie zu mündigen Bürgern in (mindestens) zwei Kulturen zu machen, die in der Lage sind, Zusammenhänge zu begreifen, ihre eigene äußerlich beschränkte und sich selbst beschränkende kulturell-determinierte Weltsicht zu überwinden, um interkulturell handlungsfähig zu werden und letztlich auch, um ihrem eigenen Land, ihrer eigenen Kultur neue Alternativen aufzeigen zu können. Kein Studium ist dafür so geeignet wie ein Sprachstudium.“

 

Holger Steidele: Sinnvoll(es) Deutsch lernen und lehren

Ein kritischer Beitrag zum universitären Deutschunterricht im zielsprachenfernen Ausland unter besonderer Berücksichtigung der Lehr- und Lernsituation Koreas und Taiwans

Iudicium (München) 2016

ISBN 978-3-86205-430-5 · 346 S. · EUR 45,—


Copyright © 2016 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 43

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