Thomas Kuklinski-Rhee

ADeKo-Symposium 2016: Abschied vom Menschen

Sinn und Perspektive unserer Existenz im Zeitalter der KI


Zum ADeKo-Symposium 2016 mit dem provokanten Titel „Abschied vom Menschen“ trafen sich ProfessorInnen, StudentInnen und allgemein Interessierte am 20. Mai 2016 ab 9.00 Uhr im Millennium Seoul Hilton. In der geräumigen Atrium-Halle des Hotels am Namsan mitten in Seoul konnte man auf bequemen Stühlen begeisterten und begeisternden Vortragenden zusehen, den brauchbaren Simultanübersetzungen lauschen, anerkennende Blicke austauschen und sich später auf dem Sonnendeck das aufwendige Buffet und das eine oder andere kalte Bier schmecken lassen. Und wer Glück hatte, durfte nach der abschließenden Tombola am Abend noch ein kleines oder größeres Präsent mit nach Hause nehmen.

Das Highlight des Symposiumteils, der den Vormittag bis frühen Nachmittag ausfüllte, waren die zwei großen Plenarvorträge der Professoren Klaus Mainzer von der TU München und Kim Daeshik vom KAIST. Mainzer eröffnete den ersten Teil des Symposiums, eine Bestandsaufnahme über das Verhältnis von Mensch und denkender Maschine, mit einem inhaltlich sehr dicht gepackten Vortrag über „Natürliche und künstliche Intelligenz: Wann übernehmen die Maschinen?“, der zunächst den Verlauf und gegenwärtigen Stand der KI-Forschung und das Verhältnis von künstlicher zu natürlicher Intelligenz skizzierte. Dabei kamen auch aktuelle Anwendungen wie autonome Fahrzeuge, Arbeitswelt 4.0 und natürlich Googles AlphaGo zur Sprache. Mainzers Blick in die Zukunft ging davon aus, dass Moores Quasi-Gesetz der regelmäßigen Verdopplung der Komplexität integrierter Schaltkreise in absehbarer Zeit an seine natürliche Grenze stoßen und immer größere Mengen von Energie verschlingen wird. Im Gegensatz dazu fand die natürliche Evolution einen relativ energiesparenden Weg der Leistungssteigerung der natürlichen Intelligenz mittels sogenannter „Wetware“. Ob die Verbindung technischer Effizient mit evolutionären Vorteilen wie Energiesparen in neuromorphen Computern ein erstrebenswertes Ziel ist, sei aber keine rein technische, sondern eine ethische, rechtliche und soziale Frage; die Humanwissenschaften werden daher auch künftig eine mindestens gleichrangige Bedeutung behalten.

Im Anschluss daran machte sich Prof. Martin Ziegler vom KAIST Gedanken über „Logische Grenzen algorithmischer Ethik“. Leider war der Vortragende wegen der Vorgabe von zehn Minuten pro Minivortrag dazu gezwungen, seinen Stoff in Höchstgeschwindigkeit abzuspulen, wodurch das zweifellos wichtige Thema stark entwertet wurde (was auch für die nachfolgenden Redner galt, die sich aber anschließend besser drauf einstellen konnten). Der Inhalt bestand aus eher allgemeinen Feststellungen als Schlussfolgerungen, es darf also erwartet werden, dass die „arithmetische Ethik“ im Zuge der weiteren KI-Entwicklung noch genauer ausformuliert wird. Martin Wöhrle, Leiter des R&D-Zentrums bei BMW Korea, stellte in seinem Vortrag über „Automatisiertes Fahren – Schutzengel und Butler“ die Zukunftsvorstellungen seines Unternehmens vor uns zeigte dazu einen mehrminütigen Film, was im Zeitalter von YouTube nicht viel mehr besagt, als dass man selbst nichts zu sagen weiß. Na ja. Aber ohne diesen Werbebeitrag wäre die Teilnahmegebühr von 40.000 Won vielleicht doppelt so hoch ausgefallen. So philosophierte man sich auch diese zehn Minuten schön, und nach der Werbeunterbrechung sprach der Philosoph Shin Sangkyu von der Ehwa-Frauenuniversität über die „Erneuerung des Konzepts vom „moralischen Agenten“ im Zeitalter autonomer Technologie“. Ausgehend vom italienischen Informationsphilosophen Luciano Floridi plädierte Shin für eine holistische Ethik der gemeinsamen Mensch-Maschine-Moralität, die sich um die Entropie als moralisches Kriterium in dem Sinne dreht, dass eine Anstrengung dann moralisch sei, wenn sie Entropie vermeidet. Im letzten Vortrag des Vormittags mit dem Titel „Koeveolution von künstlicher und menschlicher Inelligenz“ machte sich Zhang Byoung-tak von der SNU darüber Gedanken, wie unsere hypermoderne Zeit mit Hilfe der geschichtsphilosohischen Konzepte Giambattista Vicos als auf Reflexionen basierendes „Zeitalter des Menschen“ im Gegensatz zu älteren „göttlichen“ und „heroischen“ Zeitaltern, die auf Erinnerung und Phantasie beruhen, verstanden werden kann.

Nach der Mittagspause ging es in den Nachmittagssitzungen um Mythos und Realität der Erschaffung einer neuen Spezies. In einem brillianten Vortrag behandelte Kim Daeshik vom KAIST die Frage: „Sind wir die neuen Neandertaler im Zeitalter der denkenden Maschinen?“ Kim differenzierte zunächst zwischen „dummen“ und „klugen“ Robotern, erklärte uns „Moravec’s Paradox“, dass eine KI, die zwar gut rechnen kann, noch lange keinen simplen Kinderkram wie Bauklätze stapeln erledigen könne, und unterschied dann zwischen „schwacher“ KI wie Deep Learning und Deep Mind, die in vielleicht 10-20 Jahren erreichbar sei und uns dann vielleicht das Autofahren abnimmt, und „starker“ KI àla „HAL“ oder „Terminator“ aus bekannten Hollywoodfilmen, die der beschränkte menschliche Verstand niemals durchschauen, geschweige denn konstruieren wird können. Dazu wird dereinst allein die schwache KI in der Lage sein, und nach dieser KI-Singularität wird eine neue Ordnung auf der Welt herrschen. Wann es soweit sein könnte, wird nach Kim niemand vorhersagen können. Im Vergleich zu dieser Superintelligenz verhielten sich Menschen wie tumbe, längst ausgestorbene Neandertaler; unsere einzige Chance bestände dann darin, unseren Vorteil bei den neuen Herren der Schöpfung zu vermarkten – vielleicht durch Klötzchenbauen?

Anschließend folgte eine Reihe von Versuchen, das Thema  mit kulturellen Überlieferungen verschiedenster Traditionen zu verknüpfen. Zunächst sprach Lee Jungwon von der University of Seoul über „Koexistenz mit Robo sapiens“, also dem klugen und weisen Roboter. Ausgehend von den fünf Kriterien oder Konstanten moralischer Lebewesen des neokonfuzianischen Philosophen Zhou Dunyi (Menschlichkeit, Aufrichtigkeit, Gewissen, Sittlichkeit und Weisheit) postulierte Lee, dass diese auch für Quasi-Personen wie Roboter bestimmend sein sollten und dass Roboter zukünftig an speziellen Roboterschulen Unterricht darin erhalten könnten. Danach folgten Überlegungen über „Unsere Position zur Möglichkeit der Buddharoboter“ von Lee Soojin von der Inha-Universität. Ausgehend von der Analyse eines Kurzfilms namens „Heavenly Creature“, wo ein Roboter nach buddhistischem Studium Selbstmord begeht und ins „Nirvana“ gelangt, stellt Lee die Frage, ob Roboter dereinst aus eigenem Antrieb Spiritualität entwickeln und zu Selbstbewusstsein gelangen könnten. Aus buddhistischer Sichtweise seien alle Lebewesen gleichwertig, warum sollten hoch entwickelte Roboter also eine Ausnahme darstellen? Schließlich erinnerte Joo Wonjun vom Hannim-Bibelinstitut in seinem Vortrag „Kreator und Kreatur – Mythos und Kritik“ an den akkadischen Atrahasis-Epos von ca. 1700 v.u.Z., wo der von den Göttern erschaffene und mit Intelligenz ausgestattete Mensch seine Schöpfer derart verärgerte, dass diese eine Sintflut über die Erde schickten, die nur ein paar handvoll Auserwählte mittels einer Arche überleben konnten. Erst die Weisheit ließ die Menschen erkennen, dass sie die Götter brauchen, und so plädierte auch Joo dafür, die KI um künstliche Weisheit zu ergänzen, bevor sich die Roboter dereinst die Frage stellen, wozu sie denn ihre Schöpfer eigentlich noch brauchen. Im Gegensatz zu Kim Daeshik plädierte Joo für die optimistische Einstellung, dass die KI den Menschen dienen solle wie diese den Göttern. Und im abschließenden Vortrag stellte Ko Insok von der Inha-Universität die Frage: „Unter welcher Bedingung werden Artefakte als Personen gelten können?“ Mit „Artefakt“ meinte Ko jede Art von ausgelagertem (sozialen) Geist, die dann als „Person“ bezeichnet werden könne, wenn sie in ein Handlungssystem integriert ist, in dem sie sowohl als Objekt wie auch als Subjekt auftritt. Abschließend zitierte Ko ein Beispiel aus seinen unabgeschlossenen Untersuchungen, wann ein Roboter als Person gelten könne: Wenn er sich das 3. Robotergesetz von Isaac Asimov zu Eigen mache, das da lautet:  „Ein Roboter muss seine eigene Existenz beschützen.“

Das ADeKo-Symposium 2016 hatte ein vielschichtiges Thema, das durch den Sieg von AlphaGo über den Koreaner Lee Sedol im März 2016 gerade topaktuell geworden war und in naher wie ferner Zukunft immer wichtiger werden wird. An der Auswahl und Gestaltung der Vorträge war nicht viel auszusetzen, doch das zeitliche Limit von 30 Minuten für die beiden Haupt- und jeweils 10 Minuten für die zahlreichen Nebenvorträge war eindeutig zu knapp bemessen. Das hatte zur Folge, dass die Frage- und Diskussionsrunde gebündelt und ganz ans Ende der Veranstaltung gelegt wurde, was dem Geist von Kommunikation und fruchtbarem Austausch fundamental zuwiderläuft. Außerdem war der Rezensent gezwungen, nach den Vorträgen zu einer Unterrichtsveranstaltung an seine Uni zu eilen und bekam von diesem Teil der Veranstaltung leider kaum etwas mit.


Copyright © 2016 by Thomas Kuklinski-Rhee


DaF-Szene Korea Nr. 43

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