Konstantin Kountouroyanis

Ein ganzes Land unter einer riesigen Luftglocke

Vitaly Mansky: „Im Strahl der Sonne“


Fast jeder DaF-Dozent kennt das Hörspiel von Lothar Streblow aus dem B2-Lehrbuch. Ein ganzes Volk ist kaserniert, interniert und lebt – wie der Vertreter der Behörde es nennt – „glücklich“ unter hermetisch abgeschlossenen Luftglocken. Außerhalb der Luftglocken, so erklären es die Führer der Gesellschaft, sei tierisches und menschliches Leben nicht möglich. Die anhaltende Verseuchung von Wasser und Luft mache dies unmöglich. 1972 wurde das Stück mit dem Hörspielpreis der ARD für Kurzhörspiele ausgezeichnet. Doch in dem Hörspiel entdeckt eines Tages ein Mann beim Spaziergang außerhalb der Luftglocken, der stundenweise in Schutzanzügen und mit Sauerstoffbehältern unternommen werden kann, in einem naheliegenden Bächlein einen Fisch. Einen Fisch im Jahr 2972! Als das Hörspiel 1972 den Preis gewann, da war Deutschland noch in die Bundesrepublik und die DDR geteilt und natürlich war es klar, was der Fisch symbolisieren sollte.

Nordkorea schreibt das Jahr 103 nach der Geburt des Großen Führers Kim, Il-Sung bzw. 2014 nach unserer Zeitrechnung, als der 1963 in der damaligen Sowjetunion geborene Dokumentarfilmer Vitaly Mansky nach Nord-Korea reist, um einen Film über das Leben des jungen Mädchens Zin-Mi zu drehen. Monotisch klingt die Film-Melodie, zusammengesetzt aus einfachen Klaviertönen und Akkorden, in Moll, die sich wie die Monotonie eines immerwährenden Metronoms über den gesamten Film legt und eine Trostlosigkeit im Leben von Zin-Mi beschwört, die wahrscheinlich mit dem ersten Schlag ihres Herzens begann und wahrscheinlich für sie auch erst mit dem letzten aufhören wird. Wie trostlos muss das Leben für ein Kind sein, wenn es spätestens nach seinem dritten oder fünften Geburtstag weiß, dass jeder Tag im immer gleichen Grau gehüllt sein wird, bis der Tod einen aus diesem ewigen Albtraum erlöst. Dies alles können wenige Klaviertöne – ohne dass ein Wort des Kommentators notwendig ist – vermitteln.

Vitaly Mansky hat es geschafft eine todtraurige Geschichte ohne Worte, nur durch die eindrucksvolle Kraft der Bilder und den kommentierenden Klavierklängen zu erzählen. Die Kinoversion, die ich mir zwei Mal in Prag – einmal im bekannten Kino Lucerna und ein weiteres Mal in einem Open-Air Kino am Metronom auf dem Letna, wo einst die Stalin-Statue thronte, ansah, enthielt im Gegensatz zu der bei Youtube veröffentlichten (und mittlerweile wieder gesperrten) Version keinen Kommentarton. Lediglich die Dialoge der handelnden Personen wurden auf Tschechisch untertitelt. Während am Letna-Hügel das Open-Air Kino junge Studenten, die allesamt nach 1989 geboren wurden, zum Publikum hatte, waren die Besucher des legendären Lucernas Berufstätige der Jahrgänge 1950 – 1980. Um ehrlich zu sein: Ich bin froh, dass der Film in Tschechien gezeigt wurde, weil sich eine nicht geringe Anzahl an Populisten und konservativen Aktivisten in den letzten 5 Jahren, insbesondere Leute der jüngeren Jahrgänge um und nach 1989 ein kommunistisches Tschechien wieder zurückwünscht. Auch die Menschen in Polen und Ungarn üben sich gerade darin, eine Rolle rückwärts zu machen.

Der Film „Im Strahl der Sonne“, der in Tschechien unter dem Titel „V paprscích slunce“ lief, rüttelte junge Leute wieder wach und zeigte ihnen, wie der Traum von der kollektiven Gleichheit im Albtraum der kollektiven Gleichgültigkeit enden kann. Im ZEIT-Interview äußerte sich Vitaly Mansky dahingehend, dass ihn die Architektur, die Kunst und das öffentliche Leben an die frühen Jahre der Sowjetunion, also der 30er und 50er, erinnerte. Die 50er Jahre, das war auch die Zeit der massenhaften Todesurteile in der Tschechoslowakei, der Slánský-Prozesse und der Zeit, als Menschen ohne besonderen Grund in Gefängnissen verschwanden, oft auf nimmer wiedersehen.

In Nord-Korea scheint diese Atmosphäre der Angst und des Misstrauens nun mittlerweile seit Jahrzehnten anzuhalten. Im gleichen ZEIT-Interview merkt Mansky an, dass das öffentliche Leben in Nord-Korea nicht nur vom immer gleichen alltäglichen Stumpfsinn geprägt ist, sondern dass die Kinder – und das zeigt auch der Film mit seiner Unterrichtsszene eindeutig – in einem Klima der permanenten Propaganda gegen Süd-Korea, Japan und die USA erzogen werden, sodass den Menschen es eigentlich gar nicht klar sein kann, dass außerhalb ihrer „Luftglocke“ der Krieg schon längst zu Ende ist. Doch es ist nicht nur das künstlich aufrecht erhaltene Bild über das Ausland, das der Film transportiert. Der Film verrät auch viel über die Gesellschaft an sich und dass ohne die Zensoren es hätten verhindern können. Es sind Szenen wie die gemeinsamen Fitness-Übungen auf der Straße, der Blick aus dem Fenster am Morgen, die alten, mit massenhaft klimpernden – und dadurch inflationär wertlos gewordenen – Orden überhäuften Veteranen, die die Schulkinder mit den ewig gleichen Kriegsgeschichten zum Einschläfern langweilen. Es ist der Blick in die Gesichter der Menschen beim Einsteigen in die Metro von Pjöngjang. Es ist der Blick von Zin-Mi, wenn sie teilnahmslos aus dem fahrenden Bus in das winterliche Grau der Straßen sieht. Es sind die Plattenbauten und der neblige Smog, der sie umgibt. Es ist die Luft, die den Menschen auch unter der „Kuppel Nord-Korea“ zum Atmen fehlt. Denn Freiheit ist wie Luft.

Doch die Zensoren haben trotzdem versucht, nichts dem Zufall zu überlassen. Das Film-Team bekam vor Beginn ihrer Arbeiten ein komplettes Drehbuch vorgesetzt. Daran hatten sie sich zu halten. Vitaly Mansky gelang es aber in den Drehpausen die Kamera einfach weiterlaufen zu lassen und diese Szenen außer Landes zu schmuggeln. So wird die sog. Essen-Szene in der elterlichen Wohnung, in der Zin-Mi mit ihrer Familie vermutlich nur für die Dauer der Dreharbeiten „gewohnt“ haben, mehrmals hintereinander geschnitten gezeigt. Der immer gleiche Dialog über die koreanische Nationalspeise und wie gesund sie sei, endet mit dem „ungezwungenen“ Gelächter der Eltern. In den tschechischen Medien wies ein Journalist darauf hin, dass diese nicht autorisierten Szenen mit Sicherheit für Sympathien beim Publikum sorgen, aber für diese „Nachlässigkeit“ bei der Überwachung des ausländischen Filmteams vermutlich „irgendjemand“ mit dem bisschen von seiner Freiheit, das ihm in diesem Land noch geblieben war, bezahlen musste. Ein armer Teufel mehr, der in irgendeinem nordkoreanischen Gefängnis oder Arbeitslager, ja wenn nicht sogar am Galgen gelandet ist und so für diese Filmszenen geradestehen musste.

Natürlich sollte die Dokumentation über das Leben der 8jährigen Zin-Mi vollkommen durchorganisiert sein. Bilder aus dem wahren Leben sollten nicht eine Filmminute lang beleuchtet werden. Dafür zeigt aber der Film eines ganz deutlich. In Nord-Korea scheint alles Kulisse zu sein. Der Gang in die Schule, der Unterricht, die Familienfotos, die Berichte der Veteranen über den Großen Führer oder auch der Blick in die produzierenden Betriebe. Sogar die gemeinsamen Fitness-Übungen. Es ist ein wenig so, als wenn alle wüssten, dass Theater gespielt wird, aber keinem der Unterschied zwischen Bühne und Tribüne klar ist. Wer ist Zuschauer und wer Schauspieler? Oder wie es Mansky im ZEIT-Interview ausdrückte: Es gibt keinen Unterschied zwischen Fiktion oder Dokumentation. „Es gibt nur ein Dogma, das alles durchdringt, das ganze Leben.” Richtig merkt er an, dass ein Schauspieler die Möglichkeit hat, eine Rolle anzunehmen oder abzulehnen. Den Menschen in Nord-Korea fehlt diese Wahl. Sie werden in ein System hineingeboren, in dem ihnen eine Funktion zugewiesen wird. Der Vergleich mit einer anderen Utopie, nämlich der aus Gene Roddenberrys Holodeck-Vision, liegt da nahe. Menschen werden kreiert, programmiert und dass alles, damit sie innerhalb eines vorgegebenen Handlungsrahmens agieren – nicht interagieren; und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, erschreckt erst beim zweiten Hinsehen die Tatsache, dass – wie Mansky es anmerkt – die Personen dieses potjomkinschen Landes gar nicht ihrer Künstlichkeit bewusst sind. Man merkt, wie Zin-Mi, wie alle jungen Menschen, innerlich noch rebelliert. In wenigen Jahren wird auch diese kleine Flamme des Widerstands in ihr wohl erloschen und sie ein perfektes Mitglied ihrer Gesellschaft sein. Vielleicht wird sie sogar glauben, dass sie frei und glücklich ist. Oder wie der Mann in Streblows Hörspiel es formuliert: Glücklich kaserniert, glücklich in einer Gesellschaft aus der Retorte, in der die Menschen künstlich ernährt und künstlich am Leben erhalten werden, für ein Leben nach den Wünschen ihrer Führer.

Manskys Film konnte nicht zeigen, wie all die anderen Millionen Nord-Koreaner unter einer anzunehmenden Lebensmittel- und Energieknappheit und wer weiß unter welchen Arten der Mangelwirtschaft noch  (Stichwort: Medizinische Versorgung) leiden, aber der Film konnte Einblicke in die Psyche einer Gesellschaft und ihrer Führer geben. Dadurch, dass die Zensoren Mansky ein komplettes Drehbuch vorgesetzt haben, haben sie auch mehr darüber verraten, wie sie sich gerne selbst sehen wollen, es aber nicht sind.


Copyright © 2016 by Konstantin Kountouroyanis


DaF-Szene Korea Nr. 43

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