Gerd Jendraschek

Bericht über das Treffen der Ortslektoren in Taiwan zum Thema „Die Bedeutung der Landessprache“


Für ihr Treffen am 19. Dezember 2015 hatte die Vereinigung der deutschsprachigen Ortslektoren in Taiwan jeweils einen Vertreter aus Japan und Südkorea gesucht und so wurde ich schließlich eingeladen, auf ihrem Treffen als Gastredner einen Vortrag zum Rahmenthema „Die Bedeutung der Landessprache“ zu halten. Das Treffen fand an der Nationaluniversität Taiwan (NTU) in der Hauptstadt Taibei (oder in eingedeutschter Schreibweise Taipeh) statt und dauerte den ganzen Tag. Meine Teilnahme wurde vom DAAD finanziert, wofür ich mich bei dieser Gelegenheit bedanken möchte.

Neben dem Gastredner aus Japan, Axel Harting von der Universität Hiroshima, und mir hatten sich rund ein Dutzend Deutschlektoren aus Taiwan eingefunden. Obwohl einige der angekündigten Programmpunkte entfallen mussten, ließ sich der Tag auch mit den verbleibenden fünf Vorträgen samt anschließenden Diskussionen gut füllen. Mein Vortrag hatte den Titel „Das Potential der Landessprache im universitären DaF-Unterricht: Erfahrungsbericht aus Südkorea“. Der detaillierte und empirisch fundierte Vortrag von Axel Harting aus Japan mit dem Titel „L1 oder L2? Einsatzweisen der Muttersprache der Lernenden im DaF-Unterricht in Japan“ bestätigte nicht nur viele meiner eigenen Beobachtungen, sondern lieferte auch nützliche Hinweise, wie die Verteilung der Sprachen im DaF-Unterricht weiter optimiert werden kann. Ich werde daher gleich noch einige Punkte aus diesen beiden Referaten vorstellen. Weitere Vorträge beschäftigten sich mit den Themen „Fachsprache Jura in der taiwanischen Praxis“ (C. Petzold), „Der Kulturbegriff im DaF-Unterricht“ (Ursula Grütter) und „Unterrichten ohne Lehrbuch: Ein Kurs mit Materialien der Deutschen Welle“ (Stefanie Eschenlohr).

In meinem Referat habe ich versucht darzulegen, warum Ortslektoren zumindest Grundkenntnisse der Landessprache haben sollten und wie diese zur Verbesserung des  Unterrichts eingesetzt werden können. Zweisprachiger Unterricht findet in meinem Unterricht vor allem bei der Übersetzung von Modellsätzen statt, welche teils der Hörgeschichte, teils den Übungen des Lehrbuchs entnommen, teils konstruiert sind. Die Modellsätze zu einer Lektion werden den Studierenden zu Beginn der Lektion in einer Satzliste präsentiert. Die Lernenden suchen zunächst eigenständig Übersetzungen ins Koreanische und bilden so Hypothesen zu Wortschatz und Grammatik; sie entdecken, wo sich die Sprachen ähnlich verhalten und wo eine wörtliche Übersetzung nicht möglich ist. Statt nur passiv den Erklärungen des Lehrenden oder einer Vokabelliste im Lehrbuch ausgeliefert zu sein, wird durch diese Annäherung an die neue Lektion das aktive Erschließen der Fremdsprache ermöglicht. Der individuelle Einsatz von Smartphones ist hierbei ausdrücklich erwünscht. Die Lernenden übersetzen mit ihrer individuellen Geschwindigkeit und haben die Möglichkeit, mit dem Lehrenden individuell Übersetzungsprobleme zu besprechen. Dieser kann dann Hilfestellung geben, insbesondere bei unbekannten grammatischen Phänomenen, Polysemie, Homonymie, Phraseologismen, und Ähnlichem, das beim Übersetzen Probleme bereitet. Missverständnisse werden durch den Übersetzungsvorgang und den anschließenden Vergleich der Lösungen aufgedeckt und geklärt.

Diese Übung ist im Prinzip auch mit Lehrenden möglich, die die Landessprache nicht beherrschen; allein der Vergleich der individuell gefundenen Lösungen und die Suche unter den Studierenden nach der „besten“ Übersetzung kompensieren dann die fehlende Überprüfung durch den Lehrenden. Allerdings garantiert Konsens unter den Lernenden noch lange nicht die korrekte Interpretation der deutschen Daten. Daher korreliert die Qualität dieser Unterrichtseinheit doch mit dem Niveau des Lehrenden in der Landessprache.

Die neuen Strukturen aus der nunmehr zweisprachigen Satzliste werden im Verlauf der Lektion in den verschiedenen Texten und Übungen wiedererkannt und so vertieft. Zum Ende der Lektion wird die Satzliste auswendig gelernt. Das Auswendiglernen ist ein weiterer Anreiz zur individuellen Analyse und unterstützt den Erwerb komplexer Einheiten statt isolierter Wörter.

Insbesondere wenn die Sprachen so verschieden sind wie Deutsch und Koreanisch, ergeben sich viele Fragen, die ohne den Einsatz der Muttersprache nicht befriedigend geklärt werden können. Bei Italienern, die das nahe verwandte Spanisch lernen, wäre eine zweisprachige Satzliste wohl unnötig. Je größer jedoch die Distanz zwischen L1 und L2 (oder L3), desto weniger führt schlichte Immersion zum Ziel. Hier ist vielmehr eine kontrastive Herangehensweise erfolgversprechender.

Als sinnvolle Übung zur Verbesserung des Hörverständnisses hat sich die teilweise Transkription von Hörtexten erwiesen. Während diese Übung im Prinzip einsprachig, also rein deutsch, ablaufen kann, ist der Einsatz der Muttersprache, also in unserem Fall Koreanisch, oft hilfreich, um die Studierenden in die richtige Richtung zu lenken und Fehler zu verdeutlichen. Bei einer Erklärung auf Deutsch wird oft nicht verstanden, wo der Fehler liegt, während bei einer wörtlichen Übersetzung eines vom Studierenden produzierten falschen deutschen Satzes sich die Sinnlosigkeit des Satzes meist sofort offenbart.

Allgemein gilt, dass der Anteil des Deutschen mit dem Niveau der Lernenden korrelieren sollte. Dies war auch die zentrale Botschaft des Vortrags „L1 oder L2? Einsatzweisen der Muttersprache der Lernenden im DaF-Unterricht in Japan“ von Axel Harting von der Universität Hiroshima. Ein Punkt war die Optimierung der Lehrpraxis durch bewusste Sprachverwendung. Als empirische Grundlage wurden zunächst die Äußerungen des Lehrenden während des Unterrichts transkribiert und statistisch ausgewertet. Hierdurch konnte bestätigt werden, dass auf der Stufe A1 der Anteil des Japanischen noch bei 45% liegt, bei den Lernenden der Stufe A2 auf 30% zurückgeht, und auf dem Niveau B1 schließlich auf 12% schrumpft. Während also in den Anfängerklassen Deutsch überwiegend nur Objektsprache ist und Japanisch als Metasprache fungiert, kann der Fortgeschrittenenunterricht überwiegend auf Deutsch erfolgen, sodass die Verwendung des Japanischen auf die Erläuterung komplexer Inhalte, die Mitteilung wichtiger Informationen und die Motivierung der Lernenden beschränkt werden kann.

Im Rahmen der empirischen Untersuchung waren auch die Lernenden zur gewünschten Verwendung der beiden Sprachen befragt worden. Hierbei ergab sich, dass A1-Lerner die L1 für die Unterrichtskommunikation bevorzugen und die Befürchtung äußern, L2-Instruktionen nicht zu verstehen, während B1-Lerner einen überwiegend in der L2 durchgeführten Unterricht begrüßen. Die einzige Ausnahme hierbei waren Ankündigungen von oder Erläuterungen zu Tests und Prüfungen.

Insgesamt scheint der Einsatz der Muttersprache der Lernenden wenig kontrovers. So stimmten bei einer weiteren Umfrage 83% der deutschen und 80% der japanischen Deutschlehrenden der Aussage zu, dass im Deutschunterricht beide Sprachen, also Deutsch und Japanisch, jeweils nach Maßstäben der Effektivität verwendet werden sollten. Die Aussage, dass ausschließlich Deutsch verwendet werden sollte, fand hingegen überhaupt keine Zustimmung.

Die beiden hier kurz zusammengefassten Vorträge sprachen sich also für den umsichtigen Einsatz der Muttersprache der Lernenden im Fremdsprachenunterricht aus. Im Laufe der Veranstaltung zeichnete sich dann auch der Konsens ab, dass Kenntnisse der Landessprache für den DaF-Unterricht von hohem Nutzen sind. Die ausschließliche Verwendung des Deutschen vom ersten Tag an schüchtert die Studierenden ein und schafft eine Barriere zwischen Lehrenden und Lernenden. Insbesondere in den Anfängerkursen hilft der abgewogene Gebrauch der L1 daher, „das Eis zu brechen“, Missverständnisse zu klären, die knappe Unterrichtszeit effizienter zu nutzen und einen Unterricht „auf Augenhöhe“ zu halten.

Neben der fachlichen Komponente diente das Treffen mit Teilnehmern aus Taiwan, Japan und Südkorea auch der Vertiefung der Beziehungen zwischen den Ortslektoren der drei Länder, die unter recht ähnlichen Bedingungen leben und arbeiten und daher von einem regelmäßigen Austausch profitieren.


Copyright © 2016 by Gerd Jendraschek


DaF-Szene Korea Nr. 43

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