Marc Herbermann

Peter Haubner oder das Leben eines Deutschlektors in Korea


Peter Haubner (1948 - 2016) kannte ich als Teilnehmer der LVK-Lektorentreffen seit mehr als sieben Jahren. Er unterrichtete an der Jeonju Universität in Hyoja-dong, Wansan Gu, Jeonju. Ich vermisse ihn, das Gespräch mit ihm, seinen Geist, seinen Humor, seine Gestalt. Im März 2016 ist er von uns gegangen. Peter kam regelmäßig zu den Zusammenkünften der Lektoren-Vereinigung Korea. Wie lange er schon in Korea war, weiß ich nicht, vielleicht 20 Jahre. Einmal berichtete er mir: Nach einer schweren Erkrankung vor vielen Jahren habe ihn seine Frau gefragt, ob er nicht als Deutsch-Lehrer in Korea unterrichten wolle? Er habe zugestimmt.

Peter strahlte für mich bajuwarische Gemütlichkeit aus. Er konnte über alle möglichen Themen kenntnisreich sprechen, dabei vertrat er, was ich an ihm schätzte, auch begründete Standpunkte jenseits der offiziellen, medial vermittelten Einheits-Weltsicht. Er trank gerne Bier. Er meinte, auch in seiner Jugend habe er dem Bier in größeren Mengen zugesprochen. Seit dem Jahre 2013 hatte er allerdings seinen Bierkonsum stark gedrosselt und sogar teilweise ganz eingestellt. Nach den Lektorentreffen pflegte er früher „auf ein Bier“ noch mit zu kommen. In den letzten Jahren wurde dies allerdings seltener: Immer öfter ging er auch gar nicht mehr mit.

Nicht nur in der Kneipe, auch während der Veranstaltungs-Pausen und auf unseren Fußwegen zur U-Bahn unterhielten wir uns angeregt: über Politik, Gesundheits- und Wirtschaftsthemen - und auch über Fragen der Lebensgestaltung. Fragen des DaF-Unterrichtes behandelten wir ebenso, sie rückten jedoch eher in den Hintergrund. Einmal diskutierten wir darüber, ob es sinnvoll sei, Englisch im Unterricht zu benutzen. Ich plädierte für eine sehr begrenzte und dosierte Bezugnahme auf englisches Vokabular, etwa wenn international gebräuchliche Wörter im Englischen und Deutschen einander ähneln oder gleich sind. Dies gelte auch für den Unterricht mit Personen, die gerade anfangen, Deutsch zu lernen. Ich meinte, der Einsatz des Englischen solle auch hier nur mit Vorbehalt erfolgen. Peter dagegen schien öfter Englisch im Unterricht zu benutzen. „Wie will ich mich sonst bei einem geringen deutschen Sprachniveau meiner Studenten verständigen?“, fragte er. Ich meinte dagegen, dass der Lehrende kaum eine andere Sprache als Deutsch braucht, sofern es ihm oder ihr gelingt, das Publikum in kleinen Schritten zu Wort- und Satzbedeutungen sowie zu grammatischen Formen zu führen.[1] Allerdings, hier stimmte ich mit Peter überein, stößt dieses  Verfahren in einigen Situationen an seine Grenzen und in denen andererseits der Lehrende das Problem oder die Regel nicht oder nur unzureichend in Koreanisch darstellen kann. In solchen Situationen liegt der Wechsel in die englische Sprache nahe.

Eine Zwischen-Bemerkung: Der englische Immersionsunterricht ist in Korea allgemein akzeptiert. Was spricht aber dagegen, auch Anfänger (ausschließlich) auf Deutsch zu unterrichten? Eigentlich nichts. Dagegen spricht an vielen koreanischen Universitäten hingegen die Gewohnheit. Etabliert sind Germanistik-Seminare auf Koreanisch. Germanistik Fachbereiche erachten den Deutsch-Unterricht des ausländischen Lektors zwar als notwendig und sinnvoll, allerdings weniger die Studenten. Gerade Studierende, die eher unfreiwillig Germanistik studieren, sträuben sich gegen einen überwiegend in einer fremden Sprache abgehaltenen Unterricht. Denn sie sind es gewohnt, vieles fertig in Koreanisch präsentiert zu bekommen.

Peter erzählt mir einmal, seine Frau sei engagierte Buddhistin. Ebenso ein Sohn und eine Tochter, die mittlerweile seit einigen Jahren in Berlin in einem koreanischen buddhistischen Zentrum lebt. Peter selbst genoss in jungen Jahren auf einer Klosterschule eine streng katholische Erziehung. Vermutlich strahlte diese Erziehung mit anderen Vorzeichen auch auf seine Familie ab. Es fiel ihm schwer, mit dieser Lage umzugehen, wie er mir öfters sagte: Er in Korea, ein Teil seiner Familie,  ganz dem Buddhismus ergeben, in Deutschland. Vor Jahren bat er mich, einen Fragebogen auszufüllen: Eine Untersuchung sollte mehr über den Lebenswandel von buddhistisch orientierten Paaren herausfinden. Ich habe einen solchen Fragebogen jedoch nie erhalten.

Eng verbunden mit dem Lebenswandel ist die Frage: Wo gehe ich welcher Erwerbsarbeit nach? Peter war pragmatisch. Er meinte, Bücher von Dale Carnegie und Napoleon Hill und „all das andere Zeugs solcher Autoren“ könne ich vergessen. Solche Bücher habe er schon vor dreißig Jahren aufgehört zu lesen. Daher waren ihm neuere Ansätze der Zeit- und Lebensgestaltung unbekannt, etwa David Allens Methode „Getting Things Done“. „Das Problem ist, du kannst dich nicht ändern“, sagte er einmal zu mir als wir uns im Mai 2014 zu einem Lektorentreffen im Kloster Waegwan einfanden. „Reiche Leute, oder solche, die es werden wollen, sitzen nicht so herum wie wir“, behauptete er abends bei einem Glas Bier. „Sie sind ständig für andere ansprechbar, teilen ihre Zeit genau ein und tragen Maßanzüge zu mehreren tausend Euro. Schau dich einmal an, trägst du sehr teure Klamotten?“ Mir schien diese Argumentation damals zu holzschnittartig. Was spricht gegen die Möglichkeit, durch eine systematische Vorgehensweise sich ein Vermögen aufzubauen? Aber, soweit mir noch in Erinnerung war, ging es mehr um die dazu notwendige Motivationslage. Und hier habe ich ähnliche Zweifel wie Peter. Wem in unseren Kreisen gelingt es schon, seine Gemütslage so umzukrempeln, dass die Liebe zum Reichtum an der Spitze der eigenen Werthierarchie steht?

Peter jedenfalls vermittelte den Eindruck, sich in seinem Leben einen ausreichenden Lebensstandard erarbeitet zu haben. Früher arbeitete er als Zahnarzt in verschiedenen Ländern, auch auf den Philippinen. Er war kein Germanist, sondern Zahnmediziner. Sein Doktortitel erleichterte ihm einen Zugang zu einer akademischen Tätigkeit in Korea. Er meinte, es war vielen Koreanern anfangs gar nicht bewusst, dass er kein Germanist war, allein sein Titel habe bereits Kompetenz ausgestrahlt. Vermutlich unterrichtete er viele Jahre als Deutsch-Lektor auf einer Vollzeitstelle auf der Jeonju Universität.

Irgendwann sagte er mir einmal „Nun hab ich ihn, endlich hab' ich ihn.“ „Was hast du nun?“, wollte ich wissen. „Na, den Rentenbescheid.“ Auch Peter lebte wie viele andere am Ende ihres aktiven beruflichen Lebens überwiegend in Gedanken an die Zeit danach. Dennoch lehrte er nach seiner Pensionierung noch einige Jahre weiter als Lehrbeauftragter.

*

Ich hatte immer den Eindruck, Peter interessiere sich für Fragen des Deutschunterrichtes und der Germanistik an koreanischen Schulen und Hochschulen. Nicht zuletzt deswegen kam er regelmäßig zu den Lektorentreffen. Doch er schien sich nicht mit einem Dasein als Deutsch-Lektor in Korea zu identifizieren. Im Grunde genommen ist dies bei manchen Deutsch-Lektoren, wage ich an dieser Stelle zu behaupten, nicht viel anders. Wer kann schon behaupten, zielstrebig und enthusiastisch darauf hingearbeitet zu haben, einmal in Korea Deutsch zu unterrichten?

„Deutschlektor in Korea“ ist für viele ein Beruf mit verschiedenen Vorteilen, bestimmten Nachteilen und Risiken - und keine Berufung. Worin liegen die Vorteile? Ich möchte einige Stichworte nennen: im Glücksfall anspruchsvollere Unterrichtsgegenstände, relativ selbstständige Arbeitsweise, freie Zeitgestaltung - sofern man nicht auf einer Schule unterrichtet, recht lange Ferien. Von den langen Ferienzeiten machte Peter gerne Gebrauch. Er erzählt mir auch von seinen Ausflügen nach Thailand, und dass er danach wieder aufgeblüht sei. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, mit der koreanischen Kultur und Sprache vertraut zu werden. Das bedeutet natürlich auch, interkulturelle Erfahrungen machen zu können.

Und die Nachteile? Gelingt dem durchschnittlichen Lektor in Korea auf Deutsch ein inhaltlich anspruchsvoller Unterricht? Nach meinen Erfahrungen und Eindrücken nur sehr begrenzt. Kaum ein Deutsch-Lernender kann auf Deutsch differenziert über Geschichte, Politik, Wirtschaft, Literatur oder „heikle Themen“ sprechen. Peter ist viel in der Welt herumgekommen und hatte ein breites Wissen. Ich vermute: Er ließ seine Erfahrungen in den Unterricht mit einfließen, dass dieser ihn intellektuell aber unterforderte, weil er die eben erwähnten Themen nur oberflächlich behandeln konnte.

Weitere Nachteile einer Tätigkeit als „Deutschlektor in Korea“ sehe ich in dem recht geringen Einkommen, wenngleich Alteingesessene oder formal hochqualifizierte Lektoren ein relativ hohes Gehalt beziehen mögen. [2] Neben dem eher mageren Gehalt besteht ein weniger zufriedenstellendes Element des Arbeitsverhältnisses in den rechtlich eher unverbindlichen Bestimmungen. Viele Lektoren, einerlei welche Sprache sie unterrichten, hängen nach der ersten Vertragsperiode, und diese endet häufig nach einem Jahr, bereits in der Luft. Ihr Arbeitgeber lässt sie oft lange über eine Vertragsverlängerung im Unklaren. Manchmal steht sogar der Vertrag selbst zur Disposition: noch während der Vertragslaufzeit, und dass nicht, weil der Lehrende seine vertraglichen Pflichten verletzt hätte, sondern weil in der Einrichtung Umstrukturierungen anstehen, von denen eher Angestellte mit geringer Positionsmacht betroffen sind. Konflikte mit Kollegen können in jedem Land, können überall auftreten. In Korea kann sich der Dozent allerdings weniger auf das Arbeitsrecht berufen. Die Regeln in den von vielen privaten Universitäten gemachten Verträgen sind änderbar und scheinen nur mit hohen Nachteilen einklagbar zu sein.

Zudem fallen die Menschen, so ist mein Eindruck, eher durch das sozialstaatliche Netz in Korea als in Deutschland. Die sozialstaatlichen Beiträge für Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter fließen spärlicher. Der durchschnittliche Lektor wird wohl kaum mit seinen Zahlungen in die hiesige Rentenkasse seinen Lebensabend bestreiten können. Daher hatte sich Peter, so erzählte er mir einmal, nach mehreren Seiten, auch durch rentable Aktienanlagen, auf seinen Ruhestand vorbereitet.

Eine Deutschdozenten-Tätigkeit in Korea kann auch in einer Einbahnstraße enden. Wer mit Feuer und Flamme Deutsch unterrichtet und darin seine Lebensaufgabe sieht, der sieht auch in Korea eine willkommene Gelegenheit des Wirkens und Lernens. Aber was ist mit denjenigen, die glauben, ihr berufliches Leben bestehe vielleicht aus etwas anderen als darin, über Jahre relativ einfach strukturierte sprachliche Muster an ein nicht gerade lernbegieriges Publikum zu vermitteln? Für diese wird der Absprung mit den Jahren immer schwieriger. Peter dachte offenbar schon lange nicht mehr an einen „Absprung“. Er hatte sich damit abgefunden, wahrscheinlich sogar damit angefreundet, seinen Lebensabend in Korea zu verbringen.


[1]     So geschieht es in dem Lehrwerk „Erste Schritte“: Jutta Orth-Chambah, Dörte Weers, und Renate Zschärlich, Erste Schritte. Vorkurs Deutsch als Fremdsprache (Hueber, 2007).

[2]     Darauf deuten jedenfalls die Ergebnisse einer auf dem Lektorentreffen im Mai 2015 vorgestellten nicht repräsentativen Befragung.


Copyright © 2016 by Marc Herbermann


DaF-Szene Korea Nr. 43

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