Marc Herbermann

Lehrmaterial und heterogene Lerngruppen


Deutsche Sprachkurse, Seminare und germanistische Veranstaltungen an koreanischen Universitäten bestehen oft aus heterogenen Lerngruppen. Lehrende und Studierende an deutschen oder europäischen universitären Einrichtungen sind es gewohnt, dass das Lernniveau in einem Sprachkurs hinsichtlich bestimmter Merkmale (Jahrgangsstufe, bereits in einem Sprachkurs gelernte Stundenzahl der Teilnehmenden,[1] Fachrichtung und Sprachkompetenz der TN) relativ wenig streut. Doch für die Merkmale von TN an Sprachkursen und Lehrveranstaltungen an koreanischen Universitäten scheint es nur offizielle Empfehlungen zu geben, die tatsächlich kaum Beachtung finden. So besuchen regelmäßig Studierende, die kurz vor dem Abschluss stehen, Anfängerkurse, oftmals getrieben von der Motivation, dort noch gute Noten einzufahren.

Auf welches Lehrmaterial sollte der Lehrende in solchen Kursen zurückgreifen? In vielen Fällen liegt das Lehrmaterial bereits fest. Der Fachbereich einer Universität X unterrichtet z.B. den Kurs A der 2. Jahrgangsstufe schon seit Jahren mit dem Buch studio d A1.[2] In anderen Fällen hat der Lehrende die Wahl, welches Material er oder sie verwendet. Das Lehrmaterial unterscheidet sich hinsichtlich der Frage, ob es eher dazu dienen soll, die Grundlage für einen inhaltlich umrissenen Kurs zu geben oder ob es in erster Linie dazu verhelfen soll, die Kompetenzen der TN methodisch zu trainieren und zu erweitern.

In die erste Kategorie fallen beispielsweise Unterlagen, die eine Veranstaltung zu einem bestimmten Film, Thema („Umweltschutz“, „Wiedervereinigung“, „Familie“ …) oder Buch / Roman begleiten. In die zweite Kategorie fallen Materialien und Lehrwerke, die helfen sollen - entsprechend den Vorgaben des Fachbereiches - , ein bestimmtes Sprach- oder Kommunikationsniveau anzusteuern, oder die gezielt auf eine Prüfung beim Goethe-Institut vorbereiten wollen.

Das Angebot von Lehrbüchern für den deutschen Sprachunterricht ist beträchtlich. So sollte es keine Schwierigkeit bereiten, ein passendes Buch für koreanische Studierende zu finden, sollte der Lehrende meinen. Tatsächlich gibt es für die oben beschriebenen Zwecke viele geeignete, wenn auch nicht vollkommen passende Medien. Doch selbst die Verwendung eines geeigneten Mediums trifft auf gewisse Hindernisse. Einige Fachbereiche möchten etwa „keine Experimente“ machen. Lehrende eines bestimmten Fachbereiches unterrichten beispielsweise schon jahrelang mit dem Lehrwerk „Schritte international“,[3] das jedoch „eher für homogene Gruppen gedacht“[4] ist. Der Fachbereich hält an „Schritte international“ fest, aus Gewohnheit, weil die Lehrenden damit viele Erfahrungen gesammelt haben, oder weil dieses Lehrwerk sich bewährt habe. Tatsächlich sprechen gute Gründe dafür, ein Lehrbuch über mehrere Jahre als Standard zu behalten: Die Einführung eines anderen Lehrbuches, selbst wenn es eher auf das Ziel und die Teilnehmerstruktur eines bestimmten Kurses abgestimmt wäre, ist dann allerdings nicht erwünscht. Andere Fachbereiche geben keine bestimmten Lehrbücher vor. Es herrscht manchmal ein lernhemmender Pluralismus verschiedener Lehrmaterialien, selbst für Kurse derselben Kategorie. Gerade dies erschwert die obligatorische Einführung eines neuen Lehrbuches.

Denn eine oftmals unterschätzte Bedingung, die es beim Einführen eines Lehrwerkes zu berücksichtigen gilt, ist das Kaufverhalten und das Ausgabenkalkül koreanischer Studenten. Die Studiengebühren an einer koreanischen Universität übersteigen bei weitem die Gebühren an einer deutschen Universität. Die Kosten für Bücher nehmen daher im Etat koreanischer Studenten einen prozentual geringeren Anteil ein als dies bei deutschen Studenten der Fall ist. Dennoch besteht unter koreanischen Studenten die Tendenz, den Preis für ein Lehrbuch, selbst wenn es 10 Euro kostet, als „sehr hoch“ einzuschätzen und es daher eher nicht zu erwerben.

Daher lassen einige Fachbereiche, das (deutsche) Copyright umgehend, für ihre Studenten die Lehrmaterialien kopieren. An Fakultäten, die dies nicht organisieren, fertigt ein nicht geringer Teil der Studenten selbst Kopien der vorgegebenen Lehrwerke an. Schließlich glauben schätzungsweise 5 – 10 % der Studierenden, „ohne alles“ durchzukommen, selbst wenn in der Kursbeschreibung ein Pflichtwerk angegeben ist: Sie kaufen weder ein Originalwerk noch lassen sie sich eine Kopie anfertigen. „Gelegentliche Blicke in die Unterlagen des Nachbarn tun es auch“, so lautet ihre Devise.

Doch Abzüge ganzer Lehrwerke sind problematisch. Zunächst einmal verletzen sie das Urheberrecht, zumindest in seiner deutschen Fassung. Sind die Studierenden einmal an den Erhalt solcher Kopien gewöhnt, lässt sich der reguläre Kauf eines Lehrwerkes nur schwer wieder vorschreiben. Zudem haben diese Kopien häufig eine deutlich schlechtere Qualität als das Originalwerk (Farbe, Stabilität, Papieroberfläche), so dass sich ihre Nutzer weniger mit ihnen identifizieren.

Im Folgenden möchte ich tabellarisch verschiedene idealtypische Situationen des Einsatzes von Lehrmaterialien im Hinblick auf die Arbeit mit heterogenen Gruppen unterscheiden. Eine erste Annäherung an eine Einschätzung geben einige Merkmalsausprägungen auf einer Ordinalskala. [5]

L

Einsatz eines traditionellen Lehrbuches eines etablierten Verlages („Schritte international“, „studio d A1“, „Tangram“, „Themen aktuell“ … )

LA

Vom Fachbereich erstellte Kopie eines Lehrbuches

KA

Ausdrucke selbstkonzipierter, frei zur Verfügung gestellter Übungen, Kopien von Lehrmaterial aus traditionellen Lehrbüchern, Medien aus dem Internet, Ausdrucke von Übungen, die im Internet erhältlich sind

TL + KA

Traditionelle Lehrbücher und Kopien / selbst- oder fremdkonzipierte Übungen, Medien

B

Selbstgeschriebenes, bei einem (koreanischen) Verlag verlegtes Buch

Z (TL + KA)

Geheftete oder gebundene Zusammenstellung aus selbst- oder fremderstellten Übungsinhalten

 

 

 

L

LA

KA

TL + KA

B

Z

S

Preis für Studierende

sehr hoch

mittel

sehr gering

sehr hoch

hoch

mittel

S

Identifikation der Studierenden mit dem Lehrwerk

hoch

mittel

sehr gering

hoch

mittel

mittel

L

Einmaliger Arbeitsaufwand (meist vor dem Semester / Schuljahr, am Anfang)

mittel bis hoch

mittel bis hoch

hoch

mittel

sehr hoch

hoch bis

sehr hoch

L

kontinuierlicher, langfristiger Arbeitsaufwand

mittel

mittel

hoch

mittel bis hoch

mittel bis gering

gering

L

Möglichkeit, aktuelle unterhaltsame Texte und Medien zu integrieren

nein

nein

ja

ja

nein

begrenzt

S/L

Flexibilität (Möglichkeit, kurzfristig bestimmte Wünsche der Lernenden zu berücksichtigen)

sehr gering

sehr gering

sehr hoch

hoch

sehr gering

mittel bis hoch

S/L

Beachtung des Copyrights

ja

nein

begrenzt

ja

ja

begrenzt[6]

Setzt der Lehrende ein Lehrwerk ein, sei es ein etabliertes Lehrwerk eines Verlages oder sein eigenes Buch, entsteht eine gewisse Identifikation der Kursteilnehmer mit dem Lehrwerk und dem Unterricht. Denn niemand möchte „umsonst“ etwas kaufen oder etwas vergeblich zum Unterricht tragen. Der Kauf des Lehrwerkes soll sich also lohnen und die TN möchten in der Regel möglichst viele Lektionen des Buches durchnehmen. Andererseits sagt die Zahl der durchgenommenen Lektionen eines Kursbuches noch nichts darüber aus, ob die Lerninhalte dieser Lektionen auch tatsächlich angekommen sind; für einige Lernende ist diese Frage auch nachrangig. Zudem gelingt es kaum, ein Standard-Lehrwerk innerhalb eines Semesters durchzunehmen. Ein Lehrender kommt nun auf die Idee, den Kurs durch das Verteilen von Kopien interessanter und näher an den Teilnehmern zu gestalten. Verteilt er allerdings immer wieder Kopien, die nicht unmittelbar auf das Lehrwerk Bezug nehmen, fragen sich die TN: Warum haben wir eigentlich dieses Buch gekauft?

Tatsächlich kann der Lehrende die Studierenden damit verschonen, ein Buch „kaufen zu müssen“, und er kann die Materialien, die er für den Unterricht erforderlich hält, selbst kopieren (lassen). Das bedeutet für ihn oder sie die größte Flexibilität mit fallweise eingesetzten Kopien und Medien. Er kann während des Semesters, je nach Kenntnis-, Fertigkeits- und Motivationsstand der Klasse, Ausdrucke von selbst- oder fremderstellten Übungen (KA) an Schüler und Studenten verteilen. Auf diese Weise kann sich der Lehrende deswegen viel leichter auf eine heterogene Gruppe einstellen als mit einem vorgegebenen Lehrwerk. Damit ist allerdings ein recht hoher kontinuierlicher Arbeitsaufwand während des laufenden Semesters verbunden.

Zudem entsteht in den Unterlagen der Lernenden auf diese Weise ein Blättersalat, der eine durchgehende, auch äußerlich sichtbare Struktur vermissen lässt. Lernende können sich mit einem solchen Wust von losen Blättern natürlich nicht besonders gut anfreunden, es sei denn, sie heften ihre Unterlagen fein und säuberlich ab. Doch erbringt der durchschnittliche koreanische Studierende  während des Semesters diese Ordnungsleistungen?

Wer ein auf das Lernniveau des Kurses abgestimmtes Buch (L, LA), eine eigens konzipierte Textzusammenstellung (Z) oder gar ein selbst geschriebenes und verlegtes Buch (B) einsetzt, muss während des Semesters nichts - oder deutlich weniger - kopieren und in der Regel auch weniger vorbereiten. Denn die gedanklichen und organisatorischen Vorbereitungen sind bereits erfolgt. Es sei denn, der Lehrende unterrichtet zum ersten Mal mit diesem Werk.

Seit einigen Jahren verwende ich eine Text- und Übungszusammenstellung, die dazu dienen soll eine Unterlage für die Vorbereitung auf das Goethe-Zertifikat B1 zu sein. Diese Zusammenstellung ist weniger umfangreich als die für diesen Zweck konzipierten Lehrwerke. Zudem enthält sie auch viel Platz für Notizen. Dieser fehlt oft in den Standardlehrwerken.

In diese Kurse kommen Studenten mit unterschiedlichen Hintergründen und Motivationslagen. Einige haben schon einen Termin für die B1 Prüfung anvisiert, und sie wollen sich nun systematisch auf diese Prüfung vorbereiten. Der größte Teil der Anwesenden kommt jedoch nicht mit dieser Zielperspektive. Manche spielen nur mit dem Gedanken, später einmal die B1 Prüfung abzulegen. Andere wollen einfach lediglich ihre Deutschkenntnisse auffrischen. Die meisten möchten gut unterhalten sein.

Daher besteht, entgegen den gängigen Lehrwerken, die zielgerichtet und effizient nur auf das Goethe Zertifikat B1 vorbereiten wollen, ein - vergleichsweise kleiner - Teil der selbsterstellten Unterlagen auch aus Spielen, Videoclips oder Liedern. In ein im Unterricht eingesetztes Standard-Lehrwerk lassen sich solche Elemente nicht aufnehmen, jedoch in eine Textzusammenstellung: In sie können die Erfahrungen des laufenden Semesters einfließen, so dass sie im folgenden Semester leicht modifiziert erscheint. Hielt ich mich im unmittelbar prüfungsrelevanten Teil anfangs noch relativ eng an die Hinweise, Übungen und Aufgabenstellungen der für diesen Zweck erschienenen Lehrwerke und Prüfungsblätter,[7] so habe ich mittlerweile die Unterlagen auch hinsichtlich der Aufgaben deutlich differenziert.

In dieser Text- und Übungszusammenstellung eines Kurses, der offiziell als Vorbereitung für das „Zertifikat Deutsch“ B1 ausgeschrieben ist,[8] sind nun ebenso Übungen für die Stufen A1 und A2 enthalten.[9]   Während des Unterrichtes ist deswegen ein leichteres „Springen“ auf den verschiedenen Niveaustufen möglich. Der Lehrende kann unmöglich den Erwartungen und dem Kenntnisstand aller TN in solchen Kursen entsprechen. Dennoch stellen sich auf diese Weise aufgrund des Durchnehmens von ganz leichten bis mittelschweren Übungen bei TN auf unterschiedlichen Lernniveaus Erfolgserlebnisse ein.


Literaturliste

  1. Dinsel, Sabine und Monika Reimann. 2000. Fit fürs Zertifikat Deutsch. Tipps und Übungen. Ismaning: Hueber.
  2. Dockhorn, Birke. 2006. Schritte zur Internationalität - Das Lehrbuch Schritte international 1 im Vergleich zu Schritte 1. DaF-Szene Korea, Nr. 23 (Mai): 15–18.
  3. Fischer-Mitzviris, Anni und Sylvia Janke-Papanikolau. 2001. So geht’s. Fertigkeitentraining. Grundstufe Deutsch - mit Lösungen. Barcelona u.a.: Klett.
  4. ---. 2006. So geht’s zum ZD. Prüfungsvorbereitung Zertifikat Deutsch. Testbuch. Mit 10 Modelltests. Barcelona u.a.: Klett.
  5. Funk, Hermann, Christina Kuhn, Silke Demme und Oliver Bayerlein. 2010. studio d A1. Deutsch als Fremdsprache. Kurs- und Übungsbuch. Berlin: Cornelsen.
  6. Goethe-Institut. 2012. Goethe-Zertifikat A1: Start Deutsch 1, Übungssatz 01. http://www.goethe.de/lrn/prj/pba/bes/sd1/mat/deindex.htm (zugegriffen: 23. Februar 2015).
  7. ---. 2013a. Goethe-Zertifikat B1. Durchführungsbestimmungen: 1. Mai 2013.
  8. ---. 2013b. Goethe-Zertifikat A2: Start Deutsch 2, Übungssatz 01. 4. http://www.goethe.de/lrn/prj/pba/bes/sd1/mat/deindex.htm (zugegriffen: 23. Februar 2015).
  9. ---. Modellsätze für das Goethe-Zertifikat B1. http://bfu.goethe.de/b1_04/lesen.php (zugegriffen: 25. Februar 2014).
  10. Hueber Verlag. 2013. Zertifikat B1. Leitfaden zu Themen aktuell. Ismaning: Hueber.
  11. Klimaszyk, Petra und Isabel Krämer-Kienle. 2006. Schritte international 1. Lehrerhandbuch. Ismaning: Hueber.
  12. Maenner, Dieter und Hans-Jürgen Heringer. 2010. Prüfungstraining – Zertifikat Deutsch (B1) - mit Audio CD und Prüfungssimulator auf CD-Rom. 1. Aufl. Berlin: Cornelsen.

[1]     Im Folgenden für Teilnehmer oder Teilnehmerin auch TN.

[2]     Funk u. a. 2010.

[3]     Klimaszyk und Krämer-Kienle 2006.

[4]     Dockhorn 2006, 17.

[5]            „sehr hoch“, „hoch“, „mittel“, „gering“, „sehr gering“. Hierbei handelt es sich um die Einschätzung des subjektiv zugeschriebenen Wertes dieser idealtypischen Situationen durch Lehrende (L) und Studierende (S).

[6]     Sofern die Quellen von allen Übungen nachgewiesen sind und kein ganzes Lehrwerk, sondern nur kleine Teile (bis zu 12%) zum eigenen Gebrauch kopiert werden. Aus Zeitungen und Zeitschriften darf der Lehrende einzelne Beiträge kopieren (vgl. § 53 UrhG).

[7]     Um nur einige zu nennen: Dinsel und Reimann 2000; Fischer-Mitzviris und Janke-Papanikolau 2001; Fischer-Mitzviris und Janke-Papanikolau 2006; Goethe-Institut 2013a; Goethe-Institut; Hueber Verlag 2013; Maenner und Heringer 2010.

[8]     In vielen Stundenplänen immer noch mit dem Namen „ZD“ (koreanische Aussprache: CD :-)), obwohl das Goethe-Institut diese Bezeichnung nicht mehr verwendet.

[9]     Einige der Übungssätze sind im Internet frei erhältlich (Goethe-Institut 2012; Goethe-Institut 2013b)


Copyright © 2016 by Marc Herbermann


DaF-Szene Korea Nr. 43

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