Andreas Wistoff

Das Deutschlandbild der Straßennamen


Um es gleich vorweg zu sagen: Es handelt sich beim vorliegenden Werk um ein lesenswertes, lehrreiches und – was bei der Fragestellung nicht selbstverständlich ist: unterhaltsames Buch.

Untersucht wird darin, welches Personen-Gedächtnis die in Deutschland verwendeten Straßennamen vermitteln. An wen wird mittels des Straßennamens oft, an wen selten, an wen fast gar nicht erinnert? Mit untersucht werden geographische Nennungen (Orte, Landschaften, Flüsse), historische (Stämme und Herrscherhäuser) sowie die Namen von Tieren, Pflanzen und Märchenfiguren.

Hauptfragestellungen lauten: Welche Veränderungen erfuhren die Benennungen deutscher Straßen in den letzten Jahrzehnten, v.a. nach der deutschen Wiedervereinigung? Ferner, welche älteren Namensänderungen seit dem Ende des 2. Weltkriegs sind bemerkbar? Welches Gedächtnis charakterisieren die deutschen Straßennamen?

Der Autor untersucht zusammen mit DaF- und DaZ-Studierenden die deutschen Straßennamen auf der Basis zweier elektronischer Verzeichnisse (dem der Post und dem des Unternehmens Klicktel), die ganz Deutschland einschließen.

Die Lesererwartung liegt nahe, eine Reihe von Tabellen vorzufinden, die Gruppen und Listen von Straßennamen bieten, sortiert und quantifiziert – und ja, tatsächlich liegen fast 40 davon vor, die meisten enthalten Personen und verzeichnen mit Namen von Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern, jeweils sortiert nach deren Häufigkeit. Da ist zunächst zu bemerken, dass die deutschen Ortschaften in ihrer Summe nicht viel originellere Straßennamen haben als das Monopoly-Spielbrett. Goethe, Schiller und Luther, Kant und Dürer, Mozart und Beethoven dominieren die Rankings. Auch das Mittelfeld ist insgesamt ein kaum verblüffendes Wiederentdecken der bekannten Vertreter ihrer Zunft. Bemerkenswerter sind die Ränder, die die originelleren Namen enthalten, in regionaler und epochaler Sicht. Ein derartiges Ergebnis konnte erwartet werden, und seine Bestätigung ist auf wenigen Seiten ablesbar.

Die Studie bietet indes auf 270 Seiten weit mehr und viel Interessantes. Zunächst gleich in den Tabellen: Dort gibt es zunächst eine Unterteilung in die Gebiete der ehemaligen BRD und DDR, die nicht nur die Häufigkeit der Nennungen nebeneinanderstellt, sondern besonders anschaulich auch die Hochrechnung der Werte der DDR auf die Quantität der BRD bietet. So wird sichtbar, welche Straßennamen in der DDR relativ häufiger oder seltener waren als in der BRD. Zwei Beispiele dazu: Die NS-treue Schriftstellerin Agnes Miegel hätte es bei 98 westdeutschen Nennungen auf 29 ostdeutsche bringen müssen, um gleichauf repräsentiert zu sein, tatsächlich erreichte sie aber im Osten den Wert Null. Heinrich Heine hätte 183 DDR-Nennungen gebraucht, um ebenso häufig zu erscheinen wie in der BRD, doch bringt er es in Ostdeutschland auf doppelt so viele, nämlich 370 Straßenschilder. Bei den Tabellen, die jede für sich NS-Getreue, NS-Gegner, Emigranten, Widerständler, Politiker, Militärs, „entartete“ Künstler verzeichnen, ist die Aussagekraft erheblich und zeigt eine Reihe signifikanter Charakteristika und Gegensätze in den beiden deutschen Teilen. Soweit zum tabellarischen Teil der Studie.

Der weitaus größte Teil der Arbeit, mehr als 200 Seiten, besteht aus 23 Kapiteln, beginnend mit einer kleinen Geschichte der Straßennamen und ihrer vielschichtigen Funktionen, die sich den einzelnen Personen- und Sachgruppen widmen, diese Gruppen beschreibt, kommentiert und interpretiert, mitunter zu mehreren verbunden oder einander gegenübergestellt. In dieser Darstellung liegt der Erkenntnisgewinn und Wert der Studie.

Der Autor beginnt bei der nationalsozialistischen Vergangenheit, wendet sich in Richtung Ostdeutschland und Sozialismus, flaniert zum Bereich der Frauenemanzipation, von dort weiter zu Militärs, Pazifisten und Revolutionären, kehrt allmählich zurück zur Geschichte des frühen 20. Jahrhundert, zur Weimarer Republik, zum NS-Widerstand, sodann in die Bereiche der Kunst und Musik bis zu den geographischen und biologischen Namen, um schließlich zu den Märchen- und Sagenfiguren zu gelangen.

Wir haben es hier mit keiner exakten empirischen Studie zu tun, obwohl die Gesamtmenge mit über einer Million Nennungen gewaltig ist und sich auf das gesamte Gebiet Deutschlands erstreckt. Es wäre schlicht die Fehleranfälligkeit zu hoch: Bereits eingangs verweist der Autor auf Doppelungen, Varianten und Unvollständigkeiten in der Verwendung der Straßennamen (z.B. Bertha-/Berta-v./von-Suttner neben Von-Suttner und Suttner…), ferner Namensvettern oder sogar Unklarheiten, weswegen die Stadtverwaltungen mehr oder weniger lohnend um Auskunft gefragt wurden. Eine Analyse und Interpretation mit streng statistischer Methode wurde verworfen, zum Glück für die Studie und den Leser, denn der Autor geht klüger und nutzbringender vor, indem er essayistisch, subjektiv und genussvoll bummelnd vorgeht, plaudernd und unterhaltend, elegant moderierend, dann wieder an Details länger verweilend. Diese erzählerische Souveränität bedarf keiner Marginalien und Fußnoten, um einzuleuchten. Der Leser darf teilhaben am Assoziationsreichtums eines erfahrenen Hochschullehrers, an dessen persönlichen Priorisierungen von Personen, Ereignissen und Zusammenhängen, und vor allem an seiner Gelehrsamkeit, mit der Namen, Daten und Hintergründe zu einer Collage deutscher Geschichte und ihrer offiziellen Darstellung zusammengefügt werden, ergänzt durch graphische Darstelllungen und Illustrationen. Mit dieser Methode wird der Blick des Lesers gelenkt auf eine Fülle von Ergebnissen und Ableitungen, die geschickt freigelegt werden. Dies alles wird in pädagogisch erprobter Leichtigkeit und mit einigem Humor dargeboten, so dass die Lektüre jederzeit vergnüglich von statten geht.

Wem dieses Verfahren nicht hinreichend ernst erscheint, um dem gebotenen deutschen Ernst wissenschaftlicher Arbeit zu genügen, wer in mancher flotten Formulierung Oberflächlichkeit oder Unschärfe moniert, kann sich an der Fülle der Quellen laben, die auf 16 eng bedruckten Seiten der Studie beigegeben sind und zur eigenen Weiterarbeit einladen.

Die Lektüre lohnt sich sehr für alle Interessenten am Thema, besonders für Leser, die im Bereich Landeskunde, Kulturelles Gedächtnis, deutsche Wiedervereinigung, Vergangenheitsbearbeitung tätig sind.

 

Udo O.H. Jung: Deutsche SchildBürgerKunde. Das ausgestellte Gedächtnis der Nation.

München (Iudicium) 2014. 270 Seiten.


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DaF-Szene Korea Nr. 42

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