Reinhold Rauh

Das Herstellen von Filmen im DaF-Unterricht


I. Einleitung

Drehbücher, Treatments und sonstige sprachlich vorgefasste Konzepte sind Dreh- und Angelpunkt bei der Herstellung von Spielfilmen[1] . Wie das insbesondere für Literaturverfilmungen der Fall ist, drängt das Sprachliche geradezu zur audiovisuellen Umsetzung im Film. Mit der sprachlichen Form sind visuelle Assoziationen verbunden, die der fertige Film einlösen soll. Umgekehrt macht das sprachliche Konzept für Produzenten und Regisseure die Herstellung von Filmen kontrollier- und steuerbar.

Der Weg vom (zumeist) schriftlich Sprachlichen zum Audiovisuellen ist aber nie eindeutig festgelegt. Wie das wiederum die Literaturverfilmung zeigt, die auf Seiten der Rezipienten rituell mit dem Vergleich von literarischer Vorlage und Film beginnt und in verschiedensten Geschmacksurteilen endet, gibt es unterschiedliche audiovisuelle Lesarten, die allerdings kaum beliebig sein können, sondern durch mögliche bildliche Assoziationen und begriffliche Konnotationen des vorgegebenen Sprachlichen kanalisiert werden.

II. Filme im DaF-Unterricht

Auch im DaF-Unterricht können Filme eingesetzt werden, und auch in diesem Fall empfiehlt es sich, vom Verstehen des (in Drehbuch, Dialogliste oder Protokoll fixierten) schriftlich Sprachlichen in geplanten Schritten zum Verstehen des audiovisuellen Films hinzuführen.[2]

Idealerweise geschieht dies in einem ersten Schritt durch Einübung in den schriftlichen Text, also durch Erschließen von Lexik und Grammatik. Mittels des Textes kann insbesondere bei Fortgeschrittenen bereits vorhandenes lexikalisches und grammatisches Wissen verfestigt und möglicherweise verbessert werden; mittels des Textes kann aber auch insbesondere bei Anfängern erstmals in lexikalisches und grammatisches Wissen eingeführt und dessen Anwendung gelehrt werden. In jedem Fall ist hier beim pädagogischen und didaktischen Vorgehen das Niveau der Lerner und das Niveau des sprachlichen Textes differenziert zu berücksichtigen.

In einem zweiten Schritt ist zu empfehlen, das Verstehen des Textes seitens der Lerner durch gezielte Fragen des Lehrenden sicherzustellen. Da die Lerner im Gegensatz zum Lehrenden in diesem Stadium den fertigen Film noch nicht gesehen und gehört haben, sollten die Fragen gezielt auf mögliche Probleme, Peripetien oder den Plot der Handlung gerichtet sein, auf besondere Charakteristika der dramatis personae. Die Fragen können schriftlich oder mündlich erfolgen und sollten, um einen mehr kommunikativen Unterricht zu ermöglichen, nur mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantwortende W-Fragen eher vermeiden.[3]

Mit diesem vom Sprachlichen ausgehenden Vorgehen ergibt sich seitens der Lerner ein besonders für den DaF-Unterricht nützlicher Spannungsbogen. Das abstrakt Sprachliche führt zu Assoziationen, Antizipationen oder Imaginationen in Bezug auf den konkreten audiovisuellen Film. Kurz: Es wird unbewusst sublim oder bewusst rätselhaft Neugierde auf den Film erzeugt. Beim Zeigen des Films können diese Vorerwartungen bestätigt, enttäuscht oder verbessert werden, und es kann somit ein sinnlich-emotionales Verhältnis zum Gegenstand des Unterrichts erzeugt werden. Der Mehrwert eines Films gegenüber Texten aus reinen Lehrbüchern ist somit für den DaF-Unterricht gewährleistet.

III. Filmproduktion im DaF-Unterricht

Ein anderes Vorgehen, das entweder alternativ zu den genannten zwei Schritten oder kombiniert damit gewählt werden kann, soll im Folgenden ausführlicher und gründlicher dar- und vorgestellt werden. Es handelt sich um das Produzieren eines Videofilms durch die Lerner basierend auf der Dialogliste, möglicherweise auch auf dem Drehbuch oder sogar Protokoll eines bestehenden Films.

Vor fünfzig Jahren wäre das Produzieren eines Films ausgerechnet im DaF-Unterricht völlig unvorstellbar gewesen. Vor etwa zwanzig Jahren wäre es angesichts der technischen Fortschritte in der Videotechnik möglich, aber immer noch höchst aufwändig und umständlich gewesen. Heute ist es wortwörtlich ein Kinderspiel. Mehr noch als anderswo gehört in Korea das Smartphone zum alltäglichen Lebensmittelpunkt von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Von den technischen Möglichkeiten her ist das Produzieren eines Films höchst simpel.

Es ergibt sich hiermit die Möglichkeit, das in Korea (zurecht oder zu unrecht) kompliziert eingeschätzte Erlernen der deutschen Sprache mit der Alltagswirklichkeit der Studenten zu verbinden. Die Ankündigung der Möglichkeit, im Rahmen des DaF-Unterrichts einen Film drehen zu können, trifft uneingeschränkt auf Neugier und fast immer auf höchsten Enthusiasmus.

Dies sollte aber im Sinn des im vorigen skizzierten Verfahrens zielgerichtet erfolgen. Sicherlich kann man Studenten zum beliebigen Drehen von Filmen in deutscher Sprache motivieren. Besser ist es, wenn ein bestimmter Film schon im vorhinein Gegenstand des Unterrichts ist und den Lernern die Aufgabe gestellt wird, mittels Dialogliste etc. genau dieses Films einen eigenen Film zu erstellen, ohne dass sie anfänglich den Film zu sehen und zu hören bekommen. Letztendlich können dann der Lerner-Film und der (zumeist professionell hergestellte) deutsche Beispielsfilm verglichen werden.

Hierbei handelt es sich um eine Variante des im Vorangehenden dargestellten Procedere.

Die Imaginationen, die aus einem sprachlichen Text entstehen, werden hierbei nicht in einem un- oder vorbewusstem Raum belassen, sondern sie müssen mittels Videotechnik, Schauspieltechnik und Set-Hintergrund konkret und audiovisuell umgesetzt werden. Dies heißt in einem weiteren Schritt, dass die Produzenten des Films und auch die anwesenden Rezipienten am Ende zwei Versionen eines Films vergleichen können und müssen, die jeweils von der gleichen sprachlichen Basis ausgehen. Dabei geht es nicht notwendigerweise um Wertung, sondern hauptsächlich um Vergleich eines Films, der einmal von kulturfremden Lernern einer Fremdsprache, zum anderen von kulturintegrierten, in vorliegendem Fall professionellen deutschen Produzenten eines Films stammt.

Der erste Schritt bei der Filmproduktion ist das exakte Verstehen des vorgegebenen sprachlichen Textes. Ohne Bemühen um Verstehen der semantischen, pragmatischen und syntaktischen Besonderheiten des Textes kann im schlimmsten Fall nur ein beliebiger Film, in weniger schlimmen, eher üblichen Fällen ein punktuell ungenauer Film zustande kommen. Die Erfassung der grammatischen und lexikalischen Besonderheiten des Textes erfolgt dabei nicht notwendigerweise durch die Hilfe des Lehrers, sondern ist eher durch die Lerner zu leisten – auch wenn dies nicht immer so sein muss. Ein richtig verstandener und richtig umgesetzter Text setzt also bereits einen Lernfortschritt voraus, ohne dass dies über ein mögliches Lob hinaus noch eigens im Unterricht zu thematisieren wäre.

Es ergeben sich zwei logische Schlussfolgerungen: a) der Text wurde global oder punktuell nicht oder falsch verstanden, also inadäquat[4] umgesetzt; b) der Text wurde richtig verstanden und entsprechend einer bestimmten Interpretation adäquat filmisch umgesetzt.

1. Inadäquate Verfilmung

Fehler im Verständnis des Textes können durch Vergleich mit dem anderen, vorgegebenen deutschsprachigen Film aufgezeigt werden bzw. sind im Vergleich offen sichtbar und hörbar. Die in jedem DaF-Unterricht notwendige nachträgliche Kontrolle über den Stand des Lernerfolgs erfolgt also nicht durch einen etwaigen Test, sondern durch den fertigen Film. Es liegt nahe, im Unterricht diese Fehler nochmals eigens zu thematisieren bzw. konkret benennen zu lassen. Das Lernen der fremden Sprache erfolgt in jedem Fall nicht in einem abstrakten Raum, sondern ist an eine Aufgabe gebunden, die mit kreativen Mitteln gelöst sein will.

2. Adäquate Verfilmung

Wenn der Film adäquat zu den impliziten und expliziten Vorgaben des Textes umgesetzt worden ist, wird es immer noch Unterschiede zwischen dem Film der Lerner und dem vorgegebenen Film aus deutscher Produktion geben.

    1. Der filmische Raum

Der offensichtlichste Unterschied liegt üblicherweise im visuell erfahrbaren Raum begründet, meistens der Film-Set, in den bei Spielfilmen die Handlung eingelassen ist. Bei diesem Raum ist eine semantische und eine syntaktische Komponente unterscheidbar.

2.1.1 Die semantische Komponente

Der visuelle Raum ist in seiner semantischen Komponente in den vorgegebenen sprachlichen Anweisungen nie in völliger Totalität vorbestimmbar, höchstens marginal. Üblicherweise sind einzelne Bestandteile dieses Raums durch deiktische[5] Verweise des Gesprochenen bestimmbar, wenn also implizit oder explizit auf Gegenstände oder Personen hingewiesen wird, oder wenn sie in einem Drehbuch eigens beschrieben sind. Gewöhnlich wird der endgültig gezeigte, filmische Raum immer eine Erweiterung gegenüber dem Sprachlichen darstellen und ist daraus nicht direkt deduzierbar. Gerade für Angehörige fremder Kulturen mag unter Umständen aber das, was über die Textanweisungen hinaus aus einem möglicherweise typisch deutschen Milieu sinnlich erfahrbar wird, befremdlich, exotisch oder interessant, in jedem Fall signifikant verschieden vom eigenen Milieu erscheinen - das im übrigen im Lerner-Film ebenfalls ausgestellt ist. Im Unterricht kann das im Weiteren zur Erörterung etwaiger landeskundlicher, historischer oder sonstiger kultureller Themenstellungen führen.

2.1.2 Die syntaktische Komponente

Die syntaktische Seite ist dadurch bestimmt, dass in einem Film der Raum nur selten durch eine einzige Einstellung dargestellt, sondern üblicherweise in einer Vielzahl von Einstellungen in der filmischen Zeit entwickelt wird, die wiederum, was Aufnahmegröße, Aufnahmewinkel oder Einsetzen von Schwenks oder Zooms betrifft, verschieden sind. Diese Einzeleinstellungen müssen im weiteren entsprechend einer bestimmten Logik, etwa im Sinn von Schuss-Gegenschuss, Establishing-Shot oder point-of-view, ineinander montiert werden.[6] Wenn in einem Film verschiedene Räume nacheinander dargestellt werden, hat man es üblicherweise mit Sequenzen zu tun, wenn auch umgekehrt nicht jede Sequenz mit einer Veränderung der Räume identisch sein muss.[7] Diese einzelnen Schritte sind meistens nur bei sehr aufwändigen und teuren Produktionen im Sinn des Storyboards[8] bis ins einzelnste Detail vorgeplant. Zumeist lässt die schriftliche Vorgabe große Freiheiten für die Verfilmung und kann bei einer reinen Dialogliste spontan umgesetzt werden.

Wenn im Rahmen eines DaF-Unterrichts Filme produziert werden sollen, dann empfiehlt es sich für die zumeist unerfahrenen Lerner eine kurze Einführung in Kamera- und Schnitttechnik zu geben, die von diesen dann intuitiv bei der Filmproduktion umgesetzt werden kann. Ebenso empfiehlt es sich, mit Dialoglisten zu arbeiten, weil sie bei der Verfilmung größtmögliche Freiheit lassen.

Beim Vergleich eines so entstandenen Films von DaF-Lernern mit zumeist professionell hergestellten Produktionen werden sich gerade in der syntaktischen Komponente große Unterschiede feststellen lassen. Eher in Ausnahmefällen können diese Unterschiede kulturell und auch sprachlich bedingt sein, etwa durch die vorherrschende Rechts-Links-Richtung des japanischen Schriftsystems oder durch die im arabischen Raum oft anzutreffende Blickadressierung des Sprechers an die Kamera. Sehr oft wird es aber so sein, dass bei einem falschen Verständnis des Sprachlichen sich gravierende Fehler im Aufbau des Films einstellen, was aber eher zum vorher angesprochenen Punkt „inadäquate Verfilmungen“ gehört.

    1. Nonverbales

Gerade bei spielfilmartigen Formen ist auch das mimische, gestische oder proxemische, also nonverbale Verhalten der Darsteller wichtig, genauer gesagt, die im vorgegebenen Text nicht eindeutig bestimmbaren Situationspräsuppositionen[9] . Den Schauspielern der vorgegebenen Rollen werden Fähigkeiten zur Identifikation mit einer bestimmten Rolle abverlangt. Gerade auf Seiten von Deutschlernern, die in einem Film bestimmte Rollen verkörpern müssen, kann es aufschlussreich oder nur einfach emotional berührend sein, die eigene, möglicherweise kulturell vorbestimmte Interpretation eines Textes mit der des genuin deutschen Schauspielers zu vergleichen. Es tritt nicht nur die fremde Sprache, sondern auch die Gesellschaft und Kultur, in die diese Sprache eingelassen ist, in den Fokus der Aufmerksamkeit und kann gerade im Fortgeschrittenen-Unterricht auch so thematisiert werden.

    1. Phonetik

Des weiteren bietet die Produktion eines Films im DaF-Unterricht den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass die Lerner den Text auswendig lernen und ihn entsprechend den phonetischen Bedingungen der Zielsprache möglichst exakt reproduzieren müssen. Auch hier kann der Vergleich mit einem deutschen Muttersprachler spontan aufschlussreich sein bzw. Abweichungen oder gar Fehler in der Aussprache bewusst werden lassen. Phonetische Übungen können in einem weiteren Schritt Gegenstand des Unterrichts werden. Auf jeden Fall werden auf Seiten der DaF-Lerner phonetische Abweichungen und Eigentümlichkeiten und erst recht phonetische Fehler, was wiederum mehr zu den „inadäquaten Verfilmungen“ gehört, sinnlich erfahrbar und müssen im letzteren Fall korrigiert werden.

IV. Beispiele

Im folgenden sollen ein paar Beispiele vorgestellt werden, die auf oben beschriebener Methode basieren. Die DaF-Lerner waren Studenten der Chosun-Universität im zweiten Studienjahr eher auf A1-A2- als auf B1-Niveau. Allein schon auf Grund des Sprachniveaus konnte beim Film- und Textmaterial schlecht auf kompliziertere Filmformen und erst recht nicht auf komplexe Spielfilme zurückgegriffen werden. Sehr geeignet erschienen dagegen die zumeist szenisch, seltenst sequenziell angelegten „Mini-Filme“, in denen  im Fernsehsprachkurs „Alles Gute“[10] grammatische Sprachmittel eingeübt werden sollen. Diese Filme haben zwar den Nachtteil, dass sie im Studio zumeist mit Bluescreen-Effekten bzw. -Verfremdungen produziert worden sind und im Hintergrund nur wenig deutsche Alltagswirklichkeit visualisiert ist. Genug Rudimente davon sind aber immer noch auszumachen.

Die verwendeten Texte waren mit den Dialoglisten identisch. Die Studentenfilme (im folgenden gleich Film A) und ebenso die vorgegebenen professionellen Filme (im folgenden gleich Film B) sind im Internet aus einer Cloud abrufbar und per Computer einsehbar unter:

https://www.dropbox.com/s/3j026r6096e4u17/AllesGute.mp4?dl=0

1. Folge 9 aus „Alles Gute!“

Für den Film waren folgende drei Dialoge vorgegeben, die filmisch jeweils in eine Szene umzusetzen waren:

1. Szene

Martin:            Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich… Wer lacht denn da? Ah Max! Hast du gelacht?

Max:                Ich? Nein, ich nicht. Ich habe nicht gelacht.

Martin:            Amelie! Hast du gelacht?

Amelie:            Ich? Nein, ich nicht. Ich habe nicht gelacht.

Max:                Schau mal! Die haben gelacht!                                                           

3. Szene

Max:                Fräulein!

Melanie:          Hier bitte, die Speisekarte!

Max:                Können Sie mir bitte eine Zeitung bringen?

Melanie:          Ich bringe Ihnen sofort eine Zeitung. Hier die Zeitung!

Max:                 Ach bitte, bringen   Oh, danke!Sie mir auch einen Aschenbecher!

Melanie:          Einen Aschenbecher! Ich bringe Ihnen sofort einen Aschenbecher. Hier bringe ich Ihnen einen Aschenbecher.

Max:                Oh, danke! Ach bitte, bringen Sie mir auch Zündhölzer!

Melanie:          Hier! – Zündhölzer!

Max:                Oh bitte! Geben Sie mir auch Feuer?

Melanie:          Aber bitte! – Au! Und hier – die Speisekarte!

Max:                Danke!                                                                       

Als erstes fällt beim Studentenfilm A global auf, dass die Text-Vorlage sehr statuarisch umgesetzt wird. Der Hintergrund ist zumeist eine weiße Wand, vor der der Text von den Laiendarstellern[11] ohne jegliche schauspielerische Dramatisierung „aufgesagt“ wird. Außer in der 1. Szene wird auf erkennbare Schnitte verzichtet. Es handelt sich um eine eher phantasielose filmische Umsetzung des Textes, die dann auch noch gravierende Fehler aufweist.

Bei der 1.Szene wird z.B. das genannte Lachen kurz vor dem ersten Schnitt in einer akustisch kaum verständlichen Weise umgesetzt, womit auch der darauffolgende Dialog kaum sinnhaft verstehbar ist. Am Ende wird das deiktische „Die“ in „Die haben gelacht.“ nicht visualisiert. Offensichtlich sind die Nuancen des eigentlich recht einfachen Textes, insbesondere die Verwendung des Plural-Artikels „Die“, nicht erkannt worden.

Der professionelle Film ist viel aufwändiger. Die Dialog-Szene ist in die Darbietung eines Tango-Tanzes eingebettet, was aber nicht notwendigerweise aus der Dialogliste hervorgeht. Ebensowenig kann man aus dem Dialog notwendig erschließen, dass sich das „die“ auf die per Trick eingefügten Fotos bezieht. Aber in jedem Fall sind die im professionellen Film vermittelten Informationen, eben Assoziationen und Erweiterungen zum Text in viel größerer Dichte als im Studentenfilm angelegt. Besonders die Mimik der Darsteller in Film B, ebenso die Prosodie des Gesagten ist sehr viel differenzierter und reichhaltiger entwickelt als in Film A. Zwar weist Film A in der Schnitttechnik einen Achsensprung auf (wobei die angesprochenen Amelie und Max anscheinend nicht dem filmisch etablierten Raum zugehören), aber Film A kann auch in dieser Hinsicht kaum mit Film B konkurrieren.

Film A aus Szene 1 ist ein Beispiel für sehr sparsame Assoziationen zu einem sprachlichen Text, die filmisch hölzern und phantasielos umgesetzt werden, noch dazu von Fehlern durchsetzt, und ganz sicher Erstaunen bei den studentischen Produzenten, aber auch sonstigen Rezipienten hervorrufen, wenn sie mit der filmischen Auflösung des Textes in Film B konfrontiert werden.

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich von Film A und B zu Szene 3. Auch hier herrscht bei Film A das „statuarische“ Prinzip vor, also Aufsagen eines Textes vor weißer Wand. Requisiten, wie die benannten „Aschenbecher“ oder „Zigarette“ werden nur symbolisch durch Schrifttafeln dargestellt, was aber immer noch als eine legitime filmische Umsetzung eingeschätzt werden kann.

Der Unterschied in der Mimik der Darsteller ist bemerkenswert. Im Fall von Film A tendiert sie zum Maskenhaften, dem Dialog gegenüber Neutralen, eher schon Unangemessenen, im Fall Film B wirkt dagegen die Darstellerin der Amelie sehr „genervt“, was dem von Max Gesagten und Geforderten auch völlig angemessen sein kann. Die Produzenten von Film A haben die Implikationen der jeweiligen Sprechakte nicht richtig verstanden, wobei allerdings auch in Rechnung zu stellen ist, dass in der koreanischen Service-Kultur die blanke Ablehnung des Gastes durch den Ober kaum vorstellbar ist, sondern zumeist hinter einem (zumeist nichtsagenden) Lächeln verborgen bleibt.

Beim Unverständnis des Textes in Film A ist noch folgendes besonders herauszustellen: Dem Text folgend soll Amelie Max mit den Zündhölzern Feuer geben, was übrigens auch nicht umgesetzt wird. Dann sagt Amelie: „Au!“ Genau das sagt auch im Film A die Darstellerin der Amelie, allerdings völlig emotionslos, um sogleich mit dem Dialog fortzufahren. Offen hörbar und sichtbar war für die Produzenten von Film A die Exklamation „Au!“ nicht verständlich. In Film B ist Amelie dagegen zu sehen, wie sie sich beim „Feuer-Geben“ die Finger verbrennt und deshalb vor Schmerzen „Au!“ aufschreit.

Gewöhnliche deutsche Muttersprachler werden „Au!“ als spontanen und interkulturell angelegten Schmerzensschrei auffassen. Das Gegenteil ist der Fall. Im Deutsch-Koreanischen Wörterbuch wird „Au“ mit „aja“ oder „apo“ übersetzt. Zutreffender wären im Fall von Verbrennungen eher „Addugo“ oder auch „Omona“. Genau die umgekehrte Unkenntnis über die deutsche Sprache bringt koreanische Studenten dazu, unter „Au!“ nur eine bedeutungslose phonetische Lautfolge zu verstehen, was sich auch in der filmischen Umsetzung ausdrückt.

Interkulturelle Differenzen sind in Szene 3 in vielfacher Weise auszumachen. Um nur einige zu nennen.

Die Bedeutung des (mittlerweile verpönten) Wortes „Fräulein“ wurde von den koreanischen Studenten zwar korrekt erfasst, auch wenn im Koreanischen keine direkte Entsprechung existiert: Eine Essensbestellung wird im Koreanischen nicht durch Adressierung an den „Ober“, „Kellner“ oder eben das „Fräulein“ eingeleitet, sondern zumeist durch ein „Hier“, also „Jogio“. Was koreanische Rezipienten im Vergleich von Film A und B aber mit Sicherheit überraschen wird, ist, dass die mit „Fräulein!“ Adressierte mit einer weißen bis zu den Schuhen reichenden Schürze eingehüllt ist. Für koreanische Augen gleicht das „Fräulein“ einer Krankenschwester, während im deutschen Kulturraum diese Kostümierung als Zeichen gehobener Gastronomie gilt.

Letztlich soll auch noch kurz auf die kulturelle Bedeutung des Wortes „Zigarette“ eingegangen werden, so wie es jedenfalls im Text verwendet wird. Der Film „Alles Gute!“ ist Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre entstanden. Seit dieser Zeit hat sich auch in Deutschland die Bewertung von Nikotin sehr geändert. Dennoch ist es in Deutschland zumindest erinnerbar, wenn auch kaum mehr aktuell vorstellbar, dass sich ein Gast im Restaurant Zigaretten bestellt. In Korea ist dieser Service weder erinnerbar noch vorstellbar.

Die Produzenten von Film A sind sich vermutlich dieser Unvereinbarkeiten kaum bewusst gewesen. Film B hinterlässt dagegen bei koreanischen Rezipienten völliges Unverständnis über deutsche Usancen.

Raum für Unverständnis gibt es in diesem Mini-Film in Hülle und Fülle. Ohne hier noch ins Detail zu gehen, ist es z.B. für deutsche Rezipienten, die auch noch mit gehobener Gastronomie vertraut sind, gerade noch tolerierbar, dass sich in einem Film der Gast frech erst Zeitung, dann Zigaretten, dann Zündhölzer bringen lässt. In Korea wäre das völlig unvorstellbar.

Film A und B zu Szene 3 sind abgesehen von der Bedeutung des Schmerzensschreis „Au!“ mögliche filmische Umsetzungen des vorgegebenen sprachlichen Textes. Dennoch werden Rezipienten aus einem deutschfremden Raum vermutlich entschieden andere Assoziationen als deutsche Muttersprachler haben. Genau das wird im Fall der Konfrontation von Film A und B sinnlich und möglicherweise kognitiv erfahrbar und kann Thema des DaF-Unterrichts werden.

Folge 9 aus „Alles Gute!“ wurde aus zahlreichen zur Verfügung stehenden Beispielen deshalb ausgewählt, weil es sich um ein besonders schlechtes Beispiel für die filmische Umsetzung eines sprachlichen Textes handelt. Was in filmästhetischer Hinsicht als negativ einzuschätzen ist, kann aber in Hinsicht auf den DaF-Unterricht höchst positiv sein. Ohne dass dies hier im Detail ausgeführt werden muss, sind gerade Fehler, Unstimmigkeiten und Differenzen bei der filmischen Umsetzung des deutschen Textes seitens der Lerner Ausgangspunkte für deren Korrektur, Richtigstellung und Einführung in die fremde Sprache und fremde Kultur.

 

2. Folge 16, 2. Szene

Der 2. Szene aus Folge 16 ist folgender Monolog unterlegt:

Max:    Ich öffne jetzt die Tür. Ha, ha! Ich habe die Tür geöffnet. Ich rieche einen Käse. Bitte! – Ein Käse! Ich nehme jetzt den Käse. Ich habe den Käse genommen. Ich schließe jetzt die Tür. So! – Ich habe die Tür geschlossen. Ich habe den Käse genommen.

Ich habe den Käse genommen.                                                                       

Der Vergleich von Film A und B zeigt, dass der sprachliche Text mit völlig verschiedenen Handlungen verbunden worden ist. Im Fall von Film A geht es um eine Person namens Max, die ein Zimmer betritt, einen Käse an sich nimmt und das Zimmer wieder verlässt. In Film B ist Max als Einbrecher kostümiert, der einen Safe aufschließt, den Käse entwendet und nach Schließen des Safes hinter Gitter kommt.

Dennoch sind Film A und Film B adäquate Verfilmungen des vorgegebenen Textes.

Der gravierendste Unterschied besteht darin, dass in Film A unter „Tür“ eine Zimmertür verstanden wurde, was auch naheliegend ist. In Film B wird unter „Tür“ die Tür eines Safes verstanden. Beides ist vom Text aus gesehen legitim.

Dass Film B viel professioneller und mit größeren Schauwerten ausgestattet ist als Film A steht außer Zweifel. Wenn man allerdings den Vergleich von Film A aus Folge 16 zu den bereits besprochenen Filmen A aus Folge 9 zieht, dann fällt auf, dass der Text, was Mimik, Gestik und auch sprachliche Betonung betrifft, in ersterem viel lebendiger umgesetzt wird. Ebenso gibt es im Film markante Schnitte. Die Tür wird nicht, wie es naheliegend wäre, durch Druck auf die Türklinke geöffnet, sondern durch Schnipsen mit den Fingern, was noch einmal durch den Zoom besonders markiert wird.

Für die Produzenten von Film A und auch für die Rezipienten im Plenum war es dennoch höchst überraschend, den Text bei Film B in eine Kriminalgeschichte integriert zu sehen.

Es gibt allerdings bei Film A einen kleinen Fehler. Max sagt hier: „Ich leiche einen Käse.“

Offensichtlich handelt es sich bei „leiche“ (statt: „rieche“) erstens um die auch bei Koreanern beliebte Verwechslung von „l“ und „r“, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass der „Liúl“ je nach Platzierung im Wort entsprechend dem deutschen „l“ oder „r“ phonetisch umsetzbar ist. Im Übrigen gehört die Verwechslung von „l“ und „r“ zum Standardreservoir deutscher China-Witze. Ebenso ist die Verwechslung von „ie“ und „ei“ oft bei koreanischen Muttersprachlern anzutreffen.

Der Film könnte also im Unterricht zum Ausgangspunkt für phonetische Übungen oder auch für die Thematisierung deutscher Voreingenommenheiten gegenüber Ostasien werden.

3. Folge 16, 1. Szene

Die Szene am Anfang von Folge 16 beruht auf folgendem Dialog:

Martin:            Guten Tag, meine Damen und Herren! Das ist ein Wetter heute, nicht wahr? Ich bin eben im Wasser gewesen. Bist du auch im Wasser gewesen, Max? He Max! Bist du auch im Wasser gewesen?

Max:                Nein, ich kann nicht schwimmen.

Martin:            Schade! Wo ist Melanie?

Max:                Ich weiß es nicht. Sie ist eben noch hier gewesen.

Melanie:          Du kannst nicht schwimmen, Max? Aber ich bin eben ins Meer hinausgeschwommen.

Max:                Aber ich kann fliegen.

Melanie:          Nein! Das kannst du nicht.

Max:                Doch! Ich fliege jetzt über das Wasser.

Melanie:          Max! Max!

Max:    Siehst du, ich fliege über das Wasser. Na, was sagst du jetzt? Ich bin über das Wasser geflogen.                            

Auch im Fall von Film A aus Szene 1 von Folge 16 handelt es sich um eine adäquate Verfilmung des grundlegenden Textes. Im Gegensatz etwa zu Film A aus Folge 9 wird hier nicht nur vor weißer Wand gespielt, sondern eben diese ist mit Kulissen drapiert, die Meer, Sonne und Strand symbolisieren sollen. Sie werden bei Nennung etwa von „Wasser“ mit Zeigegesten auch noch besonders hervorgehoben. Ebenso ist der Dialog durch Schnitte filmisch gegliedert. Das erste Auftreten von Melanie wirkt allerdings etwas unbeholfen. Bei der Umsetzung des Textes in den Film sind bis auf einen kleinen Punkt keine gravierenden Fehler zu erkennen.

Wenn man nämlich Film A und B vergleicht, wird klar, dass die Kleidung sehr differiert: Im Wasser schwimmt man gewöhnlich mit Badekleidung, keinesfalls im Wintermantel. Dies dürfte den studentischen Darstellerinnen in Film A auch bewusst gewesen sein, wurde aber aus verständlichen Scham-Gründen und auch vermutlich aus mit der Außentemperatur verbundenen Gründen nicht umgesetzt.

Die Badekleidung und damit verbundene kulturelle Unterschiede zwischen Korea und Deutschland sind noch in einer anderen Hinsicht signifikant. Die Badekleidung der Darsteller in Film B, insbesondere die kurze Badehose des Darstellers von Max hat für koreanische Augen etwas leicht Schockierendes. Die europäische Bademode, insbesondere Bikini oder kurze Badehose, ist in Korea immer noch nicht angekommen, sieht man einmal von Haeundae in Pusan ab. Gewöhnlich werden T-Shirts und Shorts getragen. Im Weiteren ist es in Korea immer noch wie seit vielen Generationen so, dass die meisten nicht schwimmen können. Baden im Meer spielt sich für gewöhnlich im seichten Uferwasser ab. Den wenigsten ist es allein schon wegen der Strandwärter vergönnt, „ins Meer hinauszuschwimmen“.

Genau die Thematisierung dieser kulturellen Unterschiede können im Weiteren in den DaF-Unterricht eingebaut werden, bzw. sie ergibt sich im Vergleich von Film A und B.

V. Zusammenfassung

In diesem Aufsatz wurde versucht, ein neues Verfahren zum Verwenden von Filmen im DaF-Unterricht vorzustellen: Das Herstellen eigener Filme seitens der Lerner mit Hilfe des schriftlichen Ausgangsmaterial eines bereits bestehenden Films. Um diesen Film herstellen zu können, muss ein detailliertes, grammatisches und lexikalisches Verständnis des schriftlichen Textes erarbeitet werden. Dabei auftretende Fehler können durch Vergleich mit dem anderen, bereits vorgegebenen Film korrigiert werden, und es kann somit im Detail zum besseren Verständnis der deutschen Sprache und Kultur beigetragen werden.

Aber auch bei adäquaten Umsetzungen des Textes in einen Film ist es eher wahrscheinlich, dass die sich aus dem schriftlichen Material ergebenden Assoziationen, Konnotationen und Erweiterungen, kulturell bedingt, sehr verschieden sind. Es ergibt sich somit im Gegensatz zur eigenen Kultur der Lerner ein sinnlich anschaulich vermitteltes Verständnis der fremden (deutschen) Kultur, das im weiteren im Unterricht thematisiert und rationalisiert werden kann.

V. Literaturverzeichnis

Baltzer, Ralf / Stenzel, Barbara / Strauss, Dieter (1991): Alles Gute! Ein deutscher             Fernsehsprachkurs, Berlin

Henkel, Katharina / Jaspers, Kristina / Mänz, Peter (Hrsg.) (2012): Zwischen Film und Kunst.     Storyboards von Hitchcock bis Spielberg, Bielefeld

Hickethier, Knut (2012): Film- und Fernsehanalyse, Stuttgart

Kanzog, Klaus (Hrsg.) (1997): Einführung in die Filmphilologie. Mit Beiträgen von Kirsten           Burghardt, Ludwig Bauer u. Michael Schaudig (= diskurs film 4), München 1997

Metz, Christian (1973): Sprache und Film, Frankfurt

Rauh, Gisa (1978): Linguistische Beschreibung deiktischer Komplexität, Tübingen

Rauh, Reinhold (1987): Sprache im Film. Die Kombination von Wort und Bild im Spielfilm,          Münster 1987

Rauh, Reinhold (2013): Zum Vergehen von Hören und Sehen, In: DaF-Szene Korea, Texte und Arbeit mit Texten im DaF-Unterricht, Nr.38, Dezember 2013, S.96-101

Rauh, Reinhold (2014): Film im DaF-Unterricht, In: Dogilomunhak. Zeitschrift der                        koreanischen Gesellschaft für Sprach- und Literaturwissenschaft, Nr.67, Winter 2014,   S.405-425

Schmidt, Siegfried J. (1976): Texttheorie. Probleme einer Linguistik der sprachlichen                      Kommunikation, München

Materialien:

https://www.dropbox.com/s/3j026r6096e4u17/AllesGute.mp4?dl=0

[1] Dokumentarfilme sollen im Folgenden vernachlässigt werden, weil sie im DaF-Unterricht nur sehr aufwändig herstellbar sind.

[2] Zur näheren Beschreibung dieses Verfahrens vgl. Rauh 2014. Zur Kritik der gängigen Verfahren vgl. Rauh 2013

[3] Dieses Vorgehen kann, was insbesondere den ersten Schritt betrifft, mit den aus den üblichen Lehrbüchern bekannten Lückentests, Satzteilzuordnungen oder einfachen grammatischen Übungen komplettiert werden. Was besonders den zweiten Schritt betrifft, so können auch anhand eines etwaigen Titels Assoziationen der Lerner zum Gesamtfilm abgefragt werden, es kann im DaF-Unterricht in etwaige (spezifisch deutsche) kulturelle oder historische Hintergründe eingeführt werden, oder es können Text-Teile aus dem Drehbuch in eine narrativ logische Reihenfolge gebracht werden. In jedem Fall sollte das sprachliche Vorverständnis des Filmes gesichert sein.

[4] Zur adäquaten und inadäquaten Literaturverfilmung vgl. Kanzog 1997

[5] Zur ausführlichen Thematisierung des Begriffs Deixis vgl. Rauh, G. 1978

[6] Einstellungsgröße, Blickwinkel, point-of-view gehören zum begrifflichen Repertoire der sogenannten Filmanalyse. Unter den zahlreichen deutschen Büchern zu diesem Thema vgl. insbesondere das Standardwerk Hickethier 2012

[7] Am systematischsten ist die „Sequenzen-Theorie“ nach wie vor bei Metz 1973 dargestellt.

[8] Vgl. Henkel / Jaspers / Mänz 2012

[9] Vgl. Schmidt 1976, 104ff. oder Rauh 1987, 92-124

[10] Vgl. Baltzer / Stenzel / Strauss 1991

[11] In den Filmdialogen sind per Namen männliche und weibliche Darsteller vorgegeben. Dass in den Beispielfilmen A Männer von Frauen gespielt werden, hat hauptsächlich damit zu tun, dass die den Videofilm herstellenden Gruppen hauptsächlich aus Frauen bestanden, also Frauen notwendigerweise Männer spielen mussten. Dieser offensichtliche Unterschied zwischen Text und Verfilmung soll im Weiteren nicht berücksichtigt werden.


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DaF-Szene Korea Nr. 42

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