Tobias Lehmann

Das Ortslektorenseminar „Orte deutscher Geschichte in Berlin“


Vom 9. bis 14. August dieses Jahres fand in Berlin das landeskundliche Sommerseminar des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für Ortslektoren statt. Thema in diesem Jahr waren „Orte deutscher Geschichte in Berlin“. Die Teilnehmer des Seminars waren deutsche Ortslektoren, Hochschuldozenten und Professoren, tätig in der gesamten Welt, spezialisiert auf die Vermittlung der deutschen Sprache, Literatur und Geschichte. Austragungsort des Seminars war das Wissenschaftsforum am Gendarmenmarkt.

Das Seminar wurde von der Seminarleiterin des DAAD, Elke Hanusch, organisiert. Ihr ist es gelungen, eine gesunde Abwechslung aus Besuchen und Exkursionen zu historischen Stätten in Berlin und Vorträgen zusammen zu stellen, die sich mit den historischen Stätten beschäftigen sollten. Am Montag, dem ersten Tag des Seminars, haben wir, die Teilnehmer, unter der Führung der hervorragenden Reiseleiterin, Nadin Middell, eine zeithistorische Stadtrundfahrt durch Berlin gemacht, bei der wir uns einen Überblick über die lange Geschichte der Stadt verschafften. Ausgangspunkt der Stadtrundfahrt war der Gendarmenmarkt. Dann sind wir zum bis dato den Teilnehmern eher unbekannten Hausvogteiplatz gelaufen, ein kleiner, schräg-dreieckiger Platz, der auf einer ehemaligen Festungsanlage entstand. 1789 erhielt er seinen heutigen Namen, den er dem königlichen Hofgericht verdankt, das 1750 unter dem Alten Fritz an die Ostseite des Platzes verlegt worden war, der so genannten Hausvogtei. Anschließend sind wir weiter zum Berliner Dom am Lustgarten gefahren, wo der Schlossplatz mit der Museumsinsel liegt. Nach einem kurzen Intermezzo an der Humboldt Universität sind wir, vorbei am Tränenpalast in der Friedrichstraße, entlang der Bernauer Straße gelaufen und haben uns die traurige Geschichte der Berliner Mauer nochmals vor Augen geführt. Weiter ging es über die Bornholmer Brücke über die East-Side Gallery zum Treptower Park mit dem sowjetischen Ehrenmal. Letzte Station war der ehemalige Flughafen Tempelhof am Platz der Luftbrücke.

An den weiteren Seminartagen von Dienstag bis Donnerstag standen Vorträge sowie interaktive, didaktisch aufbereitete Präsentationen zu verschiedenen Themen im Mittelpunkt. Eine breite Palette von Vorträgen haben die Teilnehmer aus der Perspektive des Landes, in dem sie tätig sind, angeboten. Hierin bestand ein wenig die Krux des Seminars. Die Teilnehmer haben vorrangig aus ihren eigenen Forschungsgebieten berichtet und referiert, die jedoch zum Teil nicht direkt mit dem Thema des Seminars übereinstimmten. Vorträge beispielsweise zum Berliner Stadtschloss oder zur Architektur und Stadtplanung in Berlin passten mit Sicherheit sehr gut hinein, andere Themen wie „Deutschunterricht im ecuadorianischen Kontext“, interkulturelle Auslandsstudienvorbereitung in Japan oder „Online-Datenbanken und Schlüsselwörter der deutschen Geschichte“, die jedoch nur am Rande vorkamen, sprengten den Rahmen und gingen meines Erachtens über die Spannbreite eines landeskundlichen Seminars, das Geschichte im Titel auswies, hinaus. Trotzdem waren gerade diese Vorträge stets interessant, haben die Neugierde der Teilnehmer auf neue Lernmethoden geweckt und dabei einen Einblick in das Leben und in die Arbeit der einzelnen Lektoren in ihren Ländern geboten, den man auf einer wissenschaftlichen Vortragsreihe so nicht bekommt. Darüber hinaus hatten wir genügend Gelegenheiten uns in verschiedenen Gesprächen über Lehrmaterialen, interkulturelle Methoden im DaF- Unterricht und Didaktik auszutauschen.

Die Beiträge, Diskussionen und Vorträge waren durchgängig interessant und haben meine Neugierde geweckt, mich weiter mit den von den Referenten angebotenen Themen zu beschäftigen. Die Vorträge sollten jedoch zumindest einen indirekten Bezug zum Thema des Seminars behalten. Natürlich ist es in einem Ortslektoren-Seminar notwendig, didaktisch-methodische Ansätze für den praktischen Unterricht zu integrieren oder in den Mittelpunkt selbst eines historischen Seminars zu stellen, doch darf der Bezug, in unserem Fall Geschichte, nicht vollständig verloren gehen. Entscheidend bei derartigen Landeskunde-Seminaren ist die gesunde Abwechslung bei den Beiträgen, die nicht notwendigerweise einen akademischen Bezug haben müssen (aber können), doch stets mit dem Titel und Thema des Seminars in Einklang stehen sollten. Die Attraktivität eines solchen Ortslektoren-Seminars mit Landeskunde Schwerpunkt besteht darin, die Didaktik und Aufbereitung von Unterrichtsmaterialien zur Geschichte Berlins mit Analysen und (zeit)historischen Debatten so zu verknüpfen, dass sich die Seminaransätze dann idealerweise auch in der Auslandsgermanistik oder im DaF- Unterricht niederschlagen.

Trotz dieser leichten Kritik, die im positiven Sinne stimulierend als Anregung für kommende Seminare dienen mag, hat allen Teilnehmern das Seminar gefallen. Nicht zuletzt war es für viele von uns die Gelegenheit, Berlin nochmals neu zu entdecken oder kennen zu lernen. Der reibungslose Ablauf des Seminars machte diese sechs Tage in Berlin zu einem großen, unvergesslichen Abenteuer, eine Exkursion in unsere Hauptstadt, die in den Augen der Teilnehmer „Lust auf Mehr“ machte – Lust auf mehr historische, politische und kulturelle Erkundigungen, die uns alle den Wandel dieser früher geteilten Stadt zu einer der beliebtesten Großstädte in Europa vor Augen führte. Genau dieser Wandel ist es, der den Charme der Stadt, der in den Jahren der Teilung niemals verloren ging, ausmacht. Um diesem Charme auf die Spur zu kommen, hatten wir am vierten Seminartag ausreichend Möglichkeiten. Nach einem Vortrag am frühen Morgen über die frühere STASI- Untersuchungshaftanstalt in Hohenschönhausen, der uns die Verfolgung von Dissidenten in der geteilten Stadt vorführte, konnten wir auf eigene Faust entweder diese Gedenkstätte oder weitere Sehenswürdigkeiten besuchen, die bei der Stadtrundfahrt am Montag noch zu kurz gekommen sind.

Doch nicht nur die Vorträge und vielfältigen Exkursionen machten den Reiz des Seminars aus. Für viele Teilnehmer, die schon seit Jahren keine Gelegenheit mehr hatten nach Berlin zu kommen, war der Besuch des Reichstagsgebäudes und der Aufstieg auf die Glaskuppel trotz der sommerlichen Hitze einer der Höhepunkte des Seminars. Zudem hatten wir zuvor die Möglichkeit, einem Vortrag auf der Besuchertribüne im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zu lauschen, bei dem wir wissenswerte Informationen über das Gebäude und die Konstituierung des Bundestages erhielten, sowie im Unterricht verwertbare Materialien den Gang durch das historische Rondell abrundeten.

Am letzten Seminartag hat uns Ulrich Grothus, stellvertretender Generalsekretär des DAAD und Leiter des DAAD Büro Berlin, über die nunmehr 90-jährige Geschichte des DAAD informiert. Danach haben wir uns vom Tagungsort, dem Wissenschaftsforum, verabschiedet und haben zu Fuß unsere letzte Station und gleichzeitigen Höhepunkt des Seminars angesteuert – das Auswärtige Amt. Wir haben an einer von Nicole Menzenbach, Leiterin des Referats für Wissenschaft und Forschung, moderierten Gesprächsrunde teilgenommen. Hier informierten wir uns und diskutierten über die Situation der Ortslektoren. Einige Teilnehmer haben Verbesserungsvorschläge bei der Zusammenarbeit von Ortslektoren, DAAD und Auswärtigem Amt gemacht. Weitere Unterstützung durch Verbindungslektoren oder Informationsbüros wurde uns zugesagt. Zudem machte sich Frau Menzenbach für eine stärkere Rolle der Botschaften stark, die mehr Verantwortung bei der Koordination des Sprachunterrichts tragen sollten. Gerade hier stellte sie die Bedeutung der Ortslektoren dar, an denen es selbst liegt, eine engere Zusammenarbeit mit der Kulturabteilung der Botschaft zu initiieren. In diesem Zusammenhang machte sie deutlich, dass die Ortslektoren die ersten Repräsentanten deutscher Sprach- und Kulturvermittlung vor Ort sind.

Im Anschluss haben wir noch eine Führung durch die historischen Gemäuer des Auswärtigen Amtes genießen dürfen und auf dem Balkon, zu dem uns der höchste Paternoster Europas geführt hat, historische Luft geschnuppert. Nach einem letzten gemeinsamen Mittagessen im Auswärtigen Amt haben wir uns verabschiedet und uns versichert, dass dieses Seminar erst der Beginn einer langen und engen Zusammenarbeit zwischen Ortslektoren auf der einen Seite und Ortslektoren und DAAD auf der anderen Seite sein wird.

Abschließend kann ich jedem Lektor nur empfehlen, an einem Ortslektorenseminar teilzunehmen, um seinen landeskundlichen sowie didaktischen Horizont zu erweitern, Kontakte zu knüpfen, ein Netzwerk Gleichgesinnter aufzubauen und zu erweitern sowie mit frischen Ideen aus dem Sommerseminar das kommende Semester in Angriff zu nehmen.


Copyright © 2015 by Tobias Lehmann


DaF-Szene Korea Nr. 42

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