Thomas Kuklinski

Nordkorea verstehen


Der renommierte Nordkorea-Experte Rüdiger Frank, Leiter des Ostasien-Instituts an der Universität Wien, hat seine Sichtweise über Nordkorea veröffentlicht, die den Kenntnisstand und die Entwicklungen bis etwa Sommer 2014 berücksichtigt. Höchste Zeit also, sich seine Darstellungen und Thesen einmal anzusehen.

Das Buch behandelt in neun Kapiteln Geschichte, Ideologie und Führersystem, politisches System (Partei, Verfassung, Militär), Wirtschaft, gescheiterte und mögliche Reformen, Sonderwirtschaftszonen, Kim Jong-Un, das jährliche Massenspektakel Arirang sowie Franks Überlegungen zur Wiedervereinigung Koreas. Der historische Überblick im Anfangskapitel ist erfreulich knapp gehalten und hält sich nicht lange mit vergangenen Königreichen auf, sondern konzentriert sich auf die Aspekte, die der Autor für das Verständnis des heutigen Nordkorea für bedeutsam hält: (Neo-)Konfuzianismus, japanische Kolonialzeit, Kim Il-Sungs Sich-Durchsetzen gegen politische Gegner, der Koreakrieg, chinesische und sowjetische Einflüsse sowie die Alleinherrschaft der Kim-Familie. Hier und in den nachfolgenden Kapiteln beansprucht der Autor nicht, letzte Wahrheiten zu verkünden, sondern schreibt über Nordkorea, „wie es sich [ihm] darstellt“ (S. 11) und berichtet folglich häufig in der Ich-Form. Das Buch ist also explizit an ein allgemeines Publikum gerichtet. Das fällt besonders bei der Beschreibung und Interpretation der 90-minütigen Arirang-Aufführung aus Zuschauersicht auf, die eher für Augenzeugen der Show von Gewinn sein dürfte, obschon der Autor beim Vergleich verschiedener Inszenierungen über ein knappes Jahrzehnt hinweg gewisse Bestätigungen seiner Thesen erkennt. Die wichtigsten dieser Thesen seien hier vorgestellt.

Durch das ganze Buch hindurch zieht sich die Hauptthese Franks, „dass Nordkorea sich entwickelt“ (363), und zwar zum Positiven hin. Selbst aufgewachsen im ostdeutschen Realsozialismus mit einem knapp fünfjährigen Intermezzo in der Sowjetunion kam der Autor erstmals 1991 zu Studienzwecken nach Pjöngjang und empfand „den Einstieg in eine fremde, bizarre, unwirkliche und bald auch frustrierende Welt“ damals als „Schock“ (9). Inzwischen scheint sich das Bild radikal geändert zu haben, denn der Autor „kann (...) nicht anders, als mit Enthusiasmus über das heutige Erscheinungsbild Nordkoreas zu berichten.“ (289) Zur besseren Illustration befinden sich im Mittelteil sechzehn Seiten mit mehreren Dutzend älterer und jüngerer Farbfotos, die verschiedene Aspekte dieser Veränderung dokumentieren. So steht etwa ein leerer Straßenzug von damals der geschäftigen Betriebsamkeit auf einem neueren Foto gegenüber, man sieht das berüchtigte, 330 Meter hohe Ryugyong-Hotel in Pjöngjang einmal als erbärmliche Bauruine von 1992 und dann als strahlendes neues Wahrzeichen der Hauptstadt, und anstelle auf Telefonzellen von einst starrt eine Koreanerin heutzutage, ein bekanntes Bild, auf ihr Smartphone. Ferner dürfen wir Abbildungen des nordkoreanischen Tabletcomputers Samjiyeon, eine ganze Reihe Nordkoreaner an Spielautomaten sowie das reichhaltigen Angebots an Schreib-, Spiel- und Kurzwaren in einem U-Bahn-Kiosk bestaunen. Diese Veränderungen hätten, so eine weitere zentrale These des Autors, zumindest in der Hauptstadt bereits so etwas wie eine Mittelschicht hervorgebracht, also „eine Gruppe“ jenseits der alten politischen Elite, „die über Geld verfügt“ (218), erkennbar etwa an der wachsenden Verbreitung von Handys und privat benutzter Autos, am Bezahlen mit Geldkarten und Devisen, an Fitnessstudios und halbvoll zurückgelassenen Tellern in Restaurants (247), an der Kleidung „und nicht zuletzt auch an der selbstbewussten Körpersprache“ (299).

Ausgelöst wurden diese Veränderungen, so der Autor, durch eine „Beinahe-Reform“ (200) im Juli 2002. Im warmen Rückenwind der Sonnenscheinpolitik Kim Dae-Jungs brachte Kim Jong-Il wirtschaftspolitische Maßnahmen auf den Weg, um „die Wirtschaft auf neue Grundlagen zu stellen oder zumindest den Weg dafür zu bereiten“ (ebd.), darunter Preisanpassungen, Abbau von Subventionen, Lohnerhöhungen und die Abwertung des nordkoreanischen Won gegenüber dem US-Dollar um, nach Franks eigenen Berechnungen, „nicht weniger als 6800 [sic!] Prozent“ (ebd.). Als eine echte Reform will der Autor die Maßnahmen nicht anerkennen, denn dazu müsste der Staat „Privateigentum an Produktionsmitteln zulassen, damit den Wettbewerb fördern und das Anreizsystem verändern“ (186), was niemals geschehen sei. Seiner Ansicht nach handelte es sich dabei aber „tatsächlich um ein frühzeitig beendetes Reformexperiment“ (220). Letztendlich sei diese Beinahe-Reform aus internen wie externen Gründen zum Scheitern verurteilt gewesen. Die marktwirtschaftlich unerfahrenen Planwirtschaftler unterschätzten die Gefahr der Inflation, die nach Berechnungen des Autors „in den ersten zwei Jahren nach den Juli-Maßnahmen atemberaubende 200 Prozent jährlich erreicht haben muss“ (212). Eine von Japan erhoffte Milliardenunterstützung nach dem japanisch-nordkoreanischen Gipfeltreffen im September 2002 blieb aus, nachdem die japanische Öffentlichkeit nicht wie erhofft begeistert, sondern vollkommen eingeschnappt auf die Freilassung ehemals entführter Japaner und Japanerinnen reagierte. Den letzten internationalen Kredit hatte Nordkorea verspielt, nachdem die Amerikaner am 15. Oktober 2002 erklärten, dass das seit dem 11. September 2001 zur berüchtigten Bösen Achse gehörige Land sein Atomwaffenprogramm entgegen der Vereinbarungen von 1994 wieder aufgenommen habe. Ebenfalls vom Oktober 2002 datiert das Scheitern einer geplanten nordkoreanisch-chinesischen Sonderwirtschaftszone. Aus diesen und weiteren Gründen ist Frank „heute noch der Meinung, dass der Westen eine seltene Chance hat verstreichen lassen, Nordkorea auf dem Weg der Reformen zu unterstützen.“ (221)

Den Einschätzungen des Autors zufolge habe Nordkorea „von etwa 2005 an“ (224) versucht, die reformartigen Wirtschaftsmaßnahmen zurückzufahren. In den Jahren darauf folgten die ersten beiden Atombombentests und (vermutlich) ein Schlaganfall Kim Jong-ils. Die politische Priorität verlagerte sich also offenbar auf die militärische Aufrüstung (gegen Amerika) und die Suche nach einem Nachfolger für den angeschlagenen Machthaber. Innenpolitisch wurde im November 2009 „in einer offenbar schlecht durchdachten, verzweifelt wirkenden Nacht-und-Nebel-Aktion“ (228) eine kostspielige Währungsreform durchgesetzt, offenbar mit dem hauptsächlichen Ziel der „Vernichtung eines großen Teils der in den Jahren seit den Juli-Maßnahmen von 2002 angehäuften Guthaben“ (229). Eine Reihe weiterer Indizien lassen Frank zu dem Schluss kommen, dass Nordkorea am Ende der Ära Kim Jong-Il zu einem „neoorthodoxen Sozialismus“ (220) zurückfinden wollte, um die „eben noch gelockerte absolute Kontrolle wiederzuerlangen“ (222).

Erst auf die Machtübergabe an Kim Jong-Un folgte eine erneute Richtungsänderung. Innerhalb von zwei Jahren wurde sein vermutlich jüngster Sohn eilig als eine Art Nachfolger positioniert, musste im Dezember 2011 das Erbe seines Vaters antreten und wurde kurz darauf offiziell von der Partei zum „Obersten Führer“ (85) gemacht. Ende März 2013 verkündete der junge Kim seine neue byungjin-Politik, also die gleichzeitige wirtschaftliche sowie atomare Weiterentwicklung. Frank sieht diesen Schritt „als Ende der Militär-Zuerst-Politik“ Kim Jong-ils aus den 1990er Jahren, „da nun die Entwicklung der Wirtschaft einem militärischen Ziel gleichgestellt“ (141) sei. Das aber stelle nichts anderes als einen Eingriff in die herrschende Ideologie dar, immerhin die wichtigste Einrichtung, die „das Land im Innersten zusammenhält“ (51). Schon das Militär-Zuerst-Programm (seongun) Kim Jong-Ils war für den Autor eine gravierende ideologische Weiterentwicklung, „der zweite Schritt in der Loslösung Nordkoreas von den Grundlagen des Marxismus-Leninismus“ (105), da als „Hauptkraft der Revolution“ (ebd.) seitdem nicht mehr die Arbeiterklasse oder die Partei, sondern das Militär gelte. Der erste Schritt war die Erhebung des juche-Konzepts zur offiziellen Ideologie seit den 1960er Jahren, die ursprünglich, so Frank, aus außenpolitischen Gründen als „ideologische Unabhängigkeitserklärung“ (101) eingeführt wurde, um sich gegen die Volksrepublik China und die Sowjetunion zu behaupten. Inzwischen dominiere dabei aber „die vielen Nordkoreanern untrennbar scheinende Verbindung von Sozialismus, Führer und Nationalismus“ (ebd.). Mit diesem forschen Schritt habe Kim Il-Sung Hegel, den Marx nach Engels’ berühmtem Diktum vom Kopf auf die Füße gestellt hatte, „zurück“ (98) auf den Kopf gestellt, denn die juche-Lehre sei „bei näherem Hinsehen ein frontaler Angriff auf Marx“ (ebd.), dessen als wissenschaftlich gelabelter Dialektischer Materialismus mit seiner postulierten gesetzmäßigen Entwicklung zur kommunistischen Gesellschaft im Handstreich durch die Erkenntnis ersetzt worden sei: „Alles ist möglich, wenn es der Mensch nur will.“ (99) Sohn Jong-il verlagerte den Fokus später von der Arbeiterklasse auf das Militär, denn die „Zugehörigkeit zu dieser neuen Gruppe der Auserwählten kann also nahezu willkürlich, oder sagen wir flexibel und kreativ, durch die politische Führung geregelt werden“ (108), was das Dilemma zwischen der „Herausbildung einer Unternehmerschicht“ (ebd.) und der Entstehung einer Bourgeoisie „genial nach Manier der Zerschlagung des gordischen Knotens“ (107) löse. Der viel geschmähte und belächelte Juche-Militärsozialismus, offiziell „Kimilsungismus-Kimjongilismus“ (85) genannt, steht nach Ansicht des Autors einem Wirtschaftswunder am Taedong-gang also prinzipiell nicht im Weg. Und Kim Jong-uns neue byungjin-Politik sollte diesen Weg nach Franks Einschätzung eher noch gezielter verfolgen können.

Trotz anfänglicher Bedenken, der neue Kim könne eine Art Marionette in der Hand mächtigerer Strippenzieher im Hintergrund sein, versteht der Autor die Entmachtung wichtiger Mentoren wie Ri Yong-Ho (2012) und Jang Song-Thaek (2013) als starke Indizien dafür, dass der Enkel „mit Stand von Mitte 2014 die Macht weitgehend in den eigenen Händen“ (93) halte. Angesichts zahlreicher öffentlichkeitswirksam inszenierter Neuerungen in den letzten Jahren, „die man wohl am ehesten mit ‚Brot und Spiele‘ beschreiben kann“ (88), gewährt er ihm einen gewissen Optimismuskredit bei der weiteren Entwicklung des Landes. Andere wie etwa Robert A. Manning sehen die Lage weitaus skeptischer, denn diejenigen, die von der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes letztlich profitieren, seien sicherlich an der Erhaltung des Status Quo interessiert und fürchteten sich vor Veränderungen (Korea Joongang Daily, 5.11.2015, S. 9).

Letztlich bleibt Frank in dieser Frage nach der Zukunft Nordkoreas ambivalent. Einerseits scheint er zu befürchten, dass der neue Machthaber das rigorose Führersystem seiner Vorgänger beibehalten wird, denn inzwischen „lassen sich auch Anfänge eines Personenkults um Kim Jong-Un beobachten“ (93). Andererseits ist er „der Ansicht (...), dass langfristig nur eine kollektive Führung die politische Stabilität sichern“ (74) könne, und das würde nun einmal „eine Abweichung vom System des lebenden Führers“ (ebd.) bedeuten, was ein gravierender Eingriff in die herrschende Ideologie wäre, auch wenn „es durchaus denkbar wäre, das Führersystem auf Basis der verstorbenen Führer aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Verantwortung für das Land auf mehrere Schultern zu verteilen“ (74f.; Hervorhebung im Original). So ist der Autor etwa bezüglich realistischerer Wirtschaftswachstumsraten durch Kim Jong-Un „oder von ihm ausgewählter Funktionäre (...) bezüglich des Realitätssinns und Pragmatismus der neuen Führung optimistisch“ (158). Ohne dies näher zu erläutern, habe er „Grund zu der Annahme, dass es in absehbarer Zeit einen weiteren Reformversuch geben könnte.“ (221) Dagegen erwähnt er an anderer Stelle seine „Zweifel, ob die gegenwärtige Führung um Kim Jong-Un bereits verstanden hat, dass zur Erreichung ihrer ehrgeizigen wirtschaftspolitischen Ziele an der grundlegenden Reform von Eigentumsverhältnissen und Koordinationsmechanismen kein Weg vorbeiführt.“ (189)

Als realistische Möglichkeit für Nordkoreas Zukunft favorisiert der Autor ein Modell ähnlich der Entwicklungsdiktatur Südkoreas in den 1960er und 70er Jahren unter Park Chung-Hee „mit einem starken Staat und einer Militärdiktatur, aber einer im Prinzip privaten Wirtschaft“, denn dies könnte, so eine weitere These, „ein sowohl ökonomisch sinnvolles wie auch politisch machbares Entwicklungskonzept für Nordkorea“ darstellen (208). Allerdings offenbar nicht in der derzeitigen politischen Wetterlage, wo dessen Tochter Park Geun-Hye den politischen Kurs Südkoreas lenkt. Frank ist ein waschechter Fan der Sonnenscheinpolitik, also einer bedingungslosen Annäherung Südkoreas an Nordkorea, und es springt wiederholt ins Auge, dass er sich eine Rückkehr zu einer derartigen Politik wünschen würde. Seite Kritik am Vorgehen Kim Dae-Jungs und seiner Strategen beschränkt sich darauf, dass die „ohne jeden Zweifel vorhandenen Erfolge von zehn Jahren Sonnenschein (...) nicht ausreichend kommuniziert“ wurden (243).

Diesen Vorwurf muss sich allerdings auch der Autor beim für die meisten Westler in Bezug auf Nordkorea sicherlich wichtigsten Thema gefallen lassen, bei der Frage nach den Menschenrechten. So erklärt er zwar, dass die „typisch nordkoreanische Haltung in der Menschenrechtsfrage (…) die westliche Definition der Menschenrechte in Frage“ (113) stelle und das Land seinerseits den USA vorwerfe, „der weltweit größte Menschenrechtsverletzer zu sein“ (114). Frank versäumt es dann aber, zu dieser Ansicht Stellung zu nehmen, eine mögliche nordkoreanische Definition von „Menschenrecht“, etwa in Abgrenzung zu „Klassenrechten“, zu eruieren oder sich gar von dieser Haltung explizit zu distanzieren. Auch beim anderen mit Nordkorea meist assoziierten Problemthema deutet er eine abenteuerliche These an. Üblicherweise sieht man als „Zweck des Atomprogramms“ den „Schutz vor Südkorea und den USA“ (277), doch als Westler solle man nicht vergessen: „Wirtschaftlich, politisch, militärisch und in gewissem Sinne auch ideologisch ist das riesige Nachbarland mit dem 80 Mal größeren Territorium und der 54 Mal größeren Bevölkerung eine massive und unmittelbare Herausforderung für (Nord-) Korea.“ (ebd.) Japan ist damit sicherlich nicht gemeint. Angesichts dieser Dimensionen ist der Autor äußerst skeptisch, dass „Wirtschaftshilfen allein, egal wie großzügig diese ausfallen“ (278), das nordkoreanische Atomprogramm werden stoppen können. Sanktionen sieht er ohnehin sehr kritisch, denn sie können nicht nur „offensichtlich die Weiterentwicklung der neuen Waffensysteme nicht grundsätzlich verhindern“ (174), sondern haben seiner Ansicht nach noch einen weiteren gravierenden Nachteil: „die Armen und Schwachen trifft es zuerst, die Machthaber zuletzt.“ (175)

Was die Frage nach der koreanischen Wiedervereinigung im letzten Kapitel angeht, so warnt der Autor nachdrücklich vor unserer Tendenz, nach Parallelen zur Wende in der DDR und zu unserer eigenen Wiedervereinigung zu suchen: „Die Fälle des geteilten Deutschlands und des geteilten Koreas sind in so gut wie jeder denkbaren Hinsicht viel zu verschieden für einen sinnvollen Vergleich.“ (347) Eine eventuelle Wiedervereinigung wird daher auch ganz anders ablaufen, als wir es erlebt haben, kluge Ratschläge werden wir daher kaum geben können, falls es einmal dazu kommt. Grundsätzlich ist Frank aber „der festen Überzeugung, dass Nord- und Südkorea eines Tages wieder eine Einheit bilden werden“ (386), obwohl China „kein Interesse an einem vereinigten Korea“ als „Verbündeter der USA“ (382) habe, Japan „bei einer koreanischen Vereinigung am meisten verlieren würde“ (383), Russland „sowohl Chancen als auch Risiken“ dabei sähe (384) und auch die USA „eine koreanische Wiedervereinigung nicht ausschließlich positiv sehen“ dürften (ebd.). Der vielversprechendste Weg dahin wäre für den Autor eine „Einbindung beider Koreas in eine ostasiatische Union, etwa nach dem Vorbild der ASEAN, der weder die USA noch China angehörten.“ (385) Dazu bräuchte es allerdings, wie erwähnt, Ideologie- und Wirtschaftsreformen in Nordkorea sowie eine andere Nordkorea-Politik in Südkorea. Damit ist am Ende alles klar: In Korea müsste alles gar nicht so schlecht sein, wenn nur alles anders wäre. Wer dem Autor darin folgen mag, darf sich also Hoffnungen machen.

Der Text besteht aus stringenten, pointiert formulierten Gedankengängen in wenig verschachtelten Sätzen, die sich flüssig herunterlesen ließen, wenn man nicht ständig durch das Nachschlagen von Anmerkungen am Ende des Buches aufgehalten würde. Der Text ist gespickt mit Daten und Beispielen, der Autor greift auf eigene Erfahrungen, Erhebungen, Auswertungen und selbst erstellte Diagramme zurück, er präsentiert auf rund zwanzig Seiten (ab S. 109) eine Einführung in den Text der nordkoreanischen Verfassung und man kann Dank eines brauchbaren Registers systematisch die Stichworte nachschlagen, die man gerade sucht. Allerdings fehlt eine systematische Auflistung der Literaturangaben, die muss man sich in den Anmerkungen selbst zusammensuchen. Dort gibt es interessante und nützliche Sachen zu entdecken, etwa ein Gütekriterium zur Abschätzung der Qualität von Berichten über Nordkorea: „Wer heute noch ‚Geliebter Führer‘ beziehungsweise ‚Dear Leader‘ [als Titel für Kim Jong-Il] schreibt, hat sich offenbar die Mühe erspart, eine nordkoreanische Publikation im Original zu lesen.“ (S. 392, Anm. 2 zu Kapitel 2) Richtig wäre stattdessen „Großer Führer“ (75f.). Mit den Anmerkungen hängt allerdings auch das einzig richtig Schlechte an dem ganzen Buch zusammen, denn bei den letzten vier Anmerkungen kommen die Nummerierungen (im Text) leider durcheinander. Darüber hinaus sind dem Rezensenten eine knappe Handvoll Schreib- oder Druckfehler im Text aufgefallen. Derlei Dinge sind aber eher dem Lektorat oder Verlag zuzuschreiben und sollen angesichts der Fülle von Informationen den positiven Gesamteindruck des Buches am Ende nicht schmälern, da sie sich nicht störend im Gedächtnis festsetzen.

Fazit: Rüdiger Frank erklärt in seinem Buch, wie man Nordkorea verstehen kann. Das ist eine beachtliche Leistung, denn in Medienberichten ist üblicherweise von verrückten Leuten in einem verrückten Land im Griff eines verrückten Gewaltherrschers die Rede. Verstehen bedeutet nicht, erklärte er in einem Interview, dass man damit alles akzeptiert. Das hätte er in seinem Buch an der einen oder anderen Stelle etwas deutlicher ausdrücken können. Ein vergleichbares, aktuelles Werk zu dem Thema gibt es im deutschen Sprachbereich nicht. Bis zur koreanischen Wiedervereinigung (oder, was wir nicht hoffen, bis zur nächsten Katastrophe) darf dieses Buch als Standardwerk gelten. Es sei daher jedem an Korea Interessierten ans Herz gelegt. Im Goethe-Institut Seoul kann man es unter der Signatur „908 (519) FRA“ finden.

 

Rüdiger Frank, Nordkorea. Innenansichten eines verschlossenen Staates, München, DVA, 2014, 428 S., 16 farbige Fotoseiten. ISBN: 978-3-421-04641-3


Copyright © 2016 by Thomas Kuklinski


DaF-Szene Korea Nr. 42

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