Gerd Jendraschek

Koreanisch lernen


1. Einleitung

Koreanisch liegt mit seinen knapp 80 Millionen Muttersprachlern unter rund 7000 Sprachen weltweit auf Platz 13 und damit ziemlich gleichauf mit dem Deutschen [1]. Die genealogische Zugehörigkeit ist nicht eindeutig zu klären, aber eine Verwandtschaft mit Sprachen wie Japanisch, Türkisch und Mongolisch ist naheliegend (Song 2005: 15-17). Insbesondere zum Japanischen bestand seit Jahrtausenden auch ein enger geografischer Kontakt und Austausch mit dem Ergebnis, dass sich die Sprachen in ihrer Struktur recht ähnlich sind, sodass oft eine Wort-für-Wort Übersetzung möglich ist. Hat man also eine der beiden Sprachen gelernt, ist das Erlernen der anderen Sprache um einiges einfacher.

Wenn es in der folgenden Darstellung um das Erlernen der koreanischen Sprache geht, so ist zu berücksichtigen, dass die primäre Zielgruppe Muttersprachler des Deutschen sind, die in Süd-Korea beruflich ihre eigene Muttersprache unterrichten. Es ergibt sich daraus, dass bei der Zielgruppe Kenntnisse grundlegender linguistischer Terminologie und ein Bewusstsein für die Herausforderungen des Fremdspracherwerbs vorhanden sind. Zudem handelt es sich um eine Gruppe, die meist mehrere Jahre in Korea lebt und arbeitet, sodass eine langfristig angelegte Herangehensweise möglich und sinnvoll ist.

In Abschnitt 2 werden Gründe dafür präsentiert, warum für die genannte Zielgruppe Koreanischkenntnisse notwendig sind. In Abschnitt 3 werden kontrastiv einige Bereiche der koreanischen Sprache beleuchtet, die einfacher als im Deutschen sind, bevor wir uns dann in Abschnitt 4 den besonderen Komplexitäten des Koreanischen zuwenden. Abschnitt 5 und 6 betrachten sodann zwei Möglichkeiten, Koreanisch zu lernen, entweder im Rahmen eines Sprachkurses oder im Selbststudium.

Quellen aus dem Internet werden der besseren Lesbarkeit halber am Ende aufgeführt. Im Text verweist eine Nummer auf die jeweilige Quelle. Veröffentlichte Quellen stehen im Literaturverzeichnis. Koreanische Beispiele werden in der Romanisierung des Nationalen Instituts der Koreanischen Sprache geschrieben [2].

2. Gründe und Zwänge, Koreanisch zu lernen

Koreanisch ist die alleinige Amtssprache der Republik Korea und die Muttersprache der gesamten autochthonen Bevölkerung. Für die Kommunikation im Alltag (Einkauf, Wohnung, Freizeit, Kollegen außerhalb der Germanistik usw.) sind Kenntnisse des Koreanischen somit unerlässlich. Anders als an Orten Asiens wie Singapur, Hongkong oder den Philippinen, an denen sich infolge kolonialer Vergangenheit Englisch auch im Alltag etabliert hat, bleibt Englisch in Korea eine Fremdsprache, die der Großteil der Bevölkerung im Alltag kaum verwendet. Lediglich an Orten, an denen viele Touristen verkehren (Flughafen, Hotels, gehobene Restaurants oder Ähnliches) kann mit ausreichenden Englischkenntnissen gerechnet werden. Ansonsten wird man in der Öffentlichkeit jedoch auch als sichtbarer Ausländer meist auf Koreanisch angesprochen.

Darüber hinaus ist Koreanisch auch für manche administrativen Vorgänge erforderlich, da z. B. viele Formulare nur auf Koreanisch existieren oder Info-Rundmails nur auf Koreanisch verschickt werden. Nicht zuletzt brauchen Fremdsprachenlektoren auch Kenntnisse der Muttersprache ihrer Studenten, um mit ihnen in den ersten Semestern überhaupt kommunizieren zu können. Zudem stehen Lektoren, die Koreanisch erlernen, neue Möglichkeiten bilingualer Unterrichtsgestaltung offen (vgl. Butzkamm/Caldwell 2009).

Trotz dieser offensichtlichen Unverzichtbarkeit von Kenntnissen der Landessprache verfügen viele Lektoren auch nach jahrelangem Aufenthalt kaum über nennenswerte Koreanischkenntnisse. Meist scheint es schlicht daran zu liegen, dass sie sich in Strategien eingerichtet haben, die darauf ausgerichtet sind, die oben aufgeführten Situationen zu umgehen, ähnlich den Ausweichstrategien, wie sie Analphabeten entwickeln, um selbst in einer durchbürokratisierten Gesellschaft auch ohne Kenntnisse der Schriftsprache überleben zu können.

Davor kann hier nur gewarnt werden. Der Erwerb von Kenntnissen der Landessprache sollte von Anfang an eine der obersten Prioritäten sein. Natürlich ist das, insbesondere bei einer Sprache wie dem Koreanischen, ein jahrelanger, ja eigentlich ein nie endender Prozess. Wie im nächsten Abschnitt beschrieben, mag Koreanisch anfangs gar nicht so schwierig erscheinen. Allerdings stellt sich nach der Flitterwochenphase oft heraus, dass der Weg steiler wird als gedacht. Die Gründe hierfür werden in Abschnitt 4 behandelt. Die Tatsache, dass Abschnitt 4 länger ist als Abschnitt 3 soll auch nicht so interpretiert werden, dass die Schwierigkeiten überwiegen. Es liegt lediglich daran, dass Schwierigkeiten mehr Erläuterung erforderlich machen als Eigenschaften, die das Koreanischlernen erleichtern.

Der Zweck von Abschnitt 4 ist also keinesfalls zu entmutigen, sondern vielmehr frustrierende Momente vorauszusagen, um sie so vorbereitet leichter überwinden zu können. Auch sollen die nächsten beiden Abschnitte keine umfassenden Beschreibungen des Koreanischen werden, sondern lediglich auf Bereiche aufmerksam machen, die für beginnende Lerner im Vergleich mit dem Deutschen besonders relevant scheinen. Daraus lassen sich dann auch einige der Empfehlungen zum Selbststudium in Abschnitt 6 ableiten.

3. Warum Koreanisch gar nicht so schwer ist

Anders als die Nachbarsprachen Chinesisch und Japanisch benutzt Koreanisch eine reine Alphabetschrift, die in relativ kurzer Zeit zu erlernen ist. Die 24 Buchstaben werden allerdings anders als in Latein-basierten Alphabeten nicht linear hintereinander geschrieben, sondern zu Silbenblöcken zusammengefügt. Anders als in europäischen Alphabeten gibt es keine Groß-Klein-Schreibung. Ein weiterer Vorteil gegenüber vielen asiatischen Sprachen ist das Fehlen tonaler Unterschiede. Auch die in vielen europäischen Sprachen zentrale Unterscheidung in betonte und unbetonte Silben ist im Koreanischen eher schwach ausgeprägt. Nasale Vokale wie im Französischen, Portugiesischen oder Polnischen gibt es im Koreanischen auch nicht. Die Phonotaktik (Kombinationsmöglichkeiten der Laute zu Wörtern) ist einfacher als in den meisten europäischen Sprachen, weshalb aus dem zweisilbigen Frankfurt auch ein sechssilbiges peurangkeupureuteu wird.

Anders als in vielen europäischen Sprachen gibt es im Koreanischen auch keine Genusunterscheidung bei Substantiven. Kasus- und Numerusmarkierung sind agglutinierend und somit transparent. Ebenso gibt es keine nennenswerten Unregelmäßigkeiten bei der Konjugation der Verben. Auch die Wortstellung ist vor allem im Vergleich zum Deutschen relativ unproblematisch.

4. Warum Koreanisch nicht ganz einfach ist

So weit, so einfach. Auch wenn das Lesenlernen im Koreanischen zu weit schnelleren Erfolgserlebnissen als im Chinesischen oder Japanischen führt, so bleibt es doch ein fremdes Alphabet, das nie so vertraut wird wie das in der Grundschule erlernte. Fortgeschrittenen Lernern wird mit der Zeit der Unterschied zwischen Entziffern und flüssigem Lesen bewusst, da letzteres den Schritt von der sequentiellen Erfassung einzelner Buchstaben zur Wortgruppenerkennung voraussetzt. Dies wird beispielsweise relevant, wenn Anzeigetafeln oder Untertitel bereits den nächsten Satz zeigen, obwohl man erst beim zweiten oder dritten Wort des ersten Satzes angekommen war. Es dauert also wesentlich länger und ist ermüdender, längere Texte zu lesen, was wiederum die Gewöhnung an die Sprache durch extensives Lesen erschwert.

Bei der Aussprache sowie bei der Identifikation gehörter Wörter ist die dreifache Unterscheidung bei Plosiven ungewohnt. Bei europäischen Sprachen wird der Unterschied zwischen /b/ und /p/ gewöhnlich so erklärt, dass ersteres stimmhaft ist. Im Koreanischen ist /b/ jedoch im Anlaut stimmlos, der Unterschied zu /p/ liegt in der geringeren Aspiration, d. h. nach /p/ setzt die Stimmhaftigkeit des folgenden Vokals später ein. Das koreanische /p/ ist somit dem relativ stark aspirierten deutschen oder englischen /p/ ähnlich, während das koreanische /b/ dem relativ schwach aspirierten französischen, italienischen oder spanischen /p/ ähnelt. Das koreanische /b/ wird jedoch wie das deutsche /b/ stimmhaft ausgesprochen, wenn es im Wort zwischen stimmhaften Lauten steht. So wird z. B. /babo/ „Dummkopf“ wie [pabo] ausgesprochen, da das /b/ im Anlaut stimmlos, das im Wortinneren stimmhaft gesprochen wird (Sohn 1999: 154). Das dritte Mitglied der Opposition sind die Doppelkonsonanten, die mit geringer Aspiration, aber längerem Verschluss und größerem Druck artikuliert werden. Das Resultat im Fall der bilabialen Okklusive ist dem doppelten /b/ in abbeißen ähnlich (was ja weder apeißen noch abeißen ausgesprochen wird). Ein Wort wie /ppalli/ „schnell“ kann also einigermaßen imitiert werden, indem man für den Anlaut auf das /bb/ aus abbeißen ohne das initiale /a/ zurückgreift. Durch die Dreifachopposition ergeben sich Minimaltrios wie bul „Feuer“, pul „Gras“ und ppul „Horn“ (Sohn 1999: 154).  

Bei den Vokalphonemen ist für Sprecher des Deutschen besonders der Unterschied zwischen /o/ und /eo/ schwierig. Während die Artikulationsstellen ungefähr denen von hoch vs. doch entsprechen, korreliert anders als im Deutschen der geringere Öffnungsgrad von /o/ nicht mit Vokallänge, sodass /ilbon/ „Japan“ und /ilbeon/ „Nummer eins“ für deutsche Ohren schwer zu unterscheiden sind. Der Unterschied zwischen /e/ und /ae/ wird aber auch von Muttersprachlern zunehmend neutralisiert, sodass für viele Sprecher ke „Krabbe“ und kae „Hund“ homonym geworden sind. Vokallänge ist für konservative Sprecher distinktiv, wird aber auch zunehmend neutralisiert. Schließlich sind zahlreiche phonologische Prozesse zu beachten, insbesondere an der Silbengrenze und im Auslaut. So werden beispielsweise daehak „Universität“ und ro „Straße“ bei der Komposition zu daehangno „Universitätsstraße“.

Im Bereich der Morphologie fällt die hohe Zahl gebundener grammatischer Morpheme auf. Allein für die Verknüpfung von Sätzen, die im Deutschen meist mit Konjunktionen wie und, oder, weil usw. erfolgt, gibt es um die hundert Suffixe, die an das Verb des ersten Satzes gehängt werden können. Ein besonderes Problem sind auch die ausgeprägten Registerunterschiede. So gibt es zum Beispiel zwei Formen des Pronomens der ersten Person Singular, na und jeo, wobei die erste neutral und die zweite besonders bescheiden und höflich ist. Und während das Deutsche und andere europäische Sprachen zwar die Unterscheidung der Anredepronomen in „du“ vs. „Sie“ (T/V-Unterscheidung) kennen, hat ein entsprechender Unterschied im Koreanischen viel größere morphologische und lexikalische Konsequenzen. „Iss!“ wäre im Koreanischen meogeo, „Essen Sie!“ ist hingegen deuseyo, „schlaf!“ ist ja, „schlafen Sie!“ ist jumuseyo. Zudem ist das koreanische Äquivalent der T/V-Unterscheidung nicht nur bei den Personalpronomen und Verbformen der zweiten Person, sondern bei jedem Satz für die Flexion relevant. Ein Satz wie „es regnet“ kann beispielsweise je nach Verhältnis zum Angesprochenen und Formalität der Situation als biga wa, biga wayo, biga onda, oder biga omnida übersetzt werden.

Die bei weitem zeitaufwendigste Herausforderung beim Erlernen des Koreanischen ist jedoch der scheinbar endlose chinesische Lehnwortschatz, genannt Hanja aufgrund der Tatsache, dass er mit chinesischen Schriftzeichen geschrieben werden kann (aber heutzutage kaum noch wird). Obwohl Koreanisch und Chinesisch nicht verwandt und im Bereich der Phonologie und Morphosyntax ziemlich verschieden sind, ist doch der Großteil des koreanischen Lexikons in Wirklichkeit chinesischen Ursprungs. Insbesondere durch den Verlust der im Chinesischen distinktiven Töne sind im Koreanischen viele Homonyme entstanden. So führt das Hanja-Wörterbuch von NAVER beispielsweise 267 Bedeutungen für jeong und 369 für su auf [3]. Die Mehrdeutigkeit wird dadurch ein wenig reduziert, dass nicht alle Kombinationen lexikalisiert sind, aber die Kombination jeongsu erzielt immerhin noch 23 Treffer. Manche davon sind recht häufig, andere davon nahezu ungebräuchlich, und schließlich muss man die im Kontext plausibelste Bedeutung auswählen.

Doch nicht nur Homonymie, auch scheinbare Synonymie ist ein Problem. So können die sino-koreanischen Wörter daedap, haedap, hoedap, hoesin und dapbyeon alle mit „Antwort“ übersetzt werden. Die Auswahl des passendsten Lexems erfordert also Vertrautheit mit den Kontexten, in denen die verschiedenen Optionen vorkommen.

Der Einfluss des Chinesischen erstreckt sich bis in die Zahlensysteme, wo die koreanischen Bezeichnungen der Zahlen mittlerweile nur bis 99 benutzt werden können, während ab 100 nur noch chinesische Numeralia zur Anwendung kommen. Im Bereich der niedrigen Zahlen herrscht teils Konkurrenz, teils komplementäre Verteilung: „10 Uhr 10 Minuten“ heißt auf Koreanisch yeol si sip bun, wobei die Stunden mit koreanischen Lexemen (hier yeol „zehn“), die Minuten hingegen mit chinesischen Lexemen (hier sip „zehn“) gezählt werden.

5. Koreanisch lernen I: Teilnahme an Kursen

Wer genug Zeit und Geld hat, dem seien die regulären Koreanischkurse empfohlen, die an vielen Universitäten angeboten werden. Ein weit verbreitetes Format umfasst vier Unterrichtsstunden am Tag, Montag bis Freitag, zehn Wochen pro Stufe, also insgesamt 200 Unterrichtsstunden. Wenn man Feiertage und kurze Ferien hinzuaddiert, kommt man so pro Stufe auf eine Kursdauer von drei Monaten. Wenn man auch nach jeder Stufe aussteigen kann, werden bis zu einem Abschluss sechs Stufen benötigt, die somit in insgesamt anderthalb Jahren absolviert werden können. Allerdings ist zu beachten, dass der Grenznutzen der Kurse mit zunehmendem Fortschritt abnimmt. Während in den unteren Stufen abwechslungsreiche Alltagssituationen behandelt werden, besteht die Herausforderung in den Fortgeschrittenenkursen überwiegend darin, unverdaubare Mengen gehobenen Vokabulars zu absorbieren.

Zu den vier täglichen Unterrichtsstunden kommen noch mehrere Stunden für Hausaufgaben, Vor- und Nachbereitung des Unterrichtsstoffs, sowie umfangreiche Prüfungsvorbereitungen achtmal pro Jahr (je eine Zwischen- und Abschlussprüfung pro Stufe). Die Teilnahme an diesen Kursen ist also eine Vollzeitbeschäftigung, die nur schwer nebenher bewältigt werden kann. Neben den regulären Kursen gibt es auch kürzere Formate von drei bis fünf Wochen oder Abendkurse. Bekannt sind die Spracheninstitute der Universitäten Sogang [4] und Yonsei [5], auf deren Webseiten nähere Informationen verfügbar sind. Schließlich sei noch auf die kostenlosen Kurse der Korea-Stiftung hingewiesen [6].

Die Teilnahme an Sprachkursen hat gegenüber dem Selbststudium einige Vorteile, so wie das vorgegebene Tempo, das Durchnehmen eines vorgegebenen Pakets an Lehrmaterialien, die Anleitung durch erfahrene Lehrkräfte, die motivierende Atmosphäre einer Klassengemeinschaft, die anspornende Fortschrittskontrolle durch regelmäßige Prüfungen und bei denen, die das gesamte anderthalbjährige Programm durchlaufen, die Aussicht auf einen anerkannten Abschluss. Allerdings ist die Teilnahme an Kursen nur schwer mit einer Vollzeitbeschäftigung als Lektor vereinbar. Daher will ich im nächsten Abschnitt einige Empfehlungen für das Selbststudium geben.

6. Koreanisch lernen II: Selbststudium

Noch vor wenigen Jahren bestand das Selbststudium einer Fremdsprache meist aus einem Lehrbuch und einer dazugehörigen CD mit den Lektionstexten und manchmal auch einigen Hör- und Sprechübungen. Zum Glück ist das Angebot in den letzten Jahren reichhaltiger und somit individuell zuschneidbarer geworden. Während Sprachkurse mit vorgefertigten Lektionen am Anfang eine Stütze darstellen mögen, sind sie mit der Zeit doch wenig motivierend und eher auf Klassensituationen zugeschnitten. Gerade beim Selbststudium ist es besonders wichtig, die individuellen Bedürfnisse und Interessen zur Grundlage des Lernvorgangs zu machen, um das Fehlen eines antreibenden und die Organisation übernehmenden Lehrers zu kompensieren.

Doch für alle Lernwilligen gilt zunächst, sich das koreanische Alphabet und eine verständliche Aussprache anzueignen. Eine Übersicht über das koreanische Alphabet ist im Internet schnell zu finden. Besonders übersichtlich ist die Seite des Nationalen Instituts der Koreanischen Sprache [7]. Empfehlenswert sind auch Anleitungen im Internet, zum Beispiel [8], wo man eine ganze Serie kurzer Videos zum Erlernen des koreanischen Alphabets vorfinden kann. Gerade am Anfang ist es auch wichtig, sich jedes neue Wort einmal anzuhören und vor allem auch die in Abschnitt 4 erwähnten Minimalpaare und -trios zu vergleichen. Dies kann man auf den Seiten einiger koreanischer Online-Wörterbücher tun, z. B. dem von NAVER [9]. Man gibt einfach das Wort in koreanischer Schrift im grünen Feld ein, drückt die Eingabetaste und klickt dann auf das blaue Lautsprechersymbol neben dem Stichwort. Wenn man erst das Stichwort selbst anklickt, erscheint auch eine Option für  wiederholtes Hören mit Pausen zum Nachsprechen. Wenn man dann noch den Tab mit dem Wörterbuch dupliziert, also das Wörterbuch zweimal nebeneinander öffnet, kann man die Aussprache von Minimalpaaren direkt miteinander vergleichen.

Der nächste Schritt ist dann das Lesen von Sätzen. Die koreanische Aussprache des Übersetzers von Google [10] ist recht zufriedenstellend, sodass man sich einen eingegebenen oder hineinkopierten Satz erst schnell, dann langsam anhören kann. Natürlich kann man auch gelegentlich Muttersprachler bitten, schwierige Wörter und Sätze vorzusprechen, aber das Internet ist im Allgemeinen geduldiger, hat immer Zeit, und erlaubt das Anschließen von Kopfhörern.

Nach einer Einführung in Alphabet und Aussprache stellt sich die Frage, welche Wörter und Sätze, und welche Bereiche der Grammatik zunächst erlernt werden sollen. Hier zeigen sich gerade die Vorzüge und Nachteile des Selbststudiums: Vorzug deshalb, weil das Lernmaterial auf die individuelle Lebens- und Lernsituation zugeschnitten werden kann; Nachteil, weil der Klassenverband fehlt, in dessen Rahmen das Gelernte eingeübt werden kann. Material, das gelernt, aber dann nicht angewendet werden kann, bleibt jedoch totes Material und ist meist wieder schnell vergessen. Es ist also nötig, sich bei der Auswahl von Wörtern, Wendungen und Sätzen in der nahen Zukunft auftretende Kommunikationssituationen vorzustellen. Plane ich in nächster Zeit, am Schalter eine Zugfahrkarte zu kaufen? Oder würde ich gerne etwas über mich selbst erzählen? Oder Fragen stellen, um mehr über andere erfahren? Will ich möglichst bald über das Wetter reden können? Oder das Leben in Korea und Deutschland vergleichen?

Als erstes sind freilich Grüße und andere soziale Formeln („Danke!“, „Entschuldigung!“ u. Ä.) zu lernen. Als Einstieg bieten sich daher Sprachführer an, empfehlenswert ist zum Beispiel Lonely Planet Korean [11], dessen größter Pluspunkt die durchgängige Verwendung der koreanischen Schrift ist. Wichtig ist bei der Arbeit mit einem Sprachführer, dass man sich nur die Sätze einprägt, die im Moment für einen selbst relevant scheinen und den großen Rest ignoriert. Später können immer noch weitere Sätze zum individuellen „Satzschatz“ hinzugefügt werden. Google Übersetzer [12] kann bei der Analyse der Sätze helfen, indem im Eingabefeld einfach ein Absatz zwischen die Wörter eingefügt wird, denn ein Satz lässt sich leichter einprägen, wenn die Struktur und die Bedeutung der einzelnen Wörter klar sind. Das Auswendiglernen von Sätzen ist dem getrennten Lernen von Wortschatz und Grammatik vorzuziehen, da die vorgefertigten Sätze eines Sprachführers bereits in einem natürlichen und angemessenen Register verfasst sind. Wortschatz und Grammatik werden vielmehr nach und nach durch den Vergleich und die Analyse solcher Modellsätze erschlossen.

Fängt man erst einmal an, die koreanische Sprache in den eigenen Alltag einzubauen, erkennt man auch schnell, welche Lücken am dringendsten gefüllt werden müssen. Nachdem man sich so einen Grundstock an Sätzen angeeignet hat, können die Lern- und Übungsmethoden je nach persönlicher Neigung diversifiziert werden. Manche Lerner werden am Sprachaustausch Gefallen finden (an einer Germanistikabteilung praktisch informell beim Mittagessen möglich), für andere ist zunächst das Hören einfacher Texte interessanter, wie zum Beispiel die kostenlos herunterladbaren von Routledge [13]. Weitere Möglichkeiten sind das Schreiben kurzer Texte und E-Mails, SMS bzw. Kurzmitteilungen (Kakaotalk ist eine in Korea verbreitete App), oder das Lernen von Wortfeldern (je nach persönlichem Interesse z. B. Obst, Tiere, Kleidung usw.) mit Hilfe von Gedächtnisstützen [14], [15]. Am besten ist es, anfangs verschiedene Dinge auszuprobieren, und dann den Schwerpunkt auf die zu legen, die den individuellen Vorlieben entsprechen.

Reicht es am Anfang, Grundlagen der Grammatik durch das Auswendiglernen vorgefertigter Sätze zu erwerben, hat der fortgeschrittene Lerner doch viele Fragen, für die eine gute Nachschlagegrammatik nützlich ist. Besonders empfehlenswert ist Yeon/Brown 2011 [16], das neben ausführlichen Erklärungen zahlreiche Beispielsätze in koreanischer Schrift und mit englischer Übersetzung enthält. Die Grammatik wird am besten bei der Analyse von Sätzen und kurzen Texten als Nachschlagewerk benutzt, da sie auch zwei Indizes (jeweils vom Koreanischen und Englischen ausgehend) enthält, sodass grammatische Suffixe leicht nachgeschlagen werden können. Für die Zukunft nützlich scheinende Beispielsätze aus der Grammatik können dann dem individuellen Satzschatz hinzugefügt wird. Als Einstieg in die Grammatikanalyse bietet sich auch die 17-seitige Zusammenfassung der koreanischen Grammatik im Lonely Planet Korean an.

Wie oben dargestellt, bietet das Selbststudium die Chance, dem eigenen Lernertyp angepasste Methoden zu verfolgen. Aus den oben beispielhaft angeführten Aktivitäten sollten daher vorrangig die ausgewählt werden, die man mit Freude möglichst regelmäßig machen kann. Neben dem Erwerb neuer Sätze, Wörter und Strukturen ist das Auffrischen bereits gelernten Materials unerlässlich. Hierzu muss der Satzschatz in einer Datei gesammelt werden, sodass er archiviert und bei Bedarf wiederholt und reaktiviert werden kann. Ein beliebtes Programm hierfür ist Anki [17], [18], [19], das den Vorzug bietet, dass Eingabe und Lernen am PC oder Smartphone möglich sind und verschiedene Plattformen synchronisiert werden können. Da das Reaktivieren ganzer Sätze langfristig eine zu große Bürde für das Gedächtnis darstellt, ist ein lernerfreundlicheres Format, auf der Vorderseite den koreanischen Satz mit einer Lücke zu haben, und darunter eine deutsche oder englische Übersetzung des gesamten Satzes. Die Rückseite enthält immer den kompletten koreanischen Satz. Ich illustriere das einmal am Sprachpaar Englisch-Deutsch:

Karte 1, Vorderseite

++ is Wednesday.

Heute ist Mittwoch.

 

Karte 1, Rückseite

Today is Wednesday.

 

Karte 2, Vorderseite

Today ++ Wednesday.

Heute ist Mittwoch.

 

Karte 2, Rückseite

Today is Wednesday.

           

Karte 3, Vorderseite

Today is ++.

Heute ist Mittwoch.

 

Karte 3, Rückseite

Today is Wednesday.

 

Durch diese Art der Auffrischung wird man immer wieder an den Satz erinnert, kann sich aber beim Beantworten der Karte auf jeweils einen Teil konzentrieren. Die Wörter werden so immer im Kontext präsentiert. Wie oben erläutert, ist dies ja besonders beim chinesischen Lehnwortschatz ein wichtiger Faktor für die Wahl des passenden Wortes.

Für fortgeschrittenere Lerner werden dann die zahlreichen Dramaserien und Filme der koreanischen Welle interessant. Viele Serien und Filme sind auf YouTube verfügbar, sodass man sich einzelne Passagen mehrfach anhören kann. Auch nach Jahren wird man kaum in der Lage sein, alles zu verstehen, die Aufgabe besteht vielmehr darin, einzelne Wörter und Wendungen wiederzuerkennen und sich einige neue Wörter und Wendungen im Kontext einer Geschichte anzueignen. Einfacher als Filme sind Musikvideos, da hier auch der Text und englische Übersetzungen hinzugezogen werden können. Die Krönung für das Hörverständnis stellen Nachrichten dar. Insbesondere bei Nachrichten ist zu berücksichtigen, dass sie ein sehr differenziertes Vokabular verwenden, das im Alltag kaum anzutreffen ist. Ein besonderer Bonus ist hierbei aber, dass koreanische Sender meist einzelne kurze Videos zusammen mit einer fast wortgleichen Transkription ihrer Nachrichtenvideos ins Netz stellen, sodass man sein Hörverständnis überprüfen kann (z. B. SBS News [20]). Für weniger fortgeschrittene Lerner bieten sich die Wettervorhersagen am Ende der Nachrichtensendungen an.

Wer nach längerem Lernen seinen Kenntnisstand einschätzen lassen möchte, kann das bei einer offiziellen Koreanischprüfung tun. Solche Prüfungen finden mehrmals im Jahr an vielen Orten in Korea statt. Anmelden kann man sich unter [21], Materialien zur Prüfungsvorbereitung finden sich bei [22].         

7. Schlussbemerkungen

Zum Schluss möchte ich noch davor warnen zu denken, man könne Koreanisch ohne regelmäßiges Lernen einfach so „aufschnappen“. So eine Immersion mag gelingen, wenn die zu lernende Sprache der Muttersprache oder anderen bereits erlernten Sprachen ähnlich ist, wie z. B. bei Deutschen, die Spanisch lernen. Im globalen Maßstab haben diese beiden Sprachen eine recht ähnliche grammatische Struktur und einen in die Tausende gehenden gemeinsamen Wortschatz (z. B. „Information“, „Nation“, „Demokratie“, „Problem“), sodass nur noch Lücken gefüllt und Unterschiede erkannt werden müssen. Derartige Anknüpfungspunkte bestehen beim Koreanischen nicht, sodass die Wahrscheinlichkeit überwiegt, dass die Sprache auch nach jahrzehntelanger Immersion unverständlich bleibt. Wichtig ist es jedoch, mit einigen Kontaktpersonen gleich von Anfang an Koreanisch als gemeinsame Sprache zu etablieren. Die anfangs zur Kommunikation gewählte Sprache bekommt ein Teil dieser persönlichen Beziehung und kann später nicht mehr gewechselt werden, da sich bei einem Sprachwechsel gleichzeitig auch das persönliche Verhältnis verändern würde. Ein späterer Wechsel der in der Kommunikation mit dieser Person verwendeten Sprache ist dann meist nicht durchzuhalten oder wirkt wenig authentisch. Sprache ist kein reines Verständigungswerkzeug, das beliebig ausgewechselt werden kann, sondern ein zentraler Teil unserer sozialen Einbettung.

Insbesondere beim Selbststudium darf man sich von langsamen Fortschritten nicht entmutigen lassen. Man darf nicht vergessen, dass ein regulärer Sprachkurs mindestens eine 40-Stunden-Woche erfordert. Investiert man die gleiche Zeit ins Selbststudium, kann man durchaus vergleichbare Fortschritte erzielen. Allerdings wäre ein solches Tempo wohl nur bei wenigen Lernern langfristig aufrechtzuhalten. Entscheidend ist, dass man mit kleinen Schritten, aber mit Leidenschaft und Ausdauer am Ball bleibt und sich an das koreanische Sprichwort gosaeng kkeute nagi onda erinnert: „Am Ende der Mühe kommt die Freude“.

Internetadressen

[1] https://www.ethnologue.com/statistics/size

[2] http://www.korean.go.kr/front_eng/roman/roman_01.do].

[3] http://hanja.naver.com

[4] https://klec.sogang.ac.kr/2000/1000.php]

[5] http://www.yskli.com/_en/proc/p1.asp

[6] https://en.kf.or.kr/?menuno=632].

[7] http://www.korean.go.kr/front_eng/roman/roman_01.do

[8] https://www.youtube.com/watch?v=KN4mysljHYc

[9] http://krdic.naver.com

[10] https://translate.google.com/#ko

[11] http://shop.lonelyplanet.com/south-korea/korean-phrasebook-5

[12] https://translate.google.com/#ko

[13] http://www.routledgetextbooks.com/textbooks/colloquial/korean.php

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Mnemotechnik

[15] http://www.buildyourmemory.com/foreignlanguage.php

[16] https://www.routledge.com/products/9780415603850

[17] https://ankiweb.net/study

[18] http://ankisrs.net

[19] https://play.google.com/store/apps/details?id=com.ichi2.anki&hl=en

[20] http://news.sbs.co.kr/news/programMain.do?prog_cd=R1

[21] http://www.topik.go.kr/

[22] http://www.topikguide.com/previous-papers

Literaturverzeichnis

Butzkamm, Wolfgang/Caldwell, John A.W. 2009. The bilingual reform. A paradigm shift in foreign language teaching. Tübingen: Narr Studienbücher.

Mertens, Annelies 2012. Korean phrasebook & dictionary. Lonely Planet publications.

Sohn, Ho-Min 1999. The Korean language. Cambridge University Press.

Song, Jae Jung 2005. The Korean language. Structure, use and context. London/New York: Routledge.

Yeon, Jaehoon/Brown, Lucien 2011. Korean. A comprehensive grammar. London/New York: Routledge.


Copyright © 2016 by Gerd Jendraschek


DaF-Szene Korea Nr. 42

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