Michael Menke

20 Jahre Lektoren-Vereinigung Korea


Deutsch lernen

Wer 1995 durch die Innenstadt von Seoul ging, konnte hier und da Schilder sehen, die wahlweise als Aufforderung oder als eine Ankündigung zu verstehen waren: (siehe rechts)

Die Zahl der Schüler und Studenten, die mehr oder weniger freiwillig „Deutsch Lernen“ wollten, war groß, ging in die Hunderttausende. Auch die Zahl der Deutsch-LektorInnen stieg in dieser Zeit  stark an. Waren es einige Jahre vorher noch etwa 30 Lehrkräfte aus den D-A-CH-Ländern, zählte man 1995 schon über 60 Personen, die vorwiegend an den Universitäten Konversationsunterricht betreiben sollten.

Die Quantität stimmte also, die Qualität aber nicht. Viele junge Koreaner lernten Deutsch, aber kaum einer konnte es wirklich - das galt natürlich gleichfalls für andere Fremdsprachen. Auch ältere  Professoren oder Lehrer waren oft nicht in der Lage, ein einfaches Gespräch in der Sprache ihres Faches zu führen. Goethes „Faust“ war schon an die hundertmal ins Koreanische übersetzt worden, aber eher aus dem Japanischen als aus der deutschen Vorlage. In den Deutschabteilungen unterrichtete man mit merkwürdigen Eigenproduktionen (dieses Phänomen ist leider bis heute nicht ganz verschwunden) oder mit kopierten längst veralteten Lehrbüchern aus Deutschland. Auf die Frage, was man denn als Lektor so machten müsse, bekam der Verfasser die Antwort „Machen Sie, was Sie wollen“ oder „Die Studenten verstehen sowieso nichts, die wollen nur mal den Klang von Deutsch hören“. Und auch die Situation der LektorInnen, also Gehalt, Verträge, Visa-Regelungen, war unbefriedigend.

Es gab also genügend Gründe, sich zusammenzuschließen und diese Probleme anzugehen. Eine zunächst kleine Gruppe um den Lektor Mathias Adelhoefer von der Hanguk-Fremdsprachen-Universität in Seoul plante ein erstes Treffen. Bereits ein Jahr vorher hatten sie in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut eine Informationsbroschüre für Lektoren herausgegeben, gefolgt von dem ersten Heft der „DaF-Szene Korea“ (die also etwas älter als die LVK ist). Lektorentreffen gab es in unregelmäßigen Abständen schon vorher, aber unter der Federführung der Abteilung für pädagogische Verbindungsarbeit des Goethe-Instituts. Nun sollte aber ein eigenes, unabhängig von und für LektorInnen geplantes Seminar stattfinden. Entgegen skeptischen Erwartungen war die Resonanz groß, und so gründete man am 22. April 1995 die Lektoren-Vereinigung Korea. Die Zeitschrift (damals noch „Rundbrief“) DaF-Szene Korea wurde das nun regelmäßig publizierte Magazin. Im Mai 1996 erhielt die LVK, in dieser Zeit noch gar nicht so selbstverständlich, ihre eigene Webseite, die seit den letzten 18 Jahren von Alexander Kneider betreut wird.

Drei Monate später wurde unser koreanisches Pendant gegründete, die „Koreanische Gesellschaft für Deutsch als Fremdsprache“, mit der wir seitdem oft und gern zusammenarbeiten.

Von der „Gründergruppe“ ist heute niemand mehr dabei (ich selbst kam erst ein Jahr später dazu), denn damals war die berufliche wie vertragliche Situation für LektorInnen eben nicht die beste. Das spiegelt sich in den Texten der ersten Ausgaben wie auch in den Themen der damaligen Seminare oder Lektorentreffen wieder. Die meisten verließen nach einem oder zwei Jahren Korea wieder. Heute hat sich die Lage zumindest für einige KollegInnen verbessert, so dass doch eine Reihe von uns schon seit vielen Jahren in Korea arbeitet. Dennoch beschäftigen wir uns nicht nur mit fachlichen Dingen, wie Seminaren zu „Medien im Unterricht“ oder „Kinder- und Jugendliteratur“, sondern organisierten z.B. auch Informationsveranstaltungen zu Visa- und Versicherungs-Bestimmungen in Korea. Dieses ist ein entscheidender Unterschied zu den koreanischen DaF- oder Germanistik-Verbänden, die im Land und in der akademischen Szene Koreas fest verankert sind. Auch wird unser fachliches Engagement von den Deutsch-Abteilungen oder unseren Universitäten kaum  unterstützt, alles geschieht also ehrenamtlich und in der Freizeit. Zuverlässige Partner haben wir aber, und dafür sind wir sehr dankbar, im DAAD und im Goethe-Institut Korea gefunden, die uns in unserer Arbeit fachlich und materiell zur Seite stehen.

Nichtsdestotrotz sind wir nun ein bisschen stolz auf unser zwanzigjähriges Bestehen, auf über 40 Seminare und Lektorentreffen mit internationalen Referenten, und auf 41 Ausgaben unseres Magazins „DaF-Szene Korea“, das übrigens seit vielen Jahren eine ISSN-Nummer hat, in deutschen und anderen Bibliotheken weltweit gesammelt wird und oftmals Quelle für Aufsätze zum Thema DaF ist.

Der interkulturelle Dialog zwischen Deutschland und Korea ist unser anderes wichtiges Ziel, auch hierzu gab es Themenhefte und Seminare, wie z.B. „Heimat“ im Dezember 2012, und wir sind in der glücklichen Lage, dass unsere Mitglieder nicht nur in Germanistik oder DaF, sondern vielfach auch einen fachlichen Hintergrund in Koreanistik, Geschichte oder Völkerkunde haben.

Wurst

Die Zusammenarbeit mit den koreanischen Stellen und besonders den Fachverbänden muss aber weiter ausgebaut werden, denn ein Satz hat unsere Arbeit seit 20 Jahren begleitet: DaF in Korea ist in einer Krise! Immerhin ist das Fach nicht gänzlich verschwunden, an einigen Stellen haben Reformen die Qualität sogar heben können, aber ein allgemeiner Schrumpfungsprozess lässt sich nicht verleugnen, und gerade in einem Land wie Korea, das bislang einseitig (=USA) oder heute eher dreiseitig (=USA, Japan, China) orientiert ist, hat etwas so exotisches wie Deutsch keine einfache Position.

In dieser Ausgabe finden Sie auf den ersten Seiten einige der Vorträge, die auf unserer Veranstaltung zum 20. Jubiläum der LVK, Thema „Wohin geht DaF in Korea?“ gehalten wurden.Im Anschluss haben wir Texte aus der „DaF-Szene Korea“ und anderer unserer Veröffentlichungen aus den letzten 20 Jahren zusammengestellt, die zeigen sollen, wie oder in welche Richtung Deutsch als Fremdsprache in Korea gegangen ist. Reformpläne, rückgängig gemachte Reformen, Tendenzen und Ideen bestimmten in all den Jahren den Gedanken, Deutsch und die Germanistik vor der Bedeutungslosigkeit zu retten.

Der Rückgang der Deutsch-Lerner-Zahlen in Korea lässt sich nicht verleugnen. Aber wenn wir heute auch weniger Studenten oder Schüler haben, so ist doch das Niveau von DaF in Korea, nicht nur durch verbesserten Unterricht, sondern auch durch Faktoren wie Studentenaustausch, bessere Lehrwerke, besser strukturierten Unterricht, ein anderes (vielleicht besseres?) als vor 20 Jahren.

Und irgendwie ist die die Deutsche Sprache immer noch im koreanischen Alltag gegenwärtig, was hoffentlich auch ein Antrieb ist, sich näher mit ihr zu beschäftigen.


Copyright © 2015 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 41

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