Rudolf Weinmann

Das Wunder von Bern


Ein sportlicher Ausflug in die Nachkriegsgeschichte

Wie immer in den Semesterferien war ich auch in diesem Sommer auf der Suche nach neuen Themen für meinen Kurs 비주얼독일어 (Visuelles Deutsch) mit landeskundlichem Schwerpunkt, etwa auf dem Niveau A2. Da soeben die Fußball-Weltmeisterschaft mit ihrem aus deutscher Sicht erfreulichen Ergebnis zu Ende gegangen war, lag es nahe, daran anzuknüpfen, um die Sportbegeisterung der koreanischen Studierenden als Motivationshilfe und als Brücke für eine landeskundliche und sprachliche Spurensuche zu nutzen. An dieser Stelle bot sich der Spielfilm „Das Wunder von Bern“ (Deutschland 2003 in der Regie von Sönke Wortmann) an. Die Unterrichtseinheit dazu konzipierte ich für drei Doppelstunden. Als Einstieg ließ ich die Teilnehmer (TN) eine Liste ihrer jeweiligen Lieblingssportarten erstellen; anschließend interviewten sie sich gegenseitig über ihre – aktiven wie passiven – sportlichen Vorlieben und Abneigungen. Mit Hilfe eines Fragebogens zum Thema „Ich und Fußball” regte ich sie zudem an, über ihr Verhältnis speziell zu dieser Sportart zu reflektieren, das sich – wenig überraschend – bei den Meisten als positiv bis enthusiastisch darstellte. Im Anschluss vermittelte ein kurzer Lückentext einige grundlegende Fakten zum Fußball in Deutschland. In Ergänzung dazu sollten die TN bekannte deutsche „Fußballstädte” (die Austragungsorte der WM von 2006) herausfinden und in eine Deutschlandkarte eintragen. Als Nächstes präsentierte ich die offizielle Webseite der Bundesliga <bundesliga.de> als Online-Quelle. Auf dieser Seite baute nun eine komplexere Unterrichtssequenz auf: Die TN sollten sich in Gruppenarbeit jeweils einen Verein heraussuchen und die wichtigsten Informationen dazu recherchieren; zusätzlich sollten sie einen Spieler dieses Clubs auswählen und Daten über ihn sammeln. Währenddessen ordneten die übrigen Gruppen auf einem weiteren Arbeitsblatt die Bundesligavereine ihren jeweiligen Logos zu und machten sich mit den deutschen Bezeichnungen für die Positionen der Spieler auf dem Spielfeld vertraut. In der folgenden Doppelstunde präsentierten die TN die Ergebnisse ihrer Recherche. In dieser Phase führte ich den Spielfilm „Das Wunder von Bern” ein, der neben deutscher Fußball-Geschichte einen Einblick in die gesellschaftliche Situation der Nachkriegszeit vermittelt. Konkret zeigt er den fußballbegeisterten elfjährigen Matthias und seine Familie als Beispiel für das Leben in den 1950er-Jahren vor dem Hintergrund der Fußball-WM von 1954. Die persönliche Verbindung zwischen beiden Ebenen wird durch die Freundschaft von Matthias mit dem Nationalspieler Helmut Rahn hergestellt. Ein Schlüsselmoment ist die Heimkehr des Vaters aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, die das Familiengefüge dramatisch verändert. Als „Aufhänger” für den Film diente die Originalreportage des Endspiels von 1954 (das Video ist auf Youtube verfügbar). Dabei konnten die TN ihr selektives Hörverständnis überprüfen, indem sie Fragen zum Spielort, den beteiligten Mannschaften, dem Spielstand zur Halbzeit sowie am Ende und zum Torschützen des Siegestreffers beantworteten. Mit dem Verweis auf die fiktionale Bearbeitung dieses Ereignisses leitete ich zum Film selbst über (offensichtlich hatte ihn noch keiner der TN gesehen). Gemeinsam besprachen wir eine kurze Zusammenfassung seines Inhalts sowie Skizzen zur Rollenbiografie der Protagonisten (das Material habe ich den „Arbeitsheften zum virtuellen Film-Rucksack“ entnommen, die ich von der Webseite des italienischen Goethe-Instituts heruntergeladen habe). Dabei umriss ich kurz die historischen wie die fiktionalen Anteile des Spielfilms und ging auf die dort angesprochenen sozialen Probleme ein: so etwa auf die Diskrepanz zwischen beginnendem wirtschaftlichen Aufschwung und mentaler Unsicherheit als Folge der NS-Herrschaft und des verlorenen Krieges oder die Situation der verspäteten Kriegsheimkehrer. Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, konnten die TN Zitate, die sie im Trailer zum Film (ebenfalls auf Youtube eingestellt) hörten, den einzelnen Personen zuordnen. Aus dem Spielfilm ist erst kürzlich ein gleichnamiges Musical entstanden, das sich meiner Ansicht nach sehr gut als Ergänzung im Unterricht eignet. Daher stellte ich es in der dritten Doppelstunde vor. Auch dazu ist ein Trailer bei Youtube hochgeladen. Aufgrund ihrer Kenntnis der Rollen im Film konnten die TN ohne große Mühe die im Trailer gehörten Song-Ausschnitte den Protagonisten zuordnen. Anschließend spielte ich den Videoclip mit dem gemeinsamen Song von Matthias und seinem Vater Richard „Wir beide könnten groß sein” vor; er ist sowohl von der Aussage wie von der Melodie her emotional besonders anrührend. Die TN „puzzelten“ die gehörten Zitate in die richtige Reihenfolge. Da die TN nun mit den Grundzügen der Filmhandlung vertraut waren, konnte ich sie schließlich mit dem Spielfilm selbst bekannt machen. Aufgrund seiner Länge wählte ich einige Schlüsselszenen wie die Heimkehr Richards oder das Endspiel in Bern aus. Zur sprachlichen Vorentlastung schickte ich den einzelnen Szenen eine kurze Inhaltsangabe voran. Im Anschluss äußerten die TN ihren persönlichen Eindruck von den angesehenen Sequenzen sowie von der Handlung insgesamt. Der Film „Das Wunder von Bern“ erwies sich, zusammen mit dem Musical, als gelungener Einstieg in das Thema „Fußball” wie auch in einige Aspekte der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zwar verlangte das Verständnis der Thematik sowohl in sprachlicher als auch in inhaltlicher Hinsicht den TN einige Anstrengungen (und mir einigen Arbeitsaufwand) ab, aber am Ende hat sich die Mühe nach ihrem wie nach meinem eigenen Eindruck ganz klar gelohnt.


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DaF-Szene Korea Nr. 40

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