Jochen Stappenbeck

Die Echo-Sketch-Methode


Werd ich zum Wortgebilde sagen: Verweile dochdu bist so schön!
Dann sollt ich’s übertragen, dann will ich‘s gerne wiederhörn! 
Frei nach Goethe


Am Anfang war der Fixierungswahn. Ins eine Ohr rein, aus dem anderen wieder raus. Das musste geändert werden. Erst einmal mit einem speziellen, für alle Studenten obligatorischen Lernheft, in das der ganze Lernstoff eingetragen wird: das Lernbrückenheft (LEB). Mnemotechniken gibt es schon lange, aber es ist auch wichtig, die Ergebnisse zu fixieren, damit sie gut eingeübt werden können und das Gefühl des Fortschreitens hervorrufen. Um das Aufschreiben der Vokabeln und jedes erinnerungswerten Stoffes attraktiv zu machen, werden in der mittlere Spalte Assoziationen aller Art von jedem Lerner individuell entworfen. Die Memorisierbarkeit des Stoffes wird außerdem durch die künstlerische Gestaltung der einzelnen Seite gefördert. Kreativität wird im LEB vor allem wie die mittelalterliche „inventio“ verstanden, also das schöpferische Nachahmen eines Ideals. Es gibt für jeden Sprachernstfall ein Muster, ein Ideal, eine Wahrheit. Das Heft folgt dem Prinzip der Entdeckung der Langsamkeit. Je länger und vielseitiger man bei dem Lernstoff verweilt, desto besser. Vorteile ergeben sich in der Praxis zum Beispiel beim Unterrichtsbeginn, bei dem erst einmal eine neue „Perle“ eingetragen wird: neue Witze, Sprichwörter, Lernlieder oder Rätsel. Das fördert die Konzentration. Gut für das LEB eignen sich Lückentexte, die im Unterricht bearbeitet werden. Beim Fixieren derselben hat meist das Ultrakurzzeitgedächtnis seinen Dienst aufgegeben. Der Lehrer kann dabei individuell auf die Studenten eingehen. Das Heft stärkt generell die Lehrer-Schüler-Beziehung, weil es regelmäßig zur Überprüfung und Kommentierung eingesammelt wird. Im Zeitalter der Handy-Besessenheit ist die Rückführung auf Mechanisches der geistigen Gesundheit zuträglich. Regelmäßig kann der Stift auch gegen einen Klebestift eingetauscht werden, wenn sich etwa Gedichte, Lieder oder E-Mails in gedruckter Form besser verinnerlichen lassen.

In einem weiteren Schritt wird das LEB vertont und damit der Vergänglichkeit entrissen. Der in ihm aufgeschriebene Wortschatz wird auf Audio-Dateien besprochen und immer wieder angehört. Die Grundregel ist dabei: einmal unnatürlich langsam und übertrieben expressiv aufnehmen, dann dieselbe Zeit pausieren, um ruhig nachsprechen zu können, dann dasselbe wieder mit natürlichem Sprechtempo aufnehmen. Das ist die Drei-Phasen-Aufnahme-Methode. Möglichst an verschiedenen Orten in verschiedenen Kontexten. Die eigene Stimme einzusetzen ist dabei zunächst mit Überwindung verbunden, aber dann sollte der positive Effekt, die Aussprache über das Anhören der eigenen Stimme zu verbessern, überwiegen. Daneben gibt es Hörmaterial aus dem Lehrbuch und vom Lehrer. Gleichzeitig sollten sich die Studenten um Sprachtandemlernpartner via Skype kümmern. Dann können sich die Partner gegenseitig mit muttersprachlichen Aufnahmen ihres Lernstoffes beglücken, was auch die Freundschaftsbeziehung fördert. Dieser Austausch wird im Unterricht angebahnt und durch entsprechende Redewendungen erleichtert.

Im dritten Schritt werden die Hausaufgaben in die ersten beiden Methoden eingebunden und produktiv gemacht, und zwar mit der Echo-Sketch-Methode: Grundlage ist die Aufteilung der Klasse in fünf bis sechs ungefähr gleich starke Gruppen. Sie könnten „Bayern“, „Berlin“ usw. genannt werden, was ab und zu Landeskunde erlaubt. Zu jedem Unterricht bereitet jede Gruppen ihre Hausaufgabe als Sketch vor. Die Durchschnittsdauer des Auftritts ist drei Minuten. Im Semesterplan, der in jedem Unterricht aktualisiert gezeigt wird, ist alles im Voraus für die kommenden Wochen festgelegt. Die performende Gruppe kann auch andere Funktionen übernehmen, aber das ist ihre Kernaufgabe. Wenn sie es gut macht und die Masse mitzieht, bekommt sie eine gute Note. Vor der Performance muss sie dem Lehrer Skript und MP3 schicken. Alle Hausaufgaben werden in das LEB eingetragen. Besondere Beachtung findet der eigene Sketch. Von Unterricht zu Unterricht kann die Anzahl der Sketche variiert werden. Alle Gruppen kommen der Reihe nach dran.

Die Gruppe lernt die Übung auswendig und überlegt sich eine passende szenische Umsetzung. Der Phantasie bei den Mitteln der schauspielerischen Umsetzung sind keine Grenzen gesetzt außer: nie sich selbst spielen und die Szene nicht in Korea verorten, sondern fremde Rollen ausdenken.

Beim Echo-Sketch spricht jeweils eine Person einen Satz, dann wiederholt die Klasse als Chor diesen Satz. Sollten es nicht alle verstehen, wird der Satz wiederholt oder vereinfacht. Die anderen Studenten dürfen dabei in das Buch sehen, um die Struktur zu erkennen. Es handelt sich dabei meist um Lückentexte, klassische Übungen oder auch um die Umsetzung von Bildergeschichten. Bei selbst geschriebenen Texten wird erst der Text geklärt und lückenhaft per Screen oder auf Papier verteilt. Wichtig ist, dass die Gruppe das Stück gut kann. Die Studenten sollten der Versuchung unterliegen, sich statt ins Buch zu vertiefen, auf das Schauspiel zu konzentrieren und dabei mitzumachen. Die Schauspieler sollen immer wieder scheinbar spontane Einschübe vornehmen, ohne die Struktur zu verlassen. Z.B. „Mein Handy ist leider schon seit gestern kaputt.“ Sie dürfen und sollten also mehr performen, als in der Vorlage steht.

Diese Methode hält wach und macht gute Laune. Sie wird intellektuell gewürzt durch Vorbereitung und durch die Bewertung. Vorteilhaft wirkt sich aus:

  1. Alle machen mit.
  2. Jede Gruppe kommt relativ oft dran.
  3. Niemand muss nervös sein, da alle in einem gleichen Zeitraum gleich oft auf der „Bühne“ stehen.
  4. Die Struktur ist völlig klar.
  5. Alle müssten den Stoff theoretisch vorher gelesen haben.
  6. Trotzdem ist es lustig, da aus einer künstlich eingeschränkten Situation oft kreative Improvisation erst möglich wird oder sogar Poesie. Im Korsett der formalen Vorgaben wird Originalität erzeugt.
  7. Letztlich kann es beliebig variiert werden, sollte Langeweile aufkommen. Aber bis zu diesem Zeitpunkt sollte das Korsett verinnerlicht worden sein. Im Idealfall entsteht hieraus erst das Bedürfnis, wirklich etwas zu spielen, weil Ausdrucksweisen entdeckt werden.
  8. Die Audio-Dateien sollten möglichst an ein Hörspiel erinnern. Das fördert die Bemühungen um gute Aussprache und Intonation.
  9. Dadurch kommen die Studenten öfter zum Unterricht, weil die von ihnen im Stich gelassenen Gruppenmitglieder alleine performen müssten und dadurch alle eine schlechtere Note bekämen. Es herrscht also Gruppenhaft.
  10. Dadurch bilden sie gleichzeitig kleine Lerngruppen zum Vokabellernen.
  11. Es wirkt aufbauend, in einer Fremdsprache fließend Sätze zu sprechen, die dann von einem Chor nachgesprochen werden.


Copyright © 2014 by Jochen Stappenbeck


DaF-Szene Korea Nr. 40

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