Dirk Schlottmann

Kultur und Sprache multisensorisch erleben

Erfahrungsberichte koreanischer Studenten zur Vorbereitung des Theaterabends "Schwanensee" an der Korea National University of Education


An der Korea National University of Education in Cheongju ist es im Wintersemester seit Beginn des neuen Millenniums zur Tradition geworden, dass die Studenten des meist noch recht schüchternen ersten Jahrgangs, über ihren Schatten springen und ein Theaterstück inszenieren und aufführen. In der Regel orientieren sich die Studentinnen an den Ideen ihrer älteren Kommilitonen und so sind in den letzten Jahren Aschenputtel, Rotkäppchen, der gestiefelte Kater und viele andere Figuren aus den gesammelten Märchen der Gebrüder Grimm zum Leben erwacht und haben sich in einer oft zeitgenössischen, koreanisch-deutschen Version ihrer Geschichte wiedergefunden.


Szene aus „Der gestiefelte Kater“

Werktreue spielt bis dato beim Verfassen der Texte und bei der Inszenierung des gewählten Schauspiels eine untergeordnete Rolle. Das auserkorene Märchen kreiert den Spielraum und gibt die handelnden Figuren vor, aber damit sind bereits alle Rahmenbedingungen gegeben. Im Mittelpunkt der Begegnung aus Fremdsprachenunterricht und Theaterspiel steht, zumindest aus Sicht des Lehrenden, nicht die perfekte Inszenierung vor einem Publikum, sondern vielmehr die pädagogische Qualität von Lernprozessen.[1]

Das Hauptlernziel bei der Erarbeitung eines gemeinsamen Theaterstücks ist die Verbesserung der Aussprache und der Kommunikationsfähigkeit in der Fremdsprache. Bereits die selbst verfassten, immer wieder neu erarbeiteten Texte und Dialoge verbinden die produktiven Fertigkeiten Schreiben und Sprechen. In den Monaten vor der Aufführung trainieren die Studenten dann zudem intensiv ihre Aussprache und sobald sie ihre Texte beherrschen beginnt schließlich eine Phase der körperlichen Auseinandersetzung mit den Texten, die emotionale Aspekte beinhaltet und zu einer intensiveren Selbstwahrnehmung motiviert.

In dieser Phase des Lernens gewinnen motorische, kreative, ästhetische und soziale Faktoren an Gewicht, die normalerweise im Fremdsprachenunterricht eine untergeordnete Rolle spielen.

In dem Zeitraum zwischen „Text erfassen“ und Aufführung lerne ich meine Studenten neu kennen und erfahre viel über die verschiedenen Persönlichkeiten, die jede Woche bei mir im Unterricht sitzen. Der selbst geschriebene Text, der als Partitur verstanden wird und eine freie Ausgestaltung der jeweiligen Rolle erlaubt, sowie die Abwesenheit einer Bewertung in Form von Noten, sind der Boden auf dem Kreativität, Originalität und Produktivität gedeihen können.

Nach der Betreuung von mehreren Theaterstücken stimme ich der These „Menschen lernen am erfolgreichsten in Verbindung mit guten Gefühlen“[2] nicht nur zu, sondern glaube, dass gerade im Kontext des koreanischen Fremdsprachen-Curriculum, die zwanglose, gemeinsame Inszenierung eines Theaterstücks ein besonderes emotionales Erlebnis ermöglicht, was zu neuem und gesteigertem Interesse an der Fremdsprache und der damit verbundenen Kultur führt.

Ganz ohne Widerspruch bleibt aber auch dieser Moment nicht. Während der Lehrende eher die prozessorientierte Arbeit der gemeinsamen Anstrengung in den Mittelpunkt stellt, ist für die Studenten mit dem näher rückenden Termin der Aufführung der produktorientierte Aspekt zunehmend wichtiger. Das ist kein konfliktbeladener Gegensatz der Wahrnehmung, aber durchaus ein Thema bei der Gestaltung der Performance. Allerdings obliegt die Gestaltung der Aufführung der Verantwortung der Studenten und die „Betreuer“ halten sich bewusst zurück. In letzter Konsequenz ist das auch sicherlich die richtige Strategie, weil auf diese Weise zeitgenössische Interpretationen entstehen, die der Wahrnehmung der Jugend Rechnung tragen.

In diesem Jahr ist die Aufregung besonders groß, weil durch die Unterstützung des DAAD bei meinen Studenten das Bewusstsein erwacht ist, dass sie über die Grenzen der Universität und der Stadt Cheongju wahrgenommen werden. Natürlich wollen sie etwas Besonderes bieten und so hat bereits mit der Wahl eines der bekanntesten Werke der internationalen Theater- und Musikkultur „Schwanensee“ eine kleine Zäsur in der KNUE-Germanistik-Theatertradition stattgefunden.

Da sich die DAF-Szene in dieser Ausgabe “Das Beste“ (aus dem DAF-Unterricht in Korea) auf die Fahne geschrieben hat, möchte ich die Chance wahrnehmen, meinen Studenten, die dieses Jahr ihr „Bestes geben“ in Form eines Interviews[3] zu Wort kommen zulassen:

1. Warum habt Ihr Euch für Schwanensee, eines der berühmtesten Ballette zur Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, entschieden?

Die Entscheidung als Theaterstück Schwanensee zu zeigen, hat damit zu tun, dass dieses Ballett so berühmt ist. Alternativen waren „Der Froschkönig“ oder „Dornröschen“. Aber sowohl „Dornröschen“ als auch „Der Froschkönig“ sind schon einmal aufgeführt worden. Wir wollten aber etwas Neues machen.

2. Wer hat die Texte für die Aufführung verfasst? Wie sah der Arbeitsprozess aus?

Eine Studentin hat den Text vom Englischen ins Koreanische übersetzt. Dann haben wir gemeinsam den Text umgeschrieben. Und als unsere Version von „Schwanensee“ abgeschlossen war, begannen die Übersetzungsarbeiten. Sie haben es dann zur Korrektur und Verbesserung erhalten.

3. Wie erlebt Ihr die Zeit der Vorbereitung?

Die Vorbereitung ist nicht einfach. Es lernt zwar jeder seinen Text, aber gerade am Anfang haben wir bei den Dialogen bemerkt, dass wir den Text an einigen Stellen nicht verstanden haben oder dass wir gerade bei Redewendungen oder Metaphern nicht so sicher sind, was gemeint ist. Was soll das beispielsweise bedeuten „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man kriegt.“[4] Das klingt „süß“ aber wir haben ein wenig gerätselt, was das heißen soll Allerdings ist es dann ein schöner und interessanter Moment, wenn sich der Text verselbständigt und einfach da ist. Dann fühlt man sich ein bisschen deutsch.

Trotzdem haben wir den Eindruck, es geht zwei Schritte nach vorne und dann wieder einen zurück. Die Zeit bis zur Aufführung ist auf einmal sehr kurz.

4. Was sind die Probleme bei der Vorbereitung auf den Theaterabend?

Wir befürchten langsam, keine talentierten Schauspieler zu sein. Tanzen, singen oder auf Befehl lachen … das ist etwas was uns nicht so gelingen will. Wir sind eben keine Schauspieler und haben ein wenig Angst, dass wir uns zu lange mit guter Aussprache und Text aufhalten. Dabei ist Performance doch so wichtig in Korea. Und im letzten Jahr haben die Studentinnen sehr gut getanzt. Wir haben ein wenig Bedenken, dass wir zu steif rüberkommen.

5. Was erwartet Ihr von dem Theaterabend?

Wir hoffen, dass viele Besucher kommen. Wir denken, dass auch viele Freunde von anderen Fakultäten unter den Zuschauern sein werden. Wir möchten insbesondere unseren Kommilitonen aus der KNUE zeigen, dass wir Deutsch als Fremdsprache richtig lernen und können. Wir wollen sie mit unserem Deutsch beeindrucken. Andere Fakultäten denken oft, dass man in Französisch und Deutsch nicht so richtig lernt. Das stimmt nicht. Und unser Theaterstück soll das beweisen und zeigen, dass ein Studium der deutschen Sprache auch toll ist.

6. Was lernt Ihr durch das Theaterspielen?

Einige von uns sind selbstsicherer geworden. Am Anfang waren die Stimmen sehr leise und schwach. Keiner wollte im Mittelpunkt stehen. Jetzt fühlen wir uns sicherer und selbstbewusster.

Da wir als angehende Lehrer auch immer wieder vor Menschen reden müssen und täglich vor einer Klasse stehen werden[5], ist zudem die Überwindung von Lampenfieber ein Thema für uns.

Es ist auch eine interessante Erfahrung zu erkennen, was man nicht ist. Einige von uns lernen sich aus einer neuen Perspektive kennen. Das ist vielleicht die unerwarteteste Erfahrung in diesem Zusammenhang.

7. Wie lernt Ihr Eure Texte und Euer Spiel?

Wir lernen fast immer in der Gruppe. Natürlich lernt jeder seinen Text auch alleine. Aber die gesamte Vorbereitung auf den Theaterabend läuft gemeinsam. Ausnahmen sind die Aussprachestunden bei Ihnen im Büro. Bei Ihnen können wir ein wenig an unserem Deutsch feilen. Wir hätten aber am liebsten noch einen Schauspiellehrer.

8. Ist das multisensorische Lernen eine besondere Erfahrung? Wie kann man das beschreiben.

Gestik und Mimik sind ja nicht ganz so anders in Deutschland. In Korea gibt es ein wenig mehr aegyo[6] und wir agieren auf der Bühne dramatischer. Was aber sehr schwer ist, diese Dramatik, richtig betont, ins Deutsche zu übertragen. Wir sind sehr unsicher. Bei fast jedem Satz haben wir den Eindruck, er sollte anders klingen. Die Kombination aus Schauspiel und deutscher Sprache ist aber gerade deswegen ein interessantes Erlebnis. Wir haben auch schon gehört, dass es Fremdsprachschauspielkurse in Korea gibt. Jetzt können wir uns darunter etwas vorstellen. Als Alternative zum Unterricht wünschen wir uns das aber eher nicht. Es ist ein aufregendes Konzept, aber es passt nicht zu jedem.

9. Verbessert sich die Sprachfähigkeit durch das Theaterstück? Wie sehr verbessert sich die Aussprache?

Unsere Aussprache und unser Mut zur Kommunikation haben sich deutlich verbessert.

10. Das Stück ist sehr koreanisiert worden. Habt Ihr trotzdem das Gefühl ein Stück Deutschland zu zeigen?

Nur eine von uns war als Kind in Deutschland. Wir kennen Deutschland also bloß aus der Schule bzw. durch die Kurse an der Universität. Insofern wissen wir gar nicht, wie eine deutsche Variante aussehen sollte. Und unserem Publikum geht es nicht anders. Deshalb finden wir es gut, dass wir unseren Schwanensee mit koreanischem Humor, Zitaten aus Fernsehserien und Elementen der K-pop-Kultur aufpeppen. Das wird unseren Zuschauern gefallen und für mehr Stimmung sorgen. Der deutsch-koreanische Mix ist besser zu verstehen. Und letztendlich transportiert dieses Potpourri auch deutsche Kultur.

11. Was wünscht Ihr Euch für den Theaterabend?

Glück, Erfolg und viele Zuschauer!


Bibliografie

Maley Alan, Duff Alan. 2005. Drama techniques. A resource book of communication activities for language teachers. Cambridge University Press: Cambridge

Oelschläger, Birgit. 2004. Szenisches Spiel im Unterricht Deutsch als Fremdsprache. (http://www.gfl-journal.de/1-2004/oelschlaeger.pdf) Stand 25.10.2014

Schewe, Manfred. 1993. Fremdsprache inszenieren. Zu Fundierung einer dramapädagogischen Lehr- und Lernpraxis. Didaktisches Zentrum Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg: Oldenburg.

Spitzer, Manfred. 2002. Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Spektrum: Berlin, Heidelberg

Spitzer, Manfred. 2007. Vokabeln lernen leicht gemacht. Gefühle bleiben im Gedächtnis. In: Süddeutsche Zeitung, 21./22. April 2007.

Sambanis Michaela, Speck Andrea. 2010. Lernen in Bewegung: Effekte bewegungsgestützter Wortschatzarbeit auf der Primarstufe. In: Französisch heute 3, 111–115.


[1] Vgl. Schewe, 1993, S. 112

[2] Sambanis / Speck, 2010, S. 111

[3] überarbeitetes Gruppeninterview des gesamten Jahrgangs

[4] Zitat aus dem Film „Forrest Gump“

[5] KNUE ist eine Universität, die sich auf die Ausbildung von Lehrer, Erziehungswissenschaften und Bildungsforschung spezialisiert hat.

[6] Eine besondere Form der kindlichen Koketterie, die koreanische Frauen mit Mimik, Gestik und Stimme zum Ausdruck bringen. Aegyo ist vergleichbar mit dem japanischen Konzept von kawai.


Copyright © 2014 by Dirk Schlottmann


DaF-Szene Korea Nr. 40

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