Michael Menke

Firmenbesuch in der Universität


Vor etwa zehn Jahren hat man an der Incheon National Universität für die Fächer Germanistik und Romanistik/Französisch ein Nebenfach eingeführt, das den Namen “Europa-Handel” trägt. Inhalt dieses Faches sind Kurse mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund, Handelslehre, Rechnungswesen und vieles mehr. In einem der Kurse dieses Faches geht es um den praktischen Aspekt. Wir laden Vertreter von Firmen mit deutschem, französischem oder europäischem Hintergrund ein oder besuchen diese Firmen mit der Klasse. Vorteilhaft dafür ist natürlich der Standort der Universität in der Sonderwirtschaftszone in Songdo, Incheon, wo in direkter Nachbarschaft bereits einige europäische, auch deutsche, Unternehmen angesiedelt sind. Ziel dieses Unterrichts ist es, die Studenten direkt mit europäischen Firmen und Firmenvertretern bekannt zu machen, Praktika oder gar Beschäftigungsverhältnisse einzuleiten.

Man hört zwar immer besonders von deutschen Firmen, dass eigentlich Englisch die Firmensprache sei, trifft aber, wenn man diese Unternehmen besucht, dennoch überraschenderweise oft auf Angestellte, die Deutsch gelernt haben. Scheinbar ist es, trotz gegenteiliger Firmenpolitik, für die deutschen Mitarbeiter angenehmer, sich mit Angestellten in der eigenen Sprache unterhalten zu können.

Unsere Studenten kennen natürlich die großen deutschen Firmen, namentlich die Autohersteller, die in Korea vertreten sind. Dass es darüber hinaus aber noch viele andere, vor allem auch mittelständische Unternehmen gibt, weiß kaum jemand. So ist in der Vorbesprechung zu dem Kurs natürlich viel von BMW, Audi, Benz oder VW die Rede, aber schon beim Namen “Osram” vermuten viele Koreaner eher einen koreanischen Hersteller (was von dieser Firma nicht unbedingt nur negativ gesehen wird). Doch gerade bei den Auto-Firmen sind die Möglichkeiten für “Geisteswissenschaftler” eher gering, denn z.B. BMW betreibt in Korea nur den Service-Sektor und sucht allenfalls Techniker, während der personalintensivere Verkauf von koreanischen Händlern durchgeführt wird. Ein Gleiches gilt für alle anderen europäischen Autofirmen in Korea.

Die meisten Studenten haben bis zum dritten Studienjahr so gut wie nie Kontakt mit Firmen, geschweige denn mit ausländischen Unternehmen und deren Vertretern in Korea. Zwar gibt es auch für Studenten Ferien- oder Wochenend-Jobs, die sich aber eher auf eine Arbeit im Restaurant oder Laden beschränken, also das, was man auf Koreanisch mit “Arbeit” bezeichnet. Auch die Anfertigung von Bewerbungsschreiben oder einem Lebenslauf sind so gut wie unbekannt, und wenn doch, dann in der koreanischen Variante, also mit Hervorhebung guter menschlicher Tugenden oder der Erwähnung, was Vater und Mutter beruflich machen. Die Einrichtung eines Praktikums ist in Korea noch nicht so üblich und beginnt erst langsam, in der koreanischen Firmenwelt, aber auch unter den Studenten bekannt zu werden.

Ein “CEO” einer Firma ist in der asiatischen gesellschaftlichen Hierarchie so etwas wie ein Halbgott, und entsprechend schüchtern bis schweigend wird diesen Personen begegnet. Dieser Gegensatz musste nun für den Kurs irgendwie gelöst werden, denn die Studenten sollten ja mit den Firmenvertretern sprechen, ihnen viele Fragen stellen, möglichst viele Informationen zu Praktikum, Bewerbung und Arbeitsplatz bekommen. Und das auch noch in den Fremdsprachen Deutsch, Französisch oder notfalls Englisch. Dazu musste schon ein gewisser Druck ausgeübt werden, und der lässt sich im koreanischen Erziehungssystem bekanntlich am besten über Noten erreichen. Also: Wer viel fragt, bekommt viele Punkte und damit letztendlich auch eine gute Note.


Josef Meilinger, früherer CEO von Siemens Korea

So war es geplant, nur machten unsere Studenten erst einmal einen Strich durch diese Rechnung, den sie lernten vorher aus alter Gewohnheit alle Fragen, die sie stellen wollten, auswendig. Der Haken war natürlich, dass sie die Antworten nicht bereits kannten, und die waren ja nun mal das wichtigste. Also hatte ich den Gästen im Vorfeld signalisiert, möglichst langsam und mit nicht allzu komplizierten Sätzen zu sprechen. Bei allen Vorbehalten: Ausländische Firmenvertreter in Korea sind es gewohnt, dass nicht alles, was sie sagen, gleich verstanden wird, und so sprechen sie eigentlich fast alle automatisch langsam und arbeiten mit reichlich bebilderten Präsentationen, wenn es um die Vorstellung ihres Unternehmens geht.


Ein Vertreter der französischen Modefirma „pull in“ stellt seine Produkte, nämlich Unterwäsche, vor.

Als erste Besucher wurden Vertreter von kleineren, mittelständischen Firmen eingeladen, und da möglichst auch diejenigen, die etwas jünger sind und nicht so “furchteinflößend” wirken. Dennoch verlief dieser erste Gastvortrag und vor allem die Frage-Antwort-Stunde danach ziemlich zäh, denn wie vermutet hatte von den Studenten kaum jemand den Mut, während der offiziellen Vortragszeit etwas zu fragen und sich mit seinen vielleicht nicht so guten Sprachkenntnissen vor dem Gast und besonders vor den eigenen Mitstudenten zu blamieren. Als dann aber die geplante Zeit zu Ende war und unser Gast bereits seine Sachen einpackte, kamen erste zaghafte Studenten nach vorn und versuchten zumindest, an seine Visitenkarte zu kommen. Und dann ging eigentlich das los, was für die zwei Stunden davor geplant gewesen war, eine ziemlich lockere Konversation, sprachlich zwar holprig, aber inhaltlich wie gewünscht, über Praktika, Möglichkeiten in der Firma und vieles andere. Und als dann noch jemand die Idee hatte, mit dem Besucher und einigen Studenten gemeinsam in ein Restaurant zu gehen, lief alles weiter wie gewünscht.

So haben wir dann für die folgenden Besuchsveranstaltungen den Ablauf geändert, das heißt nach dem Vortrag der Gäste nur eine kurze offizielle Zeit für “Questions & Answers” gelassen, dafür aber etwa eine halbe Stunde “planlos”, in der unsere Studenten einfach versuchen konnten, mit unseren Gästen locker in ein Gespräch zu kommen.


Bei der Lufthansa-Tocher „LSG Sky Chefs“ am Flughafen Incheon.
Hier wird das Essen für Fluglinien vorbereitet

Ein weiteres Glanzlicht waren Besuche in den Firmen. Unternehmen in der Nähe, die bereit dazu waren, ließen sich relativ leicht finden, denn für diese ist es eine Art Werbung, die gern gesehen ist. Unsere Studenten konnten hier nicht nur mit dem Chef sprechen, der seine Firma, deren Produkte oder Dienstleistungen vorstellte, sondern auch mit anderen koreanischen Angestellten.

Da dieser Kurs auf Englisch abgehalten wird, nehmen regelmäßig auch unsere ausländischen Austauschstudenten teil. Diese, besonders wenn sie aus südlichen Ländern kommen, sind oft sehr kommunikativ und damit Vorbild für die koreanischen Studenten. Während des laufenden Kurses werden auch Hausarbeiten aufgegeben, die dann in  „internationalen“ Studententeams erledigt werden, und auch hier treffen damit westliches und koreanisches Arbeitsverhalten doch sehr positiv aufeinander.

Nicht nur für die Studenten verliefen diese Kurse in den letzten zehn Jahren erfolgreich, auch die Vertreter der Firmen haben auf diese Weise bei uns Studenten kennengelernt, die dann später bei ihnen ein Praktikum machen konnten oder sogar im weiteren Verlauf auch eingestellt wurden.


Copyright © 2014 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 40

Back Home