Michael Menke

Studentenaustausch


Austausch von Studenten zwischen Korea und Deutschland gibt es in der “normalen Form”, d.h. Koreaner gehen nach Deutschland und im Gegenzug kommen deutsche Studenten nach Korea, erst seit relativ wenigen Jahren. Davor war dieser „Austausch“ ein eher einseitiges Phänomen. Nur einige koreanische Studenten konnten, mit Unterstützung des DAAD oder eigenen Förderprogrammen der Universitäten, in den Sommerferien oder ein Semester lang eine deutsche Hochschule besuchen, Deutsche kamen kaum nach Korea.

Mittlerweile ist aber die Zahl der Hochschulpartnerschaften stark gestiegen, und auch Korea ist für Deutsche mehr und mehr zu einem attraktiven Land geworden. Damals wie heute ist aber der Besuch in dem jeweils anderen Land immer ein Gewinn für die Studenten, hier wie da. Durch einen langen Aufenthalt im Gastland steigt nicht nur das Niveau der gelernten Fremdsprache, auch persönlich bietet der Auslandsaufenthalt immer ein großes Plus. Austauschprogramme sind scheinbar auch ein Magnet für Studenten, jedenfalls in Korea. Nicht zuletzt durch unsere fünf Partnerschaften mit deutschen Hochschulen hat meine Abteilung derzeit keine Sorgen, genügend Studenten zu bekommen.

Am Beginn der zunächst noch sehr einseitigen Partnerschaft mit nur einer deutschen Universität (Göttingen) stand das große Fragezeichen, ob unsere Studenten überhaupt in der Lage seien, über einen reinen Sprachkurs hinaus auch am regulären Studium in Deutschland teilnehmen zu können. Hier in Korea hatten sie kaum das Sprach-Niveau B1 (damals gab es diese Einstufung allerdings noch nicht) erreicht. Trotz vieler Bedenken wurden aber zwei, ein Jura-Student und eine Germanistik-Studentin, nach Göttingen geschickt. Nach einem halben Jahr kamen zwei junge Leute wieder nach Korea zurück, die man kaum wiedererkannte. Diese erste Erfahrung mit dem Studienort Deutschland zog in den folgenden Jahren eine große Anzahl an weiteren Austauschstudenten nach sich, wobei die “Rückkehrer” immer wieder den Anstoß für andere Studenten gaben, sich auch zu bewerben. Kleine Zögerlichkeiten gab es, nachdem als zweite Partneruniversität eine in den neuen Bundesländern gewählt wurde, die TU Chemnitz, weil gerade in dieser Zeit Übergriffe von Neo-Nazis in Ost-Deutschland in den koreanischen Medien die Runde machten. Gleichzeitig kamen aber auch ab diesem Jahr die ersten regelmäßigen Austauschstudenten aus Deutschland auf unseren Campus, und so konnten sich unsere noch unsicheren Kandidaten direkt davon überzeugen, dass selbst im Bundesland Sachsen auch normale Menschen leben, die keinesfalls gefährlich sind.

War es am Anfang noch etwas schwer, überhaupt Interessenten für ein halbes oder ganzes Jahr in Deutschland zu finden, so ist heute die Zahl der Bewerber größer als die möglichen Plätze in Deutschland. Ein gleiches gilt im Übrigen auch für die deutschen Interessenten. Wollte man vor einigen Jahren von einer deutschen Hochschule nach Korea gehen, so war man oft der einzige Interessent und wurde gleich akzeptiert. Heute dagegen gibt es oft mehr Bewerber für den Austausch als angenommen werden können. Das mag sicherlich auch mit nicht-universitären Faktoren wie zum Beispiel dem Phänomen “K-Pop” zusammenhängen, aber natürlich kann man auch in Deutschland von den “alten” Austausch-Studenten hören, wie gut es ihnen in Korea gefallen hat. Ein Pluspunkt der kleineren Universitäten in Korea ist dabei vielleicht, dass dort die Ausländer in das bestehende Unterrichtsprogramm integriert werden, während gerade an den großen Hochschulen, besonders in Seoul, die schon relativ vielen ausländischen Studenten in Kurse “nur für Ausländer” gepackt werden und damit weniger Kontakt zu ihren koreanischen Kommilitonen bekommen.

Aber zurück zu den Koreanern in Deutschland. Dass Koreaner am Beginn ihres Deutschlandaufenthalts oft noch nicht so gute Sprachkenntnisse haben, sieht man scheinbar auch vor Ort. So beginnen die meisten dann auch nicht mit dem regulären Studienprogramm, sondern absolvieren erst einmal einen Intensiv-Sprachkurs. Dies hat den großen Vorteil, dass sie am Beginn auch gleich sehr umsorgt werden, nicht nur von den relevanten Stellen der deutschen Universitäten, sondern auch von den Sprachkurs-Veranstaltern, die sich nicht nur um das Sprachprogramm kümmern, sondern auch noch ein vielfältiges Rahmenprogramm bieten, durch das die jungen Koreaner viel besser das Gastland kennenlernen und auch gleich viele Bekanntschaften machen können. Der manchmal befürchtete Kulturschock, gepaart mit dem “Einsamkeitsfaktor” oder das Aneinanderkleben von koreanischen Studenten in Deutschland mit all seinen Lern-Hindernissen wird dadurch deutlich gemindert.

Der Besuch von Lehrveranstaltungen und besonders auch das Erlangen von “Scheinen” sind nicht so einfach, weil eben für diese Anforderungen ein hohes Sprachverständnis erforderlich ist. In der Regel schaffen es koreanische Studenten aber dennoch, in einen oder zwei Kursen ein auch in Korea anrechenbares Ergebnis zu erzielen (manchmal mit besonderer Hilfe der deutschen Professoren oder deutschen Studenten), worauf sie dann besonders stolz sind. Auch hier ist der Faktor “Austausch” hervorzuheben, den oft sind es gerade die deutschen Studenten, die vorher an der koreanischen Partneruniversität waren, welche die ersten Ansprechpartner in Deutschland sind.

Auch der Faktor Freizeit ist kein unwichtiger Bestandteil des Aufenthaltes in Deutschland. Neben den von der Universität organisierten Ausflügen, Exkursionen oder Reisen können sich die koreanischen Studenten selbst im Organisieren von Fahrten beweisen. Einiges haben sie dabei sicherlich schon im Unterricht in Korea gelernt, den das Thema “Reise, Fahrkartenkauf” gehört zu jedem Lehrbuch der deutschen Sprache. Natürlich ist es aber etwas anderes, dieses selbst zu tun, und nicht nur theoretisch im Deutschunterricht. Die Erfahrung beim Reisen ist sicherlich eine, die für die Persönlichkeitsbildung wichtig ist, und das ist wiederum hilfreich später bei der Bewerbung für eine koreanische, deutsche oder internationale Firma. Wer bei einem Bewerbungsgespräch sagen kann, dass sie/er selbst in Deutschland oder Europa die Hürden einer Reiseplanung und auch deren Ausführung bewältigt hat, kommt sicherlich auch mit Schwierigkeiten in einem Unternehmen besser klar. Wobei natürlich sowieso klar ist, dass ein Auslandsaufenthalt, verbunden mit einem Studium oder Kurs an einer Universität, auf jeden Fall immer ein großer Pluspunkt bei einem Bewerbungsgespräch ist.

Jeweils in den Winterferien konnte ich unsere Austauschstudenten an der Technischen Universität Chemnitz besuchen. Wenn ich dort im Januar ankam, waren sie bereits seit September dort, also schon über fünf Monate. Auffallend war vor allem Dingen der wesentlich lockere Umgang mit dem “deutschen Professor aus Korea”. War man vorher ein respektvolles und vor allem sehr zurückhaltendes Benehmen gewohnt, begleitet von wenig Wagemut zur Kommunikation, so fingen die Studenten hier in Deutschland gleich von selbst ein lockeres Gespräch an. Daraus wurde deutlich, dass sich für sie die  Kommunikationssituation in Deutschland, sowohl im Unterricht als auch in der Freizeit mit anderen Studenten, doch ziemlich verändert hatte. Munter wurde erzählt, was man den ganzen Tag so macht, welche Reisen man daneben unternommen habe, und es wurde auch nicht, ziemlich untypisch für Koreaner, mit leichter Kritik gespart. Chemnitz sei zwar wunderbar, aber am Sonntag sei dort, wie wohl überall in Deutschland, der Hund begraben, auch bei Fahrten nach Leipzig oder Dresden hatte sich dieser Eindruck gefestigt. Nichtsdestotrotz wolle man aber noch die letzten Monate genießen, oder vielleicht sogar noch um ein Semester verlängern.

Damit wird gleich ein weiteres Problem angeschnitten. Auf der einen Seite ist es natürlich sehr begrüßenswert und hat große Vorteile, wenn möglichst viele Studenten aus Korea an diesem Studentenaustausch teilnehmen, andererseits gibt es einen gar nicht so kleinen Wermutstropfen für die Studiensituation vor Ort in Korea. Denn je mehr Studenten sich in  Deutschland aufhalten, desto weniger verbleiben an der Stamm-Universität in Korea. Und das trifft noch etwas härter, wenn man bedenkt, dass ja nicht Studenten aus den zahlenmäßig großen ersten oder zweiten Studien-Jahren am Austausch teilnehmen, sondern eher aus dem dritten, besonders aber aus dem vierten Studienjahr. Und das sind eben die Jahrgänge, die hier in Korea durch Fachwechsel oder Umorientierung doch ziemlich ausdünnen. So können an der Deutschabteilung meiner Universität manchmal Kurse nicht stattfinden, weil die Mindestzahl der Teilnehmer nicht erreicht wird, und wenn “viele Studenten” eben nicht hier, sondern in Deutschland sind, ist die Gefahr noch größer, dass Unterricht wegen zu wenigen Anmeldungen ausfallen muss. Gerade bei älteren koreanischen Professoren wird dieser Vorbehalt relativ oft geäußert. Dennoch wird allgemein das Austauschprogramm, das von unserer Universität für beide Seiten, also auch die deutschen Studenten, finanziell gefördert wird, als sehr positiv gesehen.

Wenn unsere koreanischen Studenten nach dem Auslandsaufenthalt zurückkehren, müssen sie über diese Zeit eine Präsentation abhalten, die aus Fotos und Texten über ihre Zeit in Deutschland besteht. Auffallend ist, dass in diesen Präsentationen weniger das Studium als das ganze “drumherum” wichtig ist. Die Stadt ihres Aufenthalts wird aus der Sicht der Besucher vorgestellt, ein großer Teil umfasst aber auch das alltägliche Leben wie Wohnheim, Einkaufen, Verkehrsmittel oder Schilderungen der Natur. Ein weiter wichtiger Bereich ist die Sozialisierung mit deutschen oder ausländischen Kommilitonen an der Universität. Begriffe wie “Heimweh” kommen kaum vor, dafür wird erklärt, wie man auch in einer fremden Umgebung als Koreaner überleben kann, wo es koreanische oder asiatische Geschäfte in der Stadt gab, und wie man seinen koreanischen Hintergrund den anderen Studenten vermittelt hat, z.B. durch Kochen von koreanischen Gerichten.

Ein anderer wichtiger Punkt ist natürlich auch die Schilderung von Reisen innerhalb Deutschlands oder ins Ausland, und mag die dafür verbliebene Zeit auch noch so knapp bemessen gewesen sein, so kommt man doch immer wenigsten auf den Besuch von fünf oder sechs europäischen Nachbarländern.

Sicherlich wird ein Austausch-Semester oder vielleicht sogar ein –Jahr in Deutschland für das gesamte Studium nicht allzu viel anrechenbare Studienleistung bringen, viel wichtiger ist aber, dass die Studenten das Land ihrer Zielsprache, dessen Menschen, Gesellschaft und Kultur persönlich kennengelernt haben. Und war vorher das Studium in Korea vielleicht oft desillusionierend oder nicht motivierend, so ist es nach diesem Aufenthalt sicherlich das Gegenteil. Hervorzuheben ist auch, dass ein großer Prozentsatz derjenigen, die in Deutschland waren, einen weiteren Aufenthalt dort planen und auch durchführen, wobei dann eher noch das eigentliche Studium, oft mit dem Master-Abschluss, im Vordergrund steht.


Copyright © 2014 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 40

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