Thomas Kuklinski-Rhee

Im Norden nichts Neues?

Blaine Harden, Flucht aus Lager 14. Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam


Unter den zahlreichen interessanten Büchern über Nordkorea, die man im Goethe-Institut Seoul finden kann, sticht ein Buch besonders heraus, das unter der Signatur 908 (519) HAR=20 zu finden ist: Escape from Camp 14. One Man’s Remarkable Odyssey from North Korea to Freedom in the West von Blaine Harden. (Ich beziehe mich bei den Seitenangaben im Folgenden auf die deutsche Ausgabe.) Es handelt von der unglaublichen Geschichte des Nordkoreaners Shin In Geun, der in einem nordkoreanischen Arbeitslager von zwei Häftlingen gezeugt wurde (S. 12, 33), dort geboren (34) und in liebloser Kälte und Einsamkeit aufgewachsen ist (26, 32, 35), seine Schulzeit dort verbrachte (45 ff., 110 – wo es alles andere als Schulunterricht gab), die Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruder nach ihrer aufgeflogenen Ausbruchsabsicht in der ersten Reihe miterlebte (14, 91f.), als dreizehnjähriger Junge seine Verhaftung innerhalb des Lagers und Folterungen in einem unterirdischen Gefängnis durchlitt (13, 67ff., 81ff.) und überlebte (77ff., 83), dort bei einem Mitgefangenen erstmals von der Welt außerhalb des Elektrozauns erfuhr (84ff.), der unzählige Demütigungen, Misshandlungen, sexuelle Ausbeutungen und Ermordungen der Gefangenen durch die Wärter gesehen und selbst erlebte (11, 43f., 52, 89, 94ff., 109, 124, 137), dem trotz permanenter Unterernährung (16, 96) zur Strafe oft noch die Rationen gekürzt wurden (95), dessen hauptsächliche Proteinquelle selbst gefangene Ratten und Mäuse und anderes unappetitliches Getier waren (38f.), die es aufgrund der Fäkalienverwertung im Lager reichlich gab (37), der einige Jahre einen relativ bequemen Arbeitsplatz bei der Schweinezucht genoss, wo er sich am Schweinefutter ab und zu sogar mal satt essen konnte (112), der das Sklavenarbeiterelend auf dem nächsten Arbeitsplatz an eigener Haut erlebte (121ff.), wo ihm bei einer Bestrafung der halbe Finger abgehackt wurde (16, 125), der dort von seinem Kollegen Park, der neu ins Lager gekommen ist (129), von den paradiesischen Zuständen in fernen Ländern erfahren hat, was in ihm einen unbändigen Appetit auf gegrilltes Fleisch erregte und der nur noch davon träumte, sich einmal damit den Bauch vollzuschlagen (131f.), koste es, was es wolle (140f., 143), und dem schließlich als völlig Ahnungslosen von der Welt jenseits des Elektrozauns (13, 148) durch eine ganze Reihe glücklicher Umstände die vielleicht ersehnte, aber ungeplante Flucht aus dem Lager (151), nach China (175ff.) und weiter nach Südkorea (199f.) gelang, bis er am Ende in den USA angekommen ist (15, 221ff.).

Diese erschütternde Geschichte rüttelte wohl auch die vom Südkoreaner Ban Ki-moon geleitete UNO wach, die am 21. März vergangenen Jahres die Commission of Inquiry on Human Rights in the Democratic People’s Republic of Korea gründete. Diese Institution will insbesondere die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufdecken, die in dem Land systematisch durchgeführt werden. Dazu wurde der einzige in einem nordkoreanischen Gulag Geborene, dem jemals die Flucht aus dem Lager gelang und der sich seit seiner Ankunft in Südkorea Shin Dong-hyuk nennt, im Sommer letztes Jahr als „Zeuge Nummer eins“ eingeladen, um in einer öffentlichen Anhörung an der Yonsei-Universität in Seoul seine Lebensgeschichte zu erzählen. Man könnte denken, dass er damit seine Lebensbestimmung erreicht hat und fortan als Missionar im Dienst der Aufklärung über die Grausamkeiten Nordkoreas durch die Welt zieht. Doch ein Interview mit der Financial Times, das gleich im Anschluss an seinen UNO-Auftritt durchgeführt wurde, lässt daran starke Zweifel aufkommen. Emotional ausgepowert fühlte er sich kaum Willens und in der Lage, die Fragen zu den immer selben Themen erneut zu beantworten, stocherte lustlos in seinem kalorienreichen Essen herum, wischte dabei unaufhörlich über sein Smartphone und grummelte wiederholt, dass er am liebsten alles über sein bisheriges Leben vergessen können würde.

Shins Geschichte wurde von dem ehemaligen Washington Post-Journalisten Blaine Harden auf der Grundlage zahlloser Interviews und Gespräche mit Shin und anderen, die ihn kennen, über einen Zeitraum von zwei Jahren geschrieben. Man sieht dem Buch stellenweise den Entstehungsprozess an, vor allem in der Inszenierung der dramatischen Wende in Shins Erzählung darüber, wie es dazu kam, dass seine Mutter und sein Bruder im Straflager vor seinen Augen hingerichtet wurden (70ff., 72ff.). Neben der eigentlichen Lebensgeschichte Shins enthält es mehrere journalistische Ausflüge zu anderen Horizonten und über die Situation in Nordkorea zurzeit von Shins jeweiligen Lebensstationen: nordkoreanische Zwangsarbeitslager (19f.), Hungerkatastrophen (39ff.), die Sichtweise der Wärter (56ff.), das global operierende Versicherungsbetrugssystem Nordkoreas (59ff.), Infos über den Werdegang Kim Jong Uns (64ff.), Selbstmorde bei Gefangenen (99f.), die Juche-Ideologie (105ff.), private (Schwarz-)Märkte in Nordkorea (114ff.), Korruption bei Beamten und Soldaten (119), professionelle Fluchthelfer und skrupellose Menschenschmuggler (159ff.), die löchrige Grenze nach China (163ff., 177ff.), nordkoreanische Flüchtlinge in China (186ff.), Anpassungsschwierigkeiten nordkoreanischer Flüchtlinge in Südkorea (201ff.), beispielsweise bereits beim Verdauen kohlenhydratreichen Fast Foods (205) oder dass sie oft mehrere Jahre isoliert leben, bevor sie Kontakt zu anderen nordkoreanischen Flüchtlingen aufnehmen (212), das Desinteresse von Südkoreanern nordkoreanischen Flüchtlingen gegenüber (212ff.), Bildungsterror und die Suizidproblematik in Südkorea (215ff.), und außerdem Fotos von Shin und den drei Kims sowie zeichnerische Darstellungen von Shins einschneidendsten Erlebnissen im Camp in der Buchmitte, Übersichtskarten über das Lager 14 und Shins Fluchtroute nach China im Anhang sowie Internet- und Literaturverweise in den Anmerkungen.

Der Journalist Harden inszeniert eine abenteuerliche Heldengeschichte mit dramatischen Höhe- und Tiefpunkten, inklusive obligatorischer (tragischer) Lovestory, die so auch als Grundlage für ein Spielfilm-Drehbuch durchgehen könnte. Als Heldengeschichte schließt sie selbstverständlich mit einer Art Happy End: Wo Shin erst nach seiner Ankunft in den USA als unsicherer Langweiler skizziert wurde, der perspektivlos vor sich hin bummelte, entpuppt er sich am Ende als ebenso eleganter wie eloquenter Redner, der seine Zuhörer souverän in den Bann zieht und seine Rolle gefunden zu haben scheint: „In dieser Rede, wenn auch noch nicht in seinem Leben, hatte Shin seine Vergangenheit in den Griff bekommen.“ (239) Mit dieser verheißungsvollen Botschaft endet das Buch.

Doch zeitgleich mit dem Buch entstand ein Dokumentarfilm über Shin vom deutschen Dokumentarfilmer Marc Wiese, der dazu von Hardens Zeitungsberichten über Shin angeregt worden war (24). Der Film mit dem Titel „Camp 14. Total Control Zone“ wurde ebenfalls 2012 veröffentlicht und lief eine Zeit lang im Kino. Man kann ihn leicht bei Youtube finden. In dem Film ist Shin alles andere als eine heldenhafte Erscheinung: zweifelnd, verzweifelt, mutlos, freudlos, ziellos, gebrochen, von Albträumen geplagt, problembelastet, tendenziell verschlossen, mit in kleinen Details anderen Erinnerungen als im Buch, mit deutlichen Schwierigkeiten, sich auszudrücken und Widerständen, überhaupt darüber zu erzählen, mit einer Sehnsucht nach einem in der Erinnerungswirklichkeit verlorenen Zuhause, wo er als Schweinefarmer leben möchte, sollte Korea jemals wiedervereinigt werden. Besonders auffällig ist, dass es offensichtlich Erinnerungen ganz furchtbarer Art gibt, über die im Buch kein Wort verloren wird und über die Shin auch vor der laufenden Kamera nicht sprechen will, die er anscheinend komplett verdrängen möchte. Insgesamt ist er in dem Film alles andere als ein Protagonist, mit dem man sich identifizieren möchte, sondern viel eher ein Opfer der Umstände, das beim Betrachter Mitleid auslöst.

Das entspricht viel eher dem Bild, mit dem in Hardens Buch die Mehrzahl der Nordkorea beschrieben wird, denen die Flucht nach Südkorea gelang und denen die Integration in die (verwestlichte) südkoreanische Welt nicht gelingen will: Probleme mit Geld, Arbeit, Wohnung, Vertrauen, sozialen Kontakten, Ausbeutung von Fluchthelfern und anderen „Besser-Südis“ und so fort. Einige schaffen es wohl, ihren indoktrinierten Glauben an den göttlichen Kimvater, Kimsohn und den heiligen Kimenkel in einen dreifaltigen Gottesglauben umzuwandeln, was die Integration sicherlich erleichtern mag. Ein Beispiel dafür ist Lee Soon Ok, die nach einer steilen Karriere als linien- und prinzipientreue Parteifunktionärin denunziert wurde, für sechs Jahre in ein Arbeitslager kam, wo sie buchstäblich die Hölle durchmachte (die Beschreibungen der von ihr erlebten und beobachteten Folter-, Bestrafungs- und Exekutionsszenen sind weitaus krasser als bei Shin), nach ihrer Entlassung den Glauben an den selig machenden Kimismus komplett verlor, mit ihrem Sohn über China nach Südkorea flüchtete und sich hier in kürzester Zeit als devote Christin entpuppte. Doch Shin, der seine Bekannten ab und zu in eine Kirche begleitet, ist im Lager nie derart ideologisch vorgewaschen worden und berichtet nun von Schwierigkeiten, sich ein allgütiges übernatürliches Wesen vorzustellen (S. 210). Er scheint sein Heil eher bei Medikamenten zu finden, die er braucht, um die übelsten Psychoattacken und Albträume in den Griff zu kriegen (206).

Anders, als das Buch es nahe legt, besteht wohl kaum Hoffnung darauf, dass Shin jemals mit sich und seiner Lebensgeschichte ganz ins Reine kommt. Und das scheint ein grundsätzliches Problem von ehemaligen Nordkoreanern zu sein. Wenn man sich die Erfahrungen der Helfer aus dem Auffanglager für nordkoreanische Flüchtlinge in Hanawon bei Seoul vor Augen hält, die in dem Buch aufgezählt sind (207ff.), erstirbt jede Hoffnung, dass Korea eines Tages eine so gerade noch ausreichende Wiedervereinigung hinzaubern könnte, wie wir es in Deutschland erlebt haben. Die Mentalitäten bzw. Ideologien der Menschen sind zu verschieden, es bräuchte sicher mindestens die berüchtigten drei Generationen (21, 57), bis sich die Nord- und Südstaaten wenigstens auf eine Art working level eingependelt hätten. Andererseits scheint die Entfremdung für die im Norden aufgewachsenen Koreaner im Südland derart gewaltig und abschreckend zu sein, dass die befürchtete Millionenschwemme zu den Fleischtöpfen ausbleiben dürfte, falls die Grenze jemals fiele. Selbst die brutalst Gefolterten und übelst Missbrauchten sehnen sich zurück nach der Stätte ihrer verlorenen Träume und Familienmitglieder, um sie zu betrauern.

Warum ist dieses Buch in der langen Reihe der Berichte über Nordkorea und nordkoreanische Konzentrationslager nun so besonders? Es zeigt nicht nur die endlose Züchtigung, sondern die systematische Züchtung von Menschen in den (Auf)Zuchthäusern des Kim-Kalifats, wo sie von der Geburt bis zu ihrem Tod nur gequält werden, ohne dass sie irgend etwas verbrochen hätten, wo ihnen ein menschen-, ja selbst ein tierwürdiges Dasein nicht einen Tag ihres freudlosen Sklavenlebens (17) gewährt wird, um aus ihnen durch Schweiß, Blut und Tränen die billigstmögliche Arbeit herauszupressen (42, 48), damit die moralisch und auch in sonstiger Hinsicht bankrotte Oberschicht sich einen fetten Ranzen anfressen und sich mit teuren (ausländischen) Waren eindecken kann (62ff.). Krasser kann die Ausbeutung von Menschen durch Menschen kaum verwirklicht, deutlicher kann der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit eines angeblich das Wohl der Menschen verbessernden Systems kaum ausgeprägt sein. Die von den Wärtern arrangierte Züchtung Shins und seines älteren Bruders (12, 34) scheint zwar willkürlich eingefädelt worden zu sein, doch es wären nur ein, zwei weitere Schritte erforderlich, um daraus ein Programm zur systematischen Menschenzucht nach ausgewählten Kriterien zu machen. Horrorszenarien seelenloser Sklavenzombies oder willenloser Klonkrieger rücken in greifbare Nähe.

Im April dieses Jahres sprach Shin vor dem Sicherheitsrat der UNO in New York über seine Lebensgeschichte, und im September war er wieder in New York, wo er unter anderem US-Außenminister John Kerry traf, wie aus einem Facebook-Eintrag hervorgeht. Gut nachvollziehbar, dass Nordkorea not quite amused war über die zunehmenden Aktivitäten Shins, der inzwischen seine eigene NGO gegründet hat, „Inside NK“, und über seine Facebook-Seite immer mehr Menschen weltweit erreicht. Als Reaktion lancierte das Regime Ende Oktober dieses Jahr per Youtube eine eigene Stellungnahme zum Fall Shin, in dem dieser als Verbrecher dargestellt wird, der sich aus dem Land gestohlen hat, um seiner verdienten Strafe zu entgehen, unter anderem für die behauptete Vergewaltigung einer Minderjährigen. Als Krönung tritt dort mehrfach Shins leiblicher Vater auf, den Shin quasi als Bestrafung für seine Flucht seit Jahren für tot hielt.

In den zwei zehnminütigen Videos, die man unter ihrem Titel „The Truth About Shin Dong-hyuk“ leicht finden kann, sieht man den Vater in einer Wohnwelt inszeniert, wie es sich nur die Oberschicht leisten kann und der sich dort sichtlich fehl am Platze fühlt. Er beteuert, wie falsch Shins Flucht und seine Berichte vor der UNO seien und wie sehr er sich wünsche, dass sein Sohn endlich zurück nach Hause käme. Shins schockierte Reaktion darauf auf seiner Facebook-Seite ist nur zu verständlich, genau wie seine Überlegungen, jetzt vielleicht zu seinem Vater zurückzugehen, um sich von dessen Situation selbst ein Bild zu machen und ihm eventuell zu helfen. Denn seiner Interpretation nach wird der Vater gegen seinen Willen zu derartigen Aussagen genötigt. Klarerweise erntet Shin damit nur Unverständnis bei seinen Fans, die ihn geradezu beschwören, sowas nicht einmal zu denken, doch bitte aus Nordkorea fernzubleiben und jetzt nicht einzuknicken, denn das wäre das sichere Todesurteil für sie beide.

Der Auftritt von Shins Vater in den Videos wäre ohne eine Zusammenarbeit mit der nordkoreanischen Regierung sicher nie zustande gekommen, denn Gefangene haben absolut keinen Zugang zu einem Fernseher, egal welcher Größe. In gewisser Hinsicht ist diese Reaktion Nordkoreas auf Shins UNO-Berichte also ein Versuch der Kommunikation mit Shin selbst. Wenn Shin also diesen Weg weiter ginge und es ihm gelänge, immer mehr öffentliches Interesse darauf zu lenken, dann könnte sich die nordische Kommunikationsbereitschaft gleichfalls vergrößern, was grundsätzlich zu begrüßen wäre.

Ein letztes Wort zu den technischen Kriterien. Die Übersetzung liest sich flüssig und ist solide durchgeführt, wenn auch der mehrmals vorkommende Albtraum im Buch aus den Alpen zu kommen scheint. Gelegentliche Tippfehler (z.B. 71, 218) fallen kaum auf und stören nicht. Im Gegensatz zur englischen Ausgabe hat die deutsche ein Inhaltsverzeichnis, was die Navigation im Text erheblich erleichtert. Leider weisen beide Versionen keinen Index auf.

Das Buch ist nicht nur jedem zu empfehlen, der sich für das Thema im engeren Sinn interessiert, sondern einfach jedem, der irgendwie mit Korea oder Menschenrechtsfragen zu tun hat.

Blaine Harden, Flucht aus Lager 14. Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam.
München, dva, 2012
ISBN 978-3-421-04570-6
19,99 €  (TB 10,99 €)


Copyright © 2014 by Thomas Kuklinski-Rhee


DaF-Szene Korea Nr. 40

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