Harald Gärber

Verzichten wir endlich auf Deutsch in Korea!

Eine Polemik


„XY Bank Speaks Your Language!“, prangt es auf der Anzeige einer großen koreanischen Bank. Nach der Suche meiner Sprache, zur Auswahl stehen English, Chinese, Vietnamese, Mongolian, Indonesian, Cambodian, Thai, wird der anfängliche Verdacht zur Gewissheit: „Meine“ Sprache hat hier offiziell aufgehört zu existieren. Wir Westerners werden offensichtlich alle unter „English“ verbucht. Klar, als Amerikaner, welche wir ja alle sind.

Dies ist nur ein Beispiel unter vielen. Das meiste, was für westliche Ausländer gemacht ist, entsteht nur auf Englisch. Es wird also stillschweigend vorausgesetzt, dass alle Nicht-Asiaten gewissermaßen sicher in Englisch sind und beispielsweise auch Verträge, Visaangelegenheiten, Steuererklärungen undsoweiter auf Englisch verstehen können. Um nicht falsch verstanden zu werden: natürlich bin ich dankbar dafür, dass es diese englischsprachigen Dienste gibt. Doch man muss sich die Frage stellen dürfen, warum die Menschen anderer westlicher Muttersprachen wie selbstverständlich unter „Englisch“ subsummiert werden, und warum es dazu nur betretenes Schweigen gibt. Zumindest mein Englisch reicht oft nicht aus, um alles gut genug verstehen zu können. Bin ich der Einzige? Vermutlich nicht; es scheint vielmehr unter westlichen Ausländern ein neues Tabu zu geben, und zwar zuzugeben, nicht perfekt Englisch zu können.

Auch eigene Beobachtungen weisen darauf hin. Haben Sie schon einmal einen englischen Muttersprachler getroffen, der im Gespräch mit Ihnen (natürlich auf Englisch, was denn sonst) auch nur die geringste Rücksicht nimmt? Indem er/sie ein kleines bisschen langsamer spricht als unter seinesgleichen, dafür etwas deutlicher artikuliert, den Dialekt etwas abschwächt? Mal eine kurze Pause einlegt, mal dazwischenfragt, ob Sie alles verstanden haben? Also alles das, was wir machen, wenn wir auf Deutsch mit Franzosen oder Koreanern sprechen? Natürlich nicht. Stattdessen wird in breitestem, extrem slangverseuchtem Englisch auf uns eingeredet, inklusive irischem, amerikanischem und australischem Englisch, weil alle Westerners das offensichtlich perfekt beherrschen müssen, und mit welcher Selbstverständlichkeit! Wahrscheinlich gibt es ein dementsprechendes weltweites Englisch-Verstehen-Müssen-Gesetz; leider konnte ich noch nicht herausfinden, wo es steht. Und wir wehren uns nicht, weil wir gelernt haben: Deutsch ist ja so schwer, und Französisch erst, und von Koreanisch gar nicht erst zu reden! Nur Englisch ist so leicht, das weiß jeder Deutsche, das müssen wir einfach beherrschen, ebenso so gut wie Deutsch.

Wir haben es uns also selbst eingebrockt. Sollten wir unsere Sprache also nur noch dann sprechen, wenn wir sicher gehen können, unter „uns“ zu sein? Und besser niemanden mehr damit belästigen? Manche scheinen dieser Meinung zu sein. Etwa auf internationalen Konferenzen, auf Veranstaltungen aller Art: viele von uns Deutschen wechseln lieber auf Englisch. Wozu es Simultandolmetscher gibt? Ach nö, lass mal. Stattdessen quälen wir mit unserem BSE (Basic Simple English. Basic Stupid English?) lieber die Zuhörer. Fremdschämen auf bisher unbekanntem Niveau. Oder kürzlich auf dem Oktoberfest 2014 im Hilton Hotel in Seoul. Teilnehmer zur Hälfte Deutsche von den hiesigen Firmenniederlassungen, die andere Hälfte Koreaner mit zum Teil guten Deutschkenntnissen und/oder Interesse an Deutschland. Viele der Koreaner sind Stammgäste, kommen jedes Jahr hierher und lieben Deutschland. Jeder der Anwesenden hat irgendetwas mit Deutsch(land) zu tun, selbst die ganz wenigen Nicht-Deutschen oder Nicht-Koreaner. Doch dann beginnt das Trauerspiel: Fast alle Ansagen, selbst die einfachsten Dinge, die man hier aufschnappen könnte, werden in Englisch gehalten, und der Botschafter geht natürlich mit gutem Beispiel voran. Die Frage sollte aber lauten: Warum nicht andersherum, ein bisschen Deutsch, ein bisschen Koreanisch? Warum werden alle Anwesenden mit Englisch gequält? Ist Deutsch etwa eine so seltene und unverständliche Sprache wie, sagen wir, Altgriechisch? Ist es zu viel verlangt von der Handvoll Leute hier, die nicht alles perfekt verstehen, sie es erahnen zu lassen – allzu schwer kann es ja nicht sein, da es nicht um Kant oder Nietzsche geht, sondern nur um ein paar Trinksprüche? Hallo, Erde an Veranstalter! Oktoberfest! Wie viele Promille muss man eigentlich intus haben, um das auf Englisch ertragen zu können? Reichen da vier Promille? Und würden Sie 판소리 auch kaputtübersetzen lassen? – Lieber auf Deutsch, bitte. Kann man leicht alkoholisiert besonders gut verstehen. Erlebte Landeskunde. Außerdem können die Koreaner hier auf dem Fest besser Deutsch als Sie denken, und sie würden sich auf ein paar deutsche Sätze freuen! Wollen wir ihnen nicht diese Freude machen? Und uns, den Deutschen, ebenso? Wo ginge das leichter und ungezwungener als hier?

Und so geht das hier schon seit Jahren. Es ist immer wieder erstaunlich. Nein, es ist blamabel, es ist peinlich. Etliche Jahre zu Gast in diesem Land sagen mir, dass sich die an Deutschland interessierten Koreaner über uns wundern müssen, über ein Volk, dass so gar kein Selbstvertrauen bezüglich seiner Sprache hat. Es sind dieselben Koreaner, die unsere deutsche Sprache lieben! Doch davon haben die meisten Deutschen in Korea ja keine Ahnung: Nur für ein paar Jährchen hier, ein leichtes und unbeschwertes Leben im Deutschen-Getto, keine Zeit, sich auf das Gastland einlassen zu können, kein Kontakt mit der Bevölkerung. Stattdessen die Leute dann mit Reden auf Englisch beglücken und uns, den professionellen Vermittlern der deutschen Sprache, quasi eine Nase drehen: Ach, wozu denn Deutsch, wenn wir mit Ach und Krach Englisch radebrechen können. Weltsprache BSE, na toll. Jedes Jahr dasselbe, egal welcher Verein, egal ob bei Festen, Reden oder Vorträgen mit deutschem Hintergrund; es genügt dabei, wenn auch nur ein einziger Teilnehmer vermutet wird, der unserer Sprache nicht mächtig ist. Mir reichts. Ab jetzt Boykott.

Ob auf französischen oder spanischen/südamerikanischen Festen und Veranstaltungen in Korea auch nur Englisch gesprochen wird? Fortsetzung folgt.

Der Verfasser ist dem Englischen dankbar, wenn es nicht mehr anders geht. In allen anderen Fällen bevorzugt er Koreanisch oder Deutsch.


Copyright © 2014 by Harald Gärber


DaF-Szene Korea Nr. 40

Back Home