Achim Brückner

Das Neuland-Projekt


Die Idee

Unsere Reise ins #Neuland begann Ende 2013 auf dem Wintertreffen der LVK in Seoul.

Katharina Muelenz aus Tokio war zu Gast. Mit ihr vereinbarte ich ein interaktives Tandem-Projekt, bei dem Studierende der Fremdsprachen-Universität Tokio und der Sungshin Frauenuniversität zusammenarbeiten sollten. Voraussetzung für eine Teilnahme an diesem Kurs sollten Deutschkenntnisse ab einem Niveau B1 sein. Nun, nachdem wir über ein Jahr später dieses Projekt schon in der zweiten Runde durchführen, sind wir selbst davon überrascht, wie gut diese Kooperation unter den Studierenden funktioniert und welche positiven Rückmeldungen wir erhalten. Dies ist der erste Grund, weshalb ich dieses Projekt gerne näher vorstellen möchte.

Der zweite Grund ist unsere angestrebte Kooperation in Ost-Asien. In dieser Hinsicht würde ich dieses Projekt gerne zur Nachahmung empfehlen. Die Materialien, die wir zur Vorbereitung auf die Skype-Sitzungen verwendet haben, habe ich auf unserer Kooperationsplattform ADELE zur Verfügung gestellt. Es würde mich freuen, wenn dieser Materialpool im Laufe der Zeit anwachsen würde und sämtliche Aufgaben und Übungen in Zusammenhang mit diesem Projekt unter eine CC-Lizenz gestellt werden könnten.

Zur Konzeption

In einer ersten Fassung der Projektbeschreibung schlug Katharina Muelenz vor, „Fremdheitserfahrungen vor und nach dem Austausch in deutschsprachigen und anderen Ländern“ zu thematisieren. Da jedoch nicht alle Teilnehmenden im Ausland gewesen waren, musste das Thema verallgemeinert werden. Der offizielle Seminartitel wurde daher schlicht „Fremdheitserfahrungen“.

Mir gefiel dieser Vorschlag auf Anhieb, da das Thema ex negativo einen Begriff behandelte, der, angeregt durch neuere Filme, Dokumentationen und Essays, nicht nur in den deutschsprachigen Feuilletons sondern hier in Ost-Asien auch in etlichen Landeskundeseminaren ziemlich en vogue gewesen war: „Heimat.“ Dort hatte sich in den meisten Fällen gezeigt, dass der Begriff dann zum Thema wird, wenn er erklärungsbedürftig wird. Oder mit den Worten Bernhard Schlinks:

»So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat - letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie.« (Heimat als Utopie, 2000)

Diesen Begriff nun auf der Erfahrungsebene zu implizieren und dabei den Fokus auf die Erfahrung der Fremdheit zu lenken, erscheint auch deshalb sinnvoll, weil man in seiner Rolle als Planer eines landeskundlichen Seminars auf ein breites thematisches Spektrum angewiesen ist. Meine Hoffnung war, dass das Thema „Fremdheit“ mehr Assoziationen wecken würde als das Thema „Heimat“, das ich auch schon in anderen Kursen behandelt hatte. Außerdem setzten sich bei diesem Thema in puncto Unterrichtsplanung die geistigen Häkchen bei Handlungsorientierung, Kompetenzorientierung, Aufgabenorientierung, Lernerorientierung, interkulturelle Orientierung, Interaktionssorientierung, Teilnehmeraktivierung und Förderung autonomen Lernens fast wie von alleine. 

Entscheidend bei der Auswahl von Materialien, Übungen und Aufgaben sollte also sein, dass die Lernenden ein Verständnis dafür entwickeln, dass sprachliches Handeln immer kulturell geprägt ist und in soziale Kontexte eingebunden ist. Da hier in Ost-Asien mit einer gewissen Scheu vor kritischer Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit (auch im Seminar) zu rechnen ist, sollten die Materialen interkulturelle Divergenz selbst thematisieren.

Als Kann-Bestimmung formuliert liest sich die Grundkonzeption dieses Seminars sodann wie folgt: Die Teilnehmer sollen die zur Diskussion von Fremdheit notwendigen Redemittel und Strukturen kennen und diese in der Präsentation ihrer eigenen Erfahrungen und Meinungen, in der Diskussion mit Anderen und in der Reflexion über dieses Thema angemessen anwenden können. Dazu müssen zunächst verschiedene Kompetenzen geschult werden. Im Bereich des deklarativen Wissen ist dies zunächst ganz klassische Wortschatz- und Grammatikarbeit anhand von Erfahrungsbeispielen von Menschen, die eine bestimmte Zeit im Ausland gelebt haben. Dem Üben mit Text- und A/V-Medien, folgt dabei stets das Anwenden; das heißt, das Trainieren der prozeduralen Fertigkeiten durch Aufgaben, in denen die Teilnehmenden selbstständig schriftliche und mündliche Meinungsäußerungen, Präsentationen von inhaltlichen Zusammenfassungen und Formulierungen von Kritik produzieren sollen, ist das Ziel jeder Einheit.

Nach diesen vorentlastenden Sitzungen sollten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zunächst in einer Gemeinschaftssitzung vorstellen und sich dann zu einem späteren Zeitpunkt in Einzelgesprächen und Kleingruppen zu selbstständig erarbeiteten Themen austauschen. Die einzigen Vorgaben waren, dass die Gespräche auf Deutsch stattfinden mussten, und dass die Gesprächsthemen thematisch zum Seminarthema passen und abgestimmt werden sollten. Interesse am interkulturellen Dialog zwischen Japan und Korea wollten wir bewusst fördern. Im Anschluss an die individuellen Skype-Gespräche, war eine Präsentation der Gesprächsinhalte im Plenum geplant. Diese Ergebnisse sollten Teil der Bewertung (Kursnote) werden. Um die Terminfindung für die Gespräche zu erleichtern und um eine gemeinsame Plattform zur Präsentation der Hausaufgaben zu haben, hatte ich zudem für die zweite Runde eine Facebook-Seite eingerichtet.

Die Umsetzung

Eine gewisse Herausforderung stellte der unterschiedliche Semesterbeginn in Japan und Korea dar, da das Semester in Korea einen Monat früher beginnt. Dank der guten Vorbereitungen meiner Kollegin und unserer Kollaboration via Dropbox konnten wir die Seminarinhalte dennoch problemlos abstimmen. Während in der ersten Runde, also im Sommersemester 2014, die Kooperation bei der Themenauswahl, Materialienfindung und der Aufgaben- und Übungserstellung Work-in-Progress  war, profitierten wir in der zweiten Runde von dieser Vorarbeit. Nun konnten wir entsprechend unserer Erfahrungen auswählen und bearbeiten. Dabei hatte sich für die koreanischen Teilnehmerinnen folgender Seminarplan ergeben:

  1. Sitzung „Einführung“
  2. Sitzung „Leben im Ausland“
  3. Sitzung „Migration“
  4. Sitzung „Vorurteile und Stereotypen“
  5. Sitzung „Typisch Deutsch“
  6. Sitzung „Fettnäpfchenführer Korea/Japan“
  7. Sitzung „Körpersprache und kulturelle Codes“
  8. Sitzung „Eigenständigkeit“
  9. Sitzung „Rassismus“
  10. Sitzung „Präsentation I“
  11. Sitzung „Unialltag“
  12. Sitzung „Präsentation II“
  13. Sitzung „Abschlussgespräch“
  14. Mündliche Prüfung

Die Materialien zu diesem Seminar wurden den Themen entsprechend zusammengestellt. Dabei griffen wir, wo möglich, auf frei verfügbares Material zurück und verwendeten Videoclips der Reihe „Expedition Heimat“ (Deutschen Welle) oder der Seite „Migration und Integration“ des Goethe-Instituts , die wir um selbsterstellte Aufgaben ergänzten. Wir sahen zwei Kurzfilme: „Meine Eltern“ (Neele Leana Vollmar) und den Kurzfilmklassiker zum Thema Rassismus und Zivilcourage „Schwarzfahrer“ (Pepe Danquart). Außerdem lasen wir Schnupperkapitel aus der Reihe „Fettnäpfchenführer“ (Conbook) und aus dem Handbuch „Kultureller Leitfaden für ausländische Studierende“ (Hannah Schieferle), und beschäftigten uns mit skurrilen „Reisewarnungen“ (Daniel Kastner) und mit dem Projekt „Weltatlas der Vorurteile“ (Yanko Tsvetkov). Bei den Übungen nutze ich auch Sprachlehrwerke wie Begegnungen A2+ (Schubert Verlag), Studio D/B1 (Corelsen), Aspekte 1/2 und Grammatik & Konversation (beide Langenscheidt). Zudem lies uns das vom Seminar für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation (IWK) der Uni Jena entwickelte Simulationspiel „Handianer“, den Umgang mit Fremdheit spielerisch erfahren. Laut Spielbeschreibung möchte das Spiel unter Anderem das „Trainieren von Empathie“ und das „Üben von Ambiguitätstoleranz“ erreichen. Es sei hier nur so viel verraten, dass es dabei auch um Körperkontakt geht. Einfach mal ausprobieren!

Der Höhepunkt des Seminars war die Begegnung und der Austausch zwischen den Studierenden aus Japan und Korea. Schon während der Vorbereitungen auf die gemeinschaftliche Eröffnungssitzung per Videokonferenz zeigte sich, wie wenig man eigentlich von seinem Nachbarn wusste. Zwar hatten hier in Korea etliche Teilnehmerinnen schon etwas Japanisch in der Schule gelernt, über mehr als „Schulbuchwissen“ und touristische Erfahrungen verfügte aber niemand. Entsprechend groß war die anfängliche Scheu, die aber schnell in Neugier umschlug. Von ersten Anspannungen einmal abgesehen, verlief das gemeinschaftliche Kennenlernen über das Internet sehr entspannt – Videotelefonate sind schließlich Teil der Alltagskultur heutiger Studierender. Die Teilnehmenden stellten sich abwechselnd vor und erzählten aus ihrer Lernbiografie. Als unverfängliche Einstiegsthemen wurden sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Runde dieses Seminars die Themen „Unialltag“, „Bildungssystem“, „Auslandserfahrungen“ und  „Jobaussichten“ gewählt. 

Da die Einzelgespräche der zweiten Runde noch nicht stattgefunden haben, kann ich nur von der ersten Runde berichten. Um die Gespräche für unsere Teilnehmer möglichst interessant zu machen, bildeten meine Kollegin und ich Gruppen, die aufgrund ihres Sprachniveaus, ihrer Auslandserfahrung oder den Interessen, die sie angegeben hatten, unserer Meinung nach passten. Es sollte sich zeigen, dass die Themenwahl stark vom jeweiligen Sprachniveau bestimmt war. Schwächere Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem rudimentären B1-Niveau sprachen mehr über den Unialltag, Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Bildungssystem und über Möglichkeiten zum Deutschlernen, während die stärkeren Gruppen, die in der Regel über Kenntnisse im B2-Bereich und Auslandserfahrung verfügten, sich tatsächlich über Erfahrungen der Fremdheit, ihrer Selbstwahrnehmung und dem Umgang mit Stereotypen (auch zwischen Korea und Japan) beschäftigten. Ein Thema, das ausnahmslos alle beschäftigte, waren die Jobaussichten nach dem Studium. Es wurde über das Working-Holiday-Visum gesprochen, lustige Anekdoten aus der Zeit in Deutschland wurden ausgetauscht, einige hatten die Möglichkeit eines Masterstudiengangs in Deutschland diskutiert und zwei der Teilnehmer wollten sich sogar in den Semesterferien in Deutschland treffen. Der Großteil der koreanischen Teilnehmer gab an, noch weiter mit den japanischen Gesprächspartnern in Kontakt bleiben zu wollen.

Wie zu erwarten gewesen war, war dieser interkulturelle Dialog zwischen Japan und Korea insgesamt von höflicher Vorsicht bestimmt. Allzu kontroverse Themen wurde ausgespart. Dennoch war das Echo zu diesem Seminar groß und die Studierenden zeigten sich allesamt begeistert von dieser für sie neuen Art des Lernens. 

Obwohl der direkte Austausch mit den Tandem-Partnern nur einen Bruchteil des gesamten Seminars ausmacht, bestätigte sich mal wieder die Theorie: man lernt Sprachen am besten, wenn man einen persönlichen (Sinn-)Bezug zu den Inhalten hat, das erlernte Wissen in authentische Kontexten anwendet und sprachliches Handeln fordert, ohne zu überfordern. In dieser Hinsicht hatte schon allein die Aussicht auf die reale Anwendungssituation einen motivierenden Effekt auf die vorbereitenden Sitzungen.

Ausblick

Ich habe dieses Projekt das „Neuland-Projekt“ getauft, weil es einerseits aus Sicht der Studierenden um einen Erfahrungsaustausch mit fremden Kulturen geht andererseits für die Lehrenden eine Form möglicher Kooperation darstellt, die mir hier in Ost-Asien bisher noch nicht sehr verbreitet scheint. Ich meine damit nicht so sehr den Einsatz von Videotelefonie im Unterricht – das ist mit Sicherheit schon fast ein alter Hut -, sondern das Durchführen solcher Tandem-Seminare unter Hochschullehrern mit dem Sekundärziel, sich gegenseitig bei der Arbeit kennenzulernen, voneinander zu lernen und sich zu vernetzen. Ich denke auch, dass es hierbei um einen anderen Erfahrungsaustausch geht als wir ihn von Tagungen und Kongressen kennen. Bei einer solchen Zusammenarbeit steht die Theorie hintenan und man entwickelt gemeinsam Ideen für eine direkte Umsetzung in der Praxis. Diese Art des Voneinander-Lernens, das in der nicht-akademischen Arbeitswelt fester Bestandteil der Lernkultur ist, könnte meiner Auffassung nach ausgebaut werden. Das Internet bietet heute diese Möglichkeit. Ich jedenfalls habe Einiges durch die Zusammenarbeit mit meiner japanischen Kollegin gelernt und würde ähnliche Projekte jederzeit wieder durchführen. Da auch die Studenten mit Begeisterung bei diesem Projekt dabei waren, kann ich dieses Projekt zur Nachahmung empfehlen.

Wie eingangs angekündigt, finden Interessierte den Großteil des verwendeten Unterrichtsmaterials auf dem Server der ost-Asiatischen DEutschen LektorengruppE (ADELE). Gerade vor dem Hintergrund, dass sich die Kooperation unter den Lektoren in den verschiedenen Ländern Ost-Asiens, zumindest auf Verbandsebene, schwierig gestaltet, würde es mich freuen, wenn sich weitere Kolleginnen und Kollegen aufmachen würden, um #Neuland zu betreten.


Copyright © 2014 by Achim Brückner


DaF-Szene Korea Nr. 40

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