Normalerweise benutzt man im DaF-Unterricht CDs, Kassetten oder
Filme in deutscher Sprache, da dies schließlich die Zielsprache ist, welche
gelernt werden soll. In meinen Seminaren zur „Audio-visuellen Praxis“ an der
Chonbuk National Universität in Jeonju waren die Germanistik-Studenten nie sehr
begeistert von den Hörübungen diverser Lehrbücher. Da das Sprachniveau sehr
niedrig war, empfanden die Studenten die gesprochenen Dialoge als zu schnell und
unverständlich, und selbst Filme konnten nur schwer verfolgt werden. Die
populärsten Sätze der Studenten waren dann: „Bitte noch einmal!“, „Ich habe
nicht verstanden.“ und „Ich weiß nicht.“ Damit das Seminar nicht langweilig
wurde, und um die Studenten zu motivieren, beschloss ich eine Übung mit den
Studenten zu machen, bei der sie keine Verständnisprobleme haben sollten. Da
mein Koreanisch nicht auf dem Niveau eines Muttersprachlers ist, sollte die
Übung auch für mich verständlich sein, damit ich überhaupt in der Lage bin, die
Ergebnisse zu kontrollieren. Durch Zufall entdeckte ich auf dem koreanischen
Fernsehsender EBS die Trickfilmreihe „Pororo“ („뽀롱뽀롱
뽀로로“).
Der Titelheld ist ein kleiner Pinguin, der mit seinen Freunden lustige Abenteuer
erlebt. Die einzelnen Episoden sind
etwa 6-10 Minuten lang und da es sich um
einen Trickfilm für kleinere Kinder handelt, werden die Ereignisse vereinfacht
dargestellt. Meine Idee war es, den Studenten eine Episode zu zeigen, welche
dann von ihnen auf Deutsch schriftlich zusammengefasst werden sollte. Für die
Umsetzung benötigte ich natürlich den Trickfilm. Glücklicherweise hatten
koreanische Freunde von mir ein kleines Kind und somit auch eine Pororo-DVD im
Schrank. Auf der DVD sind mehrere Folgen, so dass man sich eine passende
heraussuchen kann. Die DVD und weitere Teile der Pororo-Reihe kann man z.B. bei
www.kyobobook.co.kr bestellen. Als Alternative kann man auch im Fernsehen
eine Episode auf Video aufnehmen. Sicherlich hängt es von der technischen
Situation jeder einzelnen Schule ab, welches Medium am praktischsten ist. Man
sollte auf alle Fälle vor dem Seminar einen Probelauf mit der DVD machen, damit
es dann im Unterricht nicht zu einem leeren Bildschirm kommt. Im Unterricht gibt
man den Studenten die Aufgabe, sich den Film anzusehen und sich Notizen zu den
Figuren und zum Inhalt zu machen. Ich hatte den Titel des Films nicht verraten,
umso interessanter war die Reaktion der Studenten als sie den Kinderfilm
erkannten. Einige unterschätzten die Aufgabe gewaltig, da sie davon ausgingen,
dass ein Trickfilm und dann auch noch auf Koreanisch unter ihrem Niveau ist.
Allerdings wurde ihnen schnell der Irrtum bewusst, als sie merkten, dass sie
Schwierigkeiten damit hatten, den Inhalt des Films auf Deutsch wiederzugeben.
Eine Episode wurde in Gruppenarbeit zusammengefasst, damit die Studenten ein
Gefühl für die Textsorte „Zusammenfassung“ bekamen. Dazu zeigte ich den Film
noch zwei bis drei Mal. Dies bietet sich bei der Kürze der Episoden geradezu an.
Hinzu kommt, dass die Folgen in sich abgeschlossen sind. D.h. man kann diese
Filme auch als Einzelübung jederzeit in den Unterricht einfügen. Nach einer
Auswertung der Zusammenfassungen, beschloss ich, in der nächsten Sitzung einen
Test mit gleicher
Aufgabenstellung allerdings mit einer anderen Episode zu
schreiben. Die Studenten unterschätzen diese Aufgabe nun nicht mehr und
lieferten gute Ergebnisse ab. Interessant war das Feedback, welches von den
Studenten kam. Sie sagten mir, dass diese Übung für sie eine gute Möglichkeit
war, um ihre Deutschkenntnisse anzuwenden, da sie sonst nur deutsche,
literarische Texte ins Koreanische übersetzen müssen. Es war für sie eine
Abwechslung, da es sich nicht um theoretische Texte oder um Romane des 18.
Jahrhunderts handelte, sondern um einen Trickfilm mit Figuren, die ihnen aus dem
Fernsehen schon bekannt waren und deren Sprache sie verstanden. Damit hatte ich
also einen Weg für meinen DaF-Unterricht gefunden, nicht nur deutsche Übungen zu
verwenden, sondern die Studenten auch auf die Übersetzertätigkeit
Koreanisch-Deutsch aufmerksam zu machen. Sicherlich kann man so auch mit anderen
kurzen Filmen im Unterricht verfahren. Eine andere Idee wären auch Filme ohne
Sprache, wie z.B. der tschechische „kleine Maulwurf“ oder die koreanische
Animationsreihe „Backkom“ über einen tollpatschigen Bären, welche für ältere
Studenten sehr gut geeignet ist. Man kann also sagen, dass Trickfilme nicht nur
was für Kinder sind und eine lustige Abwechslung im DaF-Unterricht neben all den
Lehrbuchübungen sein können.
Info: www.pororo.net
Copyright © 2007 by Sandra Wyrwal