Holger Steidele

Vom didaktischen und mathetischen Nutzen einer Verbliste


0.Einleitung

„Verben à la carte“ ist eine deutsch-koreanische Verbliste, die in koreanisch-deutscher Gemeinschaftsarbeit Anfang 2008 der Öffentlichkeit vorgelegt wurde. Im Folgenden geht es darum zu diskutieren, welchen didaktischen und mathetischen Nutzen diese Liste haben kann.* Dazu ist notwendig zu zeigen, welche Unterschiede sie gegenüber deutsch-koreanischen Wörterbüchern aufweist, welche Nachschlageprobleme auftreten können und wie diesen im Unterricht begegnet werden kann.

1. Kurzbeschreibung

Es handelt sich bei „Verben à la carte“ um eine alphabetische Liste von für elementar gehaltenen deutschen Verben mit insgesamt 1.806 (davon 249 doppelten) Lemmata und minimalen grammatischen Angaben zu ihrer Verwendung. Eine Progression im Schwierigkeitsgrad oder in Ausrichtung auf andere Lehrwerke gibt es nicht. Ebenso wenig finden sich Übungen; sie sind einem Folgeband vorbehalten. Stattdessen werden die Verben nur mit Angaben zu trennbaren Präfixen, zu erforderlichen Präpositionen inklusive Kasus, zur Reflexivität, zu den Stammformen der starken Verben und zu notwendigen Ergänzungen wie Person oder Sache versehen. Darüber hinaus wird ein Satzbeispiel präsentiert, das die Verwendung eines Verbs illustrieren soll. Sowohl die Einzelverben als auch die Satzbeispiele sind jeweils ins Koreanische übersetzt. Pro Buchstabe ist jeweils ein Verb durch eine Zeichnung visuell dargestellt bzw. in einen Kontext gestellt, wobei auf eine Übersetzung verzichtet wurde. Die zweisprachige Gesamtkonzeption ist durchaus als minimalistisch zu bezeichnen und in ihrer Schlichtheit kaum zu überbieten.

Laut Vorwort (S.3-4; 8-9) behandelt das Buch alle standardsprachlichen Verben, die auf der Niveaustufe B1 für das „Zertifikat Deutsch“ zu lernen erforderlich sind und zusätzlich solche, die von den Autoren als besonders elementar für den täglichen Sprachgebrauch in Deutschland angesehen werden. Damit bleiben einerseits österreichische und schweizerdeutsche Varietäten, sofern sie nach Meinung der Autoren in Deutschland keine Verwendung finden, unberücksichtigt; andererseits finden Verben Eingang, die im Zertifikat nicht vorausgesetzt werden.

Das Buch soll zu jedem Lehrbuch passen und sowohl zum Nachschlagen geeignet sein als auch dazu verhelfen, sich über eine richtige Verwendung der Verben in Satzkontexten zu informieren. Darüber hinaus wird versprochen, dass beim Stöbern mehr entdeckt werden könne als Verben.

Um im Folgenden den Nutzen der Verbliste herauszuarbeiten, ist zunächst ein Vergleich mit anderen „Listen“ erforderlich. Erst vor diesem Hintergrund sind didaktische und mathetische Überlegungen anzuschließen.

2. Verbliste vs. Wörterbuch

Die erste Frage betrifft die Vergleichbarkeit mit Wörterbüchern, um die Reichweite der Verbliste auszutarieren und ihre Besonderheiten hervorzuheben. Da die Verbliste nicht den Anspruch erhebt, vollständig zu sein, muss gefragt werden, ob ein Wörterbuch nicht die gleiche Aufgabe erfüllen kann wie die Verbliste.

Für einen Vergleich ziehe ich „Minjungseorims Neues Kleines Deutsch-Koreanisches Wörterbuch“ (1982) (im Folgenden kurz „Wörterbuch“) heran, das trotz seines Alters bei Studenten immer noch in regem Gebrauch ist, und beschränke mich auf den Buchstaben „g“, weil der Umfang dieser Verben im Deutschen – u.a. dadurch, dass produktive Präfixe mit „g“ fehlen – übersichtlich ist. Darüber hinaus betrachte ich die Register aller „Schritte“-Bände, um die in den sechs Lehrbüchern behandelten „g“-Verben mit denen der Liste (S.142-155) und des Wörterbuchs (S.222-262) zu kontrastieren.

2.1. Formaler Vergleich

Grundsätzlich erschwert wird ein Vergleich der „g“-Verben (stellvertretend für alle anderen) dadurch, dass die Lemma-Einträge in der Verbliste und im Wörterbuch unterschiedlich vorgenommen wurden. Das betrifft vor allem folgende Fälle:

a) Während im Wörterbuch z.B. das Verb „garantieren“ unter dem Eintrag „Garant“ erscheint, als solches jedoch durch Fettdruck als eigener Eintrag hervorgehoben wird, erscheinen in der Verbliste zwei Einträge gleichberechtigt: „garantieren“ und „garantieren für“.

b) In anderen Fällen werden die in der Verbliste getrennt aufgeführten Einträge, z.B. „jm [= jemandem] gehören“ und „gehören zu“ im Wörterbuch unter dem gemeinsamen Lemmaeintrag „gehören“ subsumiert; eine Differenzierung erfolgt dann lediglich über Beispiele, in unserem Fall „das Buch gehört mir“ und „er gehört zu m-n [= meinen] Freunden“.

c) Die Verbliste enthält (wie die Schritte-Register) prädikative Verwendungen von Adjektiven wie z.B. „geboren sein“; sie finden auch dann unter „g“ Eingang, wenn das dazugehörige Verb zusätzlich unter einem anderen Buchstaben verzeichnet ist, z.B. steht das Verb zu „gefasst sein auf“ auch unter „fassen“. Im Wörterbuch dagegen fehlen die prädikativen Verwendungen als Lemmaeintrag; sie erscheinen als „participium adjectivum“ wie im Falle von „gefasst“ mit einem Unterpunkt „auf et. [= etwas]“ oder es gibt lediglich einen Verweis auf den Infinitiv wie im Falle von „geboren“.

d) Die Verbliste enthält auch einige idiomatische Verbverbindungen (z.B. „unter die Räder geraten“) und Funktionsverbgefüge (z.B. „in Verdacht geraten“), die im Wörterbuch an anderer Stelle als unter „g“ Eingang gefunden haben oder wie in den hier genannten Fällen gar nicht verzeichnet sind. 

e) In der Verbliste gibt es doppelte Lemmaeinträge, die sich von denen in a) unterscheiden. Hier geht es nicht um ein Verb vs. ein Verb mit Präposition, sondern um den gleichen Eintrag, wobei das Verb einmal in seiner konkreten Bedeutung, einmal in seiner abstrakten Bedeutung aufgeführt wird (z.B. „grenzen an“) oder über verschiedene Kotexte (in Klammern) spezifiziert wird (wie z.B. im Falle von „gehen“: „ins Theater“, „über die Straße“, „zur Schule“), was auch relevant ist für die koreanische Übersetzung. Dieses „semantische“ Kriterium wird im Wörterbuch wie in a) und b) dadurch berücksichtigt, dass unterschiedliche Bedeutungen zu einem Eintrag oder Beispiele angegeben werden.

Der Wortschatz einer Sprache lässt sich zwar nicht beliebig, aber doch auf vielfältige Weise gliedern. Jede Wortliste stellt dabei nur einen Ausschnitt aus der Gesamtmenge an Lexemen dar, die aufgrund ihrer historischen Bedingtheit einem stetigen Wandel unterworfen ist und somit als stets unabgeschlossen gelten muss. Dies ist bei Verben insbesondere daher bedeutsam, weil ständig neue Ableitungen – v.a. aus Nomina – gebildet werden können (Computer – computerisieren).

Im Bewusstsein verschiedenartiger Lemmatisierungen ist eine rein quantitative Auszählung der gelisteten Verben aber insofern sinnvoll, als der Benutzer hier seinen Ankerpunkt findet, von dem aus er seine Suche nach Informationen über die Verwendung eines Wortes beginnt. Machen wir uns in diesem Zusammenhang klar, dass jedes zweisprachige Wörterbuch ebenso wie die Verbliste oder Sprachlehrwerke der Anforderung Genüge tun müssen, über den wenn auch nicht einzig richtigen, so doch zumindest möglichen Gebrauch von Wortschatzeinheiten zu informieren – welchen Sprachausschnitt sie auch immer zugrunde legen.

Sehen wir uns die Lemmaeinträge der „ge“-Verben der Verbliste, des Wörterbuchs und aller Schritte-Bände-Register (die lediglich auf die Behandlung in den entsprechenden Bänden verweisen) an, ergibt sich folgendes quantitative Bild. Das Wörterbuch enthält 178 Einträge von „g“-Verben, von „gabeln“ bis „guttun“; die Verbliste weist 88 Einträge auf, ohne doppelte 72, und alle Schritte-Register zusammen 39. Von den Verben des Wörterbuchs finden sich 32 auch in der Verbliste und 27 in den Schritte-Registern. Die Schritte-Bände decken demnach prozentual gesehen mehr Einträge des Wörterbuchs ab als die Verbliste. Lässt man die prädikativen Verwendungen, die Verbverbindungen und die Funktionsverbgefüge in der Verbliste und in den Schritte-Registern außer Acht, verschiebt sich der prozentuale Anteil noch weiter, denn es finden sich in der Verbliste 53 Lemmata ohne doppelte, 39 ohne Unterscheidung des Verbs nach dem Auftreten mit oder ohne Präposition bzw. anderen Unterscheidungen des gleichen Verbs, und in den Schritte-Registern 29 Lemmata.

Gehen wir von der Verbliste aus und fragen danach, ob die Verben im Wörterbuch und in den Schritte-Registern vertreten sind. Dazu führe ich die ersten zehn Einträge der Verbliste an, einmal vollständig (1), einmal ohne prädikative Verwendungen, doppelte Einträge und jegliche Differenzierungen der Verben (2). Einträge, die auch im Wörterbuch erscheinen, sind mit „W“ gekennzeichnet und die, die in den Schritte-Registern erscheinen, mit „S“.

(1)

garantieren (W)
garantieren f
ür
garnieren (W)
gebären (W)
geben (W) (S)
geboren sein
(S)
gebrauchen (W)
gedopt sein
geeignet sein f
ür
gefährden (W)

(2)

garantieren (W)
garnieren (W)
gebären (W)
geben (W) (S)
gebrauchen (W)
gefährden (W)
gefallen (W) (S)
gehen (W) (S)
gehören (W) (S)
gelangen (W)

Erwartungsgemäß sind alle Lemmata in (2) auch im Wörterbuch vertreten, nur vier davon gehören jedoch auch dem Wortschatz des Schritte-Universums an. Insgesamt sind 19 von 39 Einträgen der Schritte-Verben mit denen der Verbliste deckungsgleich. Der bedeutsamere Unterschied der Verbliste gegenüber dem Wörterbuch wird aber in (1) deutlich, da einerseits die oben in a) und b) beschriebenen Differenzierungen vorgenommen werden und andererseits Einträge prädikativer Verwendungen (wie in c) genannt) so vorgenommen werden, dass ein schnelles Auffinden von Seiten des Lerners erleichtert, in manchen Fällen erst ermöglicht wird.

2.2. Inhaltlicher Vergleich

Der quantitative Vergleich hat deutlich gemacht, dass die Verbliste eine Auswahl vorgenommen hat, die sich von der des Wörterbuchs gravierend unterscheidet, quantitativ zwar hinter diesem zurückbleibt, in Einzelfällen jedoch, allein was die formale Seite betrifft, diesem überlegen ist. Dies ist immer dann der Fall, wenn die Verbliste Unterscheidungen – wie zwischen „garantieren“ und „garantieren für“ – trifft, die für den Lerner bedeutsam sein können. Darüber hinaus weist die Verbliste ca. doppelt so viele Lemmata auf wie die Schritte-Register, so dass davon ausgegangen werden kann, dass alle wichtigen Verben und Verbverbindungen des alten Grundstufenbereichs, des heutigen Sprachniveaus B1, abgedeckt sind. Freilich existieren dazu Ausnahmen, die deutlich werden, wenn man die Verben betrachtet, die zwar die Schritte-Register aufführen, aber in der Verbliste nicht enthalten sind. 17 dieser 20 Verben oder Verbverbindungen der Schritte-Register (davon allein 10 aus Band 6) sind als nicht prüfungsrelevant gekennzeichnet. Darunter sind Verben wie „gackern“, „glänzen“, „gliedern“, „glitzern“, „grinsen“ und „gucken“, des weiteren v.a. prädikative Verwendungen, die allerdings in den Registern nicht als solche gekennzeichnet sind, aber in den einzelnen Bänden so präsentiert werden, beispielsweise „gediegen [sein]“, „gefragt [sein]“, „gelaunt [sein]“. Lässt man diese beiseite, bleiben wenige Verben übrig, die in die Verbliste  nicht aufgenommen worden sind: „geschehen“, „getrennt leben“ und „gleichaltrig sein“. Von diesen  muss wohl die Aussparung insbesondere von „geschehen“ als Fauxpas bezeichnet werden, zumal auch das Synonym „passieren“ in der Verbliste nicht vorkommt.

Wenden wir uns nun wieder dem Wörterbuch zu, dem wir eine quantitative Überlegenheit gegenüber der Verbliste bescheinigt haben, und fragen nach der Auswahl der Verben, dann muss festgestellt werden, dass ein großer Teil der unter „g“ verzeichneten Verben zu Recht nicht Eingang in die Verbliste gefunden hat. Zum einen finden wir eine Vielzahl von Verben, die kaum einem deutschen Muttersprachler geläufig sein dürften – obwohl sie selbstredend existieren und im aktuellen Duden enthalten sind: z.B. „gatten“, „gelzen“, „grapsen“, die als veraltet gelten dürfen und höchstens noch in literarischen Kontexten begegnen, z.B. „getrösten“, „gereichen“, „gewärtigen“, die einer gehobenen Akademikersprache zuzurechnen sind wie „gerieren“, „goutieren“ oder die einem Fachwortschatz angehören wie z.B. „galonieren“, „guillotinieren“, „gradieren“, „granulieren“, „grundieren“. Die Grenzen in der Beurteilung der Nützlichkeit von Verben wie „gabeln“, „gällen“, „gaukeln“ mögen grundsätzlich fließend sein, zum Grundwortschatz deutscher Verben, die im täglichen Leben gebraucht werden, sind sie aber in der Gegenwart ebensowenig zu zählen wie die vorgenannten Verben.

Unter inhaltlichem Gesichtspunkt weist das Wörterbuch somit einen hohen Anteil an Verben auf, die wenig gebräuchlich und veraltet sind, je nach Toleranz etwas mehr oder weniger als ein Viertel aller „g“-Verben. Ich möchte an dieser Stelle aber darauf hinweisen, dass auch weniger gebräuchliche Verben in einem Wörterbuch durchaus ihre Daseinsberechtigung haben, um dem Lerner beispielsweise Zugang zur Literatur jenseits der Gegenwart zu ermöglichen. Die Verbliste verfolgt dieses Ziel nicht.

Sie hat vielmehr im Blick, für alltägliche Kommunikationssituationen ein Set an brauchbaren Verben oder Verbverbindungen bereitzustellen. Die Autoren hatten dabei nicht Vollständigkeit im Sinn, wenn beispielsweise „gedopt sein“ oder „geeignet sein für“ ausgewählt wurden, aber nicht die Verben „dopen“ oder „sich eignen“. Vielmehr liegt damit ein Ausschluss des semantisch Doppelten vor, der nahezu vollständig in der Verbliste durchgeführt wurde. Wenn beispielsweise das einer prädikativen Verwendung zugrunde liegende Verb semantisch vom Adjektiv abweicht, ist es auch separat gelistet, z.B. „gewandt sein“ und „wenden“; ist dagegen die Semantik identisch, fehlt die nach Meinung der Autoren weniger frequente Variante, z.B. ist „gierig sein nach“ aufgeführt, aber nicht „gieren nach“.

Die inhaltliche Ebene führt uns zu einem weiteren Vorteil der Verbliste gegenüber dem Wörterbuch: die Beispiele. Hier gilt im Wesentlichen das Gleiche, was auch bei der Auswahl der Verben eine Rolle gespielt hat. Das Verb „gelten“ wird in der Verbliste in drei Varianten angeführt: „gelten“ mit Stammformen, „gelten als“ und „gelten für“. Die Beispiele dazu:

(3) Gilt die Anweisung des Chefs auch am Wochenende?

(4) Heidelberg gilt als eine der schönsten Städte Deutschlands.

(5) Verkehrsregeln gelten auch für Radfahrer!

Die drei Beispielsätze illustrieren die wesentlichen Verwendungsmöglichkeiten des Verbs „gelten“, die auch unterschiedliche koreanische Übersetzungen erfordern. Während im Schritte-Lehrwerk (Band 3, Seite 99) lediglich Variante (5) Erwähnung findet und damit eine Übergeneralisierung droht, führt das Wörterbuch eine Fülle von Beispielen an, der Reihenfolge nach: „Gleiches mit Gleichem gelten“, „wie viel gilt das?“, „das gilt mir gleich“, „ein Mann, der et. [= etwas] gilt“, „gelten lassen“, „für et. [= etwas] gelten“, „der Spott gilt mir“, „es gilt!“, „jetzt gilt es“, „von jm. [= jemandem] (et. [= etwas]) gelten“, „es gilt um Leben und Tod“, „jm. [= jemandem] e-e [= eine] Summe gelten“, „es gilt et. [= etwas]“, „was gilt's? = nicht wahr?“, „es gilt Mut“. Zweifelhaftes reiht sich hier an Veraltetem, dem Lerner bleibt es überlassen, noch Sagbares selber herauszufinden.  Für die Textarbeit bedeutet das in jedem Fall ein chaotisches Durcheinander.

Die Verbliste bietet zwar auch nur einzelne Sätze und keine unmittelbaren Konversationsbausteine, wie dies in einem Lehrbuch der Fall sein kann; aber sie gibt dem Lerner sichere Anhaltspunkte dafür, welche wesentlichen Verwendungsmöglichkeiten ein Verb im Gegenwartsdeutschen bietet. Darüber hinaus präsentieren die Beispielsätze inhaltliche Zusammenhänge, die typisch und lebensnah, oftmals kritisch, manchmal ironisch sind. Dies ist der bedeutsamste Unterschied zum Wörterbuch vor allem dann, wenn zwar die gleichen Unterscheidungen getroffen werden wie in der Verbliste (z.B. „glauben“, „jm [= jemandem] glauben“, „glauben an“), im Wörterbuch jedoch lediglich Übersetzungen gegeben werden. Die Verbliste füllt die Verben mit Leben, über die oder das man reden kann.

3. Didaktische und mathetische Fragen

Die Auswahl und die Präsentation der Verben in der Verbliste haben bereits einige didaktische und mathetische Aspekte gestreift. Die Unterscheidung von Didaktik und Mathetik erfolgt hier im Rückgriff auf Comenius, den großen Pädagogen des 17. Jahrhunderts, und betont im Rahmen einer allgemeinen Didaktik in unserem Zusammenhang die Perspektiven Lehrer- und Lernerorientierung im Fremdsprachenunterricht, ohne dabei auf eine bestimmte theoretische Schule zu rekurrieren. In einer lehrerorientierten Perspektive ist die Auswahl und Aufbereitung der Verben in der Verbliste lernzielorientiert inhaltlichen Kriterien geschuldet, die lernerorientiert als Angebot zu verstehen ist, eigene Beurteilungen vornehmen und selbstbestimmt lernen zu können 

Eine Annäherung an den didaktischen und mathetischen Nutzen der Verbliste erfolgt im Folgenden über die Nachschlageprobleme, die bei lernerseitiger Benutzung der Liste auftreten könnten.

(i) Verwendungsdivergenz: Ein nachgeschlagenes Verb enthält eine/keine Präposition oder andere Angabe, die beispielsweise in einem Text vorkommt/nicht vorkommt, sei es, weil eine unübliche oder alte Verwendung in einem Text erscheint oder weil ein Eintrag in der Liste vergessen oder absichtlich nicht aufgeführt wurde oder (ii).

(ii) Unvollständigkeit und Unvollständigkeitsannahme: Das gesuchte Verb kann nicht gefunden werden, weil es in der Liste nicht vorkommt; oder es kommt vor, aber nicht unter dem gesuchten Lemma, z.B. fehlt „hineinstecken“, stattdessen ist „reinstecken“ aufgeführt. Scheinbar fehlender Eintrag.

 (iii) Unverständlichkeit: a) Kulturelle Unverständlichkeit. Ein Satzbeispiel ist aus kulturellen Gründen unverständlich. b) Kollokative Unverständlichkeit: Zwar wird das übersetzte Verb verstanden, aber die im Beispielsatz verwendeten Wörter können nicht mit der Verbsemantik verknüpft werden. c) Unverständlichkeit der Übersetzung: Die Übersetzung des Verbs oder des Beispiels ist unklar; vielleicht ist die Übersetzung fehlerhaft oder a) oder b).

(iv) Entscheidungsschwierigkeit: Bei einem gesuchten und gefundenen Verb mit doppeltem Eintrag kann nicht entschieden werden, ob Eintrag 1) oder 2) zutreffend ist. Der Textzusammenhang, der die Suche ausgelöst hat, lässt dies offen bzw. der Lerner erkennt den Zusammenhang nicht richtig.

(v) Transferprobleme: a) Grammatisches Transferproblem: Dem Benutzer ist unklar, wie das Verb über das Beispiel hinaus noch anwendbar ist, beispielsweise mit oder ohne „dass“-Satz, mit oder ohne Infinitiv + „zu“ etc. b) Varietätenspezifisches Transferproblem: Dem Benutzer ist auch über das Beispiel unklar, welcher Varietät das Verb angehört (gesprochene Umgangssprache oder Schriftsprache). c) Kulturelles Transferproblem: Es ist dem Benutzer unklar, ob die Satzbeispiele, die direkte Kommunikation suggerieren, im täglichen Leben Anwendung finden können (z.B. Sätze wie „Wie oft waschen Sie sich eigentlich die Haare?“ im Gegensatz zu solchen wie „Wissen Sie, wie spät es ist?“)

(vi) Irritationen aufgrund von falschen Übersetzungen oder fehlerhaften oder unvollständigen Einträgen (z.B. fehlen zum Verb „hauen“ die Angaben der Stammformen, was zu einer falschen Bildung des Partizip II führen muss).

Es sei darauf hingewiesen, dass derartige Nachschlageprobleme in jedem Wörterbuch auftreten könnten, wobei in dem oben erwähnten noch einige dazu kämen, z.B. das Problem der Relevanz: Ist das Wort relevant, gebräuchlich?, oder das der anwendungsbezogenen Verständlichkeit: von und vor wem kann das Wort überhaupt angewendet, von welchem Gesprächspartner verstanden werden? Die Verbliste hingegen beschränkt sich auf den kleinsten kommunikativen Nenner und erlaubt dem Lerner einen relativ unbefangenen Umgang mit den Verben.

Es bestehen aber zwei grundsätzliche Fehlannahmen, die den Umgang naiver Lerner mit der Verbliste erschweren könnten: der Vollständigkeitsirrtum „ein Verb gibt es nicht, weil es in der Liste nicht enthalten ist“ (zu (ii) oben) und der Verwendungsirrtum „ein Verb gibt es nur, wie er in der Liste angeführt wird“ (zu (i), (v)). Beide Problembereiche hängen oftmals miteinander zusammen und erfordern einen Unterricht, in dem auch das Wissen über Systematisierungen und Klassifizierungen von „Sprache“ bzw. sprachlichen Erscheinungen thematisiert wird. Sowohl Wörterbücher als auch die Verbliste präsentieren letztlich eine – wenn auch sehr begrenzte – Strukturierung der Welt und, wenn man konstruktivistische Konstrukte außer Acht lässt: eine Teilabbildung der Welt, die von verschiedenen Seiten, aber niemals beliebig wahrgenommen werden kann. Das Sprechen über Sprache sehe ich damit als eine notwendige didaktische Aufgabe an, die mit ebenfalls didaktisch aufbereitetem Material wie der Verbliste problemlos umgesetzt werden kann. Denn sie fordert zu zweierlei heraus: Als offensichtlicher Teilausschnitt der deutschen Sprache zu einer aktiven Bewusstmachung lexikalischer, grammatischer und kontextueller Zusammenhänge, und als Lernerwortliste zu einer selbstständigen Auseinandersetzung mit Wörtern und zu einer Erweiterung, wenn nicht gar Fortführung der Systematisierungen eines selbst gewählten Wortschatzbereichs, der auch andere Wortarten als Verben umfassen kann. Damit meine ich nicht, dass die Lerner dazu angehalten werden sollen, ein eigenes Wörterbuch zu schreiben; vielmehr geht es mir um den Prozess des Gliederns und metasprachlichen Betrachtens von lexikalischen Einheiten, was selbstredend die Muttersprache mit einschließen sollte. Das sprachliche Bewusstsein für die eigene Sprache zu stärken, ist sogar eine unabdingbare Begleiterscheinung jeglicher ernsthafter Auseinandersetzung mit einer Fremdsprache. Nach meiner Erfahrung liegen hier trotz des hohen Stellenwerts, den Übersetzungen an den Fremdsprachenabteilungen an koreanischen Universitäten genießen, massive Defizite vor 

Ein weiterer Punkt, der den Einsatz der Verbliste im Unterricht sinnvoll erscheinen lässt, betrifft  den Transfer des in der Liste Präsentierten. Wie aus jedem Sprachunterricht bekannt, stellen Transferübungen die Lerner vor die größten Hürden. Wie die Nachschlageprobleme (iii) und (v) haben deutlich werden lassen, umfassen die bezüglich der Verbliste auftretenden Transferprobleme grammatische, semantische, kontextuelle und interkulturelle Aspekte. Wie bereits ausgeführt, liegt der Schwerpunkt der Verbliste nicht auf grammatischen Informationen; dies erweist sich jedoch als Vorteil, wenn der didaktische Rahmen so gestaltet wird, dass sich dem Lerner Freiräume bieten, selber zu entdecken und selbstständig zu analysieren. Ich halte es nach meiner eigenen Erfahrung aber stets für sinnvoll, grammatische Aspekte mit Semantischem oder Inhaltlichem zu verknüpfen. Dann erst erschließen sich dem Lerner Lernwege, die zu einem nachhaltigen Lerneffekt beitragen, z.B. was reflexive Verben oder trennbare Präfixe betrifft.

Das größte Transferproblem besteht meiner Meinung nach allerdings auf der kontextuell determinierten Äußerungsebene. Allein über die Verbliste erschließt sich dem Lerner sicher nicht immer, ob ein Beispielsatz die gleiche Verwendung wie in einem gelesenen Text wiedergibt (iv) oder  in welchen Lebensbereichen eine Äußerung angebracht ist oder nicht (v) (b/c). Sprache „richtig“ verwenden zu können, erfordert ein hohes Maß an Sensibilität – für Ko- und Kontexte. Sie verstehen zu lernen setzt ebenso wie sie lehrend zu vermitteln einiges Wissen voraus, sprachliches Wissen einerseits, Weltwissen andererseits. Es ist nicht zuletzt dieses kulturell gebrochene Weltwissen, was den Spracherwerb einer fremden Sprache so erschwert, v.a. die Aneignung lexikalischer Einheiten, die dann ihrerseits „grammatisch“ gebrochen zusammengefügt werden. Wenn also in einem Beispielsatz der Verbliste zu dem Verb „entbinden von“ der Vorstand eines Vereins von seinen Pflichten „entbunden“ wird, dann können wir uns recht gut vorstellen, was damit gemeint ist. Für unsere koreanischen Studenten, die zudem „entbinden von“ und „entbinden“ zu differenzieren haben, gilt das nicht gleichermaßen. In den meisten Fällen mögen die kulturellen Implikationen weit weniger deutlich sein, daher sind sie aber nicht weniger gravierend.

Ein moderner Fremdsprachenunterricht in zielsprachenfernen Ländern wie Korea beinhaltet zu einem nicht geringen Teil interkulturelle Landeskunde. Welche Methoden auch immer hier angewendet werden, Voraussetzung, in diesem Bereich ernsthaft Ergebnisse zu erzielen, ist eine gründliche Auseinandersetzung mit der Lexik der Zielsprache, für die wiederum Zusammenstellungen von Lexemen ein probates Hilfsmittel darstellen. Es war hier das Ziel zu zeigen, dass die Verbliste „Verben à la carte“, die einen wichtigen Teilausschnitt des deutschen Lexikons neu aufbereitet, einen nützlichen Beitrag liefern kann, Deutschlernern einen weiteren Zugang zur deutschen Lexik zu ermöglichen. Dabei kommt dem Lehrer die entscheidende Rolle zu, den Lerner bei der Erschließung des Wortschatzes zu unterstützen und ihn zu einem selbstständigen und reflektierten Erwerb und Gebrauch vorstrukturierter, aber nicht abgeschlossener Wortschatzeinheiten zu befähigen.

Besprochenes Werk

Vergleichswerke


*    Die folgenden Ausführungen erheben nicht den Anspruch, die Meinungen und Intentionen der Co-Autoren von „Verben à la carte“ zu vertreten.


Copyright © 2007 by Holger Steidele


DaF-Szene Korea Nr. 27

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