Thomas Kuklinski-Rhee

Online im Deutschkurs

Erfahrungen mit Youtube & Co


Online-Inhalte im Unterricht

Morgens um kurz vor knapp im Verkehrsstau an einem beliebigen Wochentag. Wir sind aus irgendeinem Grund mal wieder spät dran – vielleicht haben wir gestern Abend zu lange im Internet gesurft, zu intensiv mit den Kollegen gefeiert, uns die halbe Nacht um das Baby mit der verstopften Nase gekümmert oder mussten unbedingt den Text für die DaF-Szene noch zu Ende schreiben, wir wissen es nicht mehr genau, es ist aber auch egal. Jetzt reicht die Zeit gerade noch, um pünktlich zum Unterricht zu erscheinen – als unieigener Vorzeigedeutscher darf man natürlich nicht zu spät kommen. Die Unterlagen für den Unterricht befinden sich allerdings im Büro, das einmal quer über den halben Campus entfernt liegt. Bis zur Pause ist also wieder einmal improvisieren angesagt, angefangen mit einer kleinen Begrüßungsrunde, bei der jeder nach seiner Meinung zum Wetter oder zum gestrigen Fernsehprogramm gefragt wird. Und wie dann weiter?

„Fällt dem Deutschlehrer mal nichts mehr ein, legt er einfach ´ne CD rein.“ Nach dieser Weisheit wird im Tagtraum deutsches Liedgut nach seiner Tauglichkeit abgeklappert, während man schon viel zu lange an der roten Ampel wartet. Unwillkürlich fangen die Finger an, einen weltbekannten Rhythmus auf dem Lenkrad zu klopfen: „Dadada – ich lieb’ dich nicht du liebst mich nicht – aha!“ Das wäre doch ein prima Lückenfüller, zugleich eine elementare Lektion in deutscher Landeskunde! Aber woher sollen wir hier auf der Mittelspur, eingekeilt zwischen Bussen, LKWs und Taxis, jetzt die passende Tonspur holen?

Doch dank Tim Berners-Lee können wir derartige Probleme heutzutage live im Unterricht lösen. Eventuelle Copyright-Argumente beiseite geschoben suchen wir forsch diverse Videoportale wie Youtube, MyVideo oder pandora.tv ab, während wir uns von den Lernern das heutige Mensa-Menü erklären lassen, bis wir nach kurzer Zeit auf eine brauchbare Version des originalen Trio-Videos stoßen. Mittels Videobeamers sorgt das schnell für allgemeine Erheiterung, und die Kursteilnehmer fangen freiwillig an, die simple Haupttextzeile mitzusingen. (Den Songtext (engl. und dt.) und viele weitere Informationen zum Lied, u.a. eine komplette Übersicht über Coverversionen, kann man übrigens auf Stephan Remmlers Homepage finden. Als Hausaufgabe böte sich dann an, die Studierenden etwa nach Coverversionen recherchieren zu lassen.)

Nachdem der Text rekonstruiert und das Lied ein paar mal gesungen wurde, haben sich die fleißigen Mitarbeiter eine kleine Belohnung verdient. Gleich in der Nachbarschaft des Trio-Songs findet sich zahlreiche Coverversionen, u.a. auch die Pepsi-Werbung zur Fußball-WM 2006, die zwar höchst albern, aber den Kurs aufheiternd deutsches Kulturgut vorstellt: das Fußballbein schwingende Schuhplattler und die Oberweite schaukelnde Zenzis zwischen Beckham, Ronaldinho & Co. beim Oktoberfest (allerdings ohne Bier).

Diese Videoportale stellen (bei ausreichend schneller Internetverbindung) eine schier unerschöpfliche Quelle unterrichtsauflockernder Ideengeber dar. Man findet zu beinahe jedem Thema und Musikstück passende Videoclips. Die Zeiten, in denen der Lektor selbst beherzt in die Gitarrensaiten greifen musste, um ein Lied anzustimmen, scheinen endgültig vorbei zu sein. Auch prominente Beispiele deutscher Redekunst können ohne große Probleme gefunden und vorgestellt werden: von Rilke-Rezitationen bis Helge Schneider-Lyrik, von Goethe-Lesungen bis zur Trappatoni-Rede (wahlweise mit Untertiteln), von Charlie Chaplins „Schtonk!“-Diktator über Walter Moers’ „Nazi-Sau“ bis zu den nicht weniger albernen Originalreden Hitlers findet sich für jede Sitzung ein Clip, mit dem sich beispielsweise die Hausaufgaben einleiten lassen.

online-Übungen und Präsentationen als Unterrichtselement

Wer kennt das nicht: Zu Semesterbeginn gab es mal wieder einen Schwung neuer Studierender im Kurs, die man noch nie zuvor gesehen hat. Nicht selten tauchen ganz neue Gesichter plötzlich im Fortgeschrittenenkurs auf, und offensichtlich ältere Semester sitzen zwischen Erstemestern in Anfängerveranstaltungen. Woher kommen immer diese Neuen? Uniwechsel kommen in Korea so gut wie nie vor, aber nicht wenige Studierenden legen eine Studienpause von einem oder mehreren Semestern ein, sei es um Geld zu verdienen, weil sie in dieser Zeit Englisch, eventuell im Ausland, gelernt haben, oder weil (bei den Jungs) der Militärdienst zwischendurch eingeschoben wurde.

Der erfahrene Lektor ist aber darauf vorbereitet und verteilt gleich am ersten Tag den ersten Test, einen Einstufungstest. Nicht, um zu benoten, sondern um einen Eindruck von den Niveauschwankungen im Kurs zu gewinnen. Viele Lehrbuchverlage bieten entsprechende Tests zu ihren Lehrwerken zum kostenlosen Download und legalen Kopieren für Unterrichtszwecke an. Bei der Testauswertung ist dann zu erkennen, dass viele viel lernen könnten, wenn man den Test im Kurs gemeinsam bespräche. Wie aber sollte man das technisch durchführen? Wenn man die ausgewerteten Testbögen wieder an die Teilnehmer verteilt, interessiert sie nur das Endergebnis, doch die einzelnen Aufgaben verlieren ihren Reiz. Früher hätte man vom Test eine Folienkopie gezogen, per Tageslichtschreiber an die Wand geworfen und mittels beweglicher Deckblätter und artifizierter Hinweispfeile (Kulis) die Aufgaben der Reihe nach hervorgehoben.

Die moderne Lösung heißt Präsentation mit Powerpoint (oder einem entsprechenden Open Source-Programm) und Laserpointer. Dazu wird der Test, der (wenn heruntergeladen) meist im pdf-Format vorliegt, seitenweise kopiert und auf Präsentationsseiten gebracht. Der Acrobat Reader stellt mit der Schnappschuss-Funktion ein nützliches Werkzeug dafür bereit (unter Werkzeuge –> auswählen und zoomen –> Schnappschuss-Werkzeug). Der Schnappschuss erlaubt es, den Bereich, der in die Zwischenablage kopiert werden soll, genau einzugrenzen, der dann per simplem paste-Befehl in eine beliebige Power Point-Präsentationsseite kopiert werden kann. (Die Präsentation selbst muss nicht aufwendig designt werden, man will ja keinen Schönheitspreis gewinnen, ein allgemeiner Titel reicht, dann kann man sie auch mehrfach verwenden.)

Auch Power Point hat für den Unterricht ein nützliches Werkzeug: wenn man die Präsentation startet und die Maus etwas bewegt, erscheint in der linken unteren Ecke ein kleines Auswahlmenü, das unter anderem verschiedene Stiftsorten in Angebot hat, zwei Rotstifte und einen gelben Textmarker (die Farben kann man natürlich ändern). Mit diesen Stiften kann man auf den Präsentationsseiten beliebig hantieren, etwa im Text frei herumkritzeln, einzelne Stellen hervorheben, durchstreichen oder eventuelle Fehler korrigieren. Die Radierer-Funktion erlaubt es dann, einzelne Markierungen wieder zu löschen oder alles auf einmal. Und schließlich kann man die Markierungen abspeichern, falls man sie später weiter verwenden möchte. So kann man seine Präsentation schon vor der ersten Premiere ohne großen Aufwand präparieren. Es gibt auch schon Lektoren, die ihr gesamtes Unterrichtsrepertoire auf Powerpoint-Präsentationen umgestellt haben. Die entsprechenden Dateien kann man dann online irgendwo speichern und in jedem vernetzten Kursraum der Welt bequem abrufen. Vor der Prüfung kann man das dann als Skript den Kursteilnehmern zur Verfügung stellen. Das ganze hat zwar den Nachteil, das bei Stromausfall nichts mehr funktioniert. Dafür kann man aber audiovisuelle Medien problemlos einbinden.

Noch bequemer ist es, wenn es vom Einstufungstest gleich auch eine online-Version gibt, wie ihn z.B. der Hueber-Verlag (oft) anbietet. Den kann man dann mittels Video-Beamer im nächsten Unterricht vom Plenum noch einmal ausfüllen und sich die automatisch errechneten Resultate anzeigen lassen. Überhaupt können online-Übungen, die ursprünglich wohl zum Selbstlernen gedacht waren, ab und zu zur Auflockerung im Unterricht eingesetzt werden. Jeder größere Lehrbuchverlag (www.Hueber.de, www.Langenscheidt.de, www.Klett.de) hat eine umfangreichere Sammlung parat. Meist sind sie zwar auf ein bestimmtes Lehrwerk zugeschnitten, aber nichts spricht dagegen, in fremden Gewässern zu fischen. Bisweilen finden sich darunter kreative Übungen, etwa Memory-Spiele und Kreuzworträtsel, mit denen sich schnell ein Kursspiel gestalten lässt. Und schließlich stellt auch das Goethe-Institut für seine Prüfungen Modellsätze zum Download im pdf-Format sowie als online-Übungen parat.

Das Internet als Nachschlagewerk

Jeder Lektor kennt das Dilemma: da wird man was gefragt und weiß die Antwort nicht. Auch derartige Peinlichkeiten lassen sich souverän umgehen, wenn man mit Suchmaschinen und Videobeamer umzugehen weiß. Als unentbehrlich haben sich hier der Duden (www.duden.de) bei strittigen Fällen, die Wikipedia (http://de.wikipedia.org) bei Worterklärungen und (oft) bildlichen Beispielen und, wenn alle Stricke reißen, deutsch-koreanische Wörterbücher (etwa http://sdv.or.kr/dekodic) erwiesen. Eine nützliche Funktion der Wikipedia ist, dass man deutsche Begriffe mit einem Mausklick in anderen Sprachen anzeigen lassen kann. Koreanisch ist dort allerdings deutlich unterrepräsentiert, daher bietet sich meist Englisch an.

Ebenfalls sträflich unterrepräsentiert ist die Pflege vieler koreanischer Stichwörter auf der deutschen Seite. So listet das dortige Korea-Portal zwar über 125 verschiedene südkoreanische Universitäten auf, aber nur zu knapp 10 Unis finden sich überhaupt inhaltliche Einträge. Andere Bildungseinrichtungen, etwa Fremdsprachenoberschulen, fehlen ganz. Wäre es nicht ein lohnenswertes Projekt für deutsche Lektoren, elementare Informationen wenigstens der eigenen Institution zu sammeln und dort zu veröffentlichen? Immerhin sind sie die Arbeitgeber der deutschen Muttersprachler. Das könnte auch ein interessantes Projekt für studentische Hausarbeiten darstellen.

Fazit

Die Kunst des e-learnings besteht nicht nur darin, seinen Lehrstoff computergerecht aufzubereiten, sondern mindestens ebenso darin, aus der Fülle des Datenmülls in der online-Welt lernsituativ relevante Inhalte herauszufiltern und in den Unterrichtsablauf zu integrieren.


Copyright © 2007 by Thomas Kuklinski-Rhee


DaF-Szene Korea Nr. 27

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