Jeder Musiker weiß: Allein Übung macht den Meister. Was für die Beherrschung von Instrumenten und dem Belcanto gilt, scheint auch auf das Meistern einer Fremdsprache zuzutreffen. Während sich nun aber jeder angehende Musiker (vielleicht mehr oder weniger ausgiebig, aber wenigstens prinzipiell) diesem ehernen Gesetz beugt, sieht das beim Sprachenlernen oftmals ganz anders aus. Gerade Lerner, die sich selbst für lernbegabt halten, meinen oft, dass es mit der verstandesmäßigen Durchdringung sprachlicher Dickichte getan wäre, während sie am Klavier bereit sind, stundenlang Bachkantaten zu repetieren. Ein Grund für diese Diskrepanz mag darin liegen, dass bei musikalischen Fähigkeiten die Abweichungen von Soll- und Istwerten für jedermann offensichtlich sind, während clevere Sprachlerner mittels eines intelligenten Arbeitsspeichers akzeptable Resultate temporär simulieren können, mit denen sie sich selbst die Zielerreichung vorgaukeln können, ohne dass die künstlich konstruierte Lernstruktur eine dauerhafte Beziehung im mit Automatismen arbeitenden Langzeitgedächtnis eingehen würde.
Wie dem auch sei, stupides Wiederholen sprachlicher Sequenzen ist, weit mehr als das Nachspielen von Melodien und Tonleitern, todlangweilig und ermüdend, sowohl für Lerner als auch für Lehrpersonen. Warum dann nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden, also das Einüben von Sprachstrukturen mit Rhythmen und Melodien anreichern? Das bedeutet nicht gleich, eines der vielen gut gemeinten, aber schlecht gemachten Deutschlern-Lieder zu bemühen. Das wäre beinahe Teufelsaustreibung mit dem Beelzebub, denn diese Lieder sind unserer Erfahrung nach meist zum Mitsingen zu uncool, zu albern und zu langweilig, und damit für effektiven Unterricht ungeeignet. Wir denken eher an Aktivitäten, wie sie Andreas Fischer in seinem Lehrwerk „Deutsch lernen mit Rhythmus“ theoretisch wie praktisch ausarbeitet. Nach Fischer hat es einen ungemein positiven Lerneffekt, wenn Sprachstrukturen mit rhythmischen Aktivitäten der Lernenden verknüpft werden. Das sieht dann so aus, dass Kursleiter wie –teilnehmer mithilfe aller möglichen Dinge, die Geräusche erzeugen, einen situativ kreierten, dynamisch anpassbaren rhythmischen Rahmen erzeugen, der die gemeinsame Aussprache von Wörtern, Ausdrücken und Dialogsequenzen klanglich unterstützt. Im Idealfall, ließe sich ergänzen, könnten die Teilnehmer noch eine einfache Melodie dazu intonieren, aber das wird wohl kaum durchführbar sein.
Wir selber haben bereits langjährige positive Erfahrung mit einer Übung, die als Abwandlung dieser Methode verstanden werden kann. Dazu ziehen wir die Unterstützung von rhythmuslastigen Musikstücken ohne nennbaren vokalischen Eigenanteil heran, die als Rahmen für das wiederholte Aufsagen von Wortfolgen dienen. Die Sprechübung zielt darauf ab, Automatismen zu entwickeln, es muss also zügig gesprochen werden, was einen flotten Rhythmus verlangt. Grundsätzlich kommt dafür jede Art von Tanzmusik in Betracht. Klassische Musik hingegen eignet sich nur bedingt, da sie oft schlicht zu langsam ist und außerdem bisweilen mit Rhythmuswechseln aufwartet, die das ganze Unternehmen sabotieren können. Man könnte es allgemein so ausdrücken, dass Klassik meist zu anspruchsvoll ist, um auf einem animalischen Level verwendet zu werden. Von modernen Popstücken haben wir aus geschmacklichen Gründen pauschal Abstand genommen, sie erscheinen uns aber unter rein technischem Aspekt brauchbar, sofern eventueller Gesang nicht interferierend einwirkt.
Unsere persönlichen Präferenzen liegen bei Stücken aus dem Bereich experimenteller Genreüberschreitungen. Diese Stücke haben unserer Einschätzung nach den Vorteil, dass sie durch die Sprengung üblicher Genre-Einordnungen auch Geschmacksgrenzen leicht überwinden und somit von heterogenen Gruppen widerstandsloser akzeptiert werden. Die Musikauswahl sollte sich aber vor allem nach der Art der Sprachstrukturen richten, die man damit einüben möchte. Um Lektor und Lerngruppe mit dem Prinzip vertraut zu machen, eignen sich unserer Erfahrung nach Vergangenheitsformen unregelmäßiger Verben besonders gut, weil diese, in Dreierketten wie „geben – gab – gegeben“ hintereinander vorgetragen, ohnehin eine immanente Rhythmik aufweisen, der außerdem eine gewisse Melodiösität nicht abzusprechen ist. Bei den meisten Verben läuft die Übung mit Viervierteltakten flüssig, speziell für längere Wortketten (wie „telefonieren – telefonierte – telefoniert“) oder trennbare Verben (wie „auswechseln – wechselte aus – ausgewechselt“) erscheint uns ein dreiviertel beschwingter Donauwalzer passender.
Konkret haben wir mit dem Big Beat-Album „The Fat of the Land“ der progressiven britischen Elektroband The Prodigy, insbesondere den Tracks „Climbatize“, „Smack my Bitch up“ und „Funky Shit“, sowie dem Classic Metal-Album „Inquisition Symphony“ der finnischen Cellistengruppe Apocalyptica, insbesondere dem Titelsong (eine Coverversion von Sepulturas gleichnamigem Stück), „Toreador“ und „One“ (ursprünglich von Metallica), operiert. Erfahrungsgemäß kommen diese Stücke bei den jungen Leuten sehr gut an, sie widmen der Übung ihre volle Aufmerksamkeit und das Mitmachen bereitet ihnen sichtlich Vergnügen.
Der Ablauf gestaltet sich nach dem sogenannten Solo-Tutti-Verfahren, wobei die ersten Takte des Stücks zunächst nur angehört werden, damit man sich in den Rhythmus hineinfinden kann. Dann trägt die Lehrperson jeweils eine Verb-Trichotomie laut vor, und zwar jeweils eine Verbform auf den ersten drei Taktschlägen, während der vierte für eine kleine Pause genutzt wird. Diese Pause bietet sich für eine rhythmische Begleitaktivität á la Fischer an, beispielsweise Fingerschnipsen, Klatschen oder Klopfen: „singen – sang – gesungen – [Klatsch] – trinken – trank – getrunken – [Klatsch] – …“ Im nächsten Takt wiederholt die Gruppe das Gesagte. Wenn Rhythmik und Verbformen einigermaßen sitzen, kann man das ganze dynamisch verschärfen, indem der Kursleiter nur die Grundform vorspricht und die Kursteilnehmer im selben Takt die restlichen Formen ergänzen. Wenn der Takt dafür zu schnell oder die Gruppe im Nachsprechen zu langsam ist, können auch pro Verbform zwei Schläge verwendet werden, also zwei ganze Takte pro Einheit. Wenn man mal aus dem Tritt kommt, pausiert man kurz und macht weiter im übernächsten Takt.
In diversen Lehr- und Grammatikbüchern finden sich umfassende Listen mit unregelmäßigen Verbformen. Es macht aber wenig Sinn, eine lange Liste einmal von vorne bis hinten durchzuarbeiten, denn Wiederholung heißt das Zauberprinzip. Besser ist es also, in einem Musikstück von 3 bis 6 Minuten Dauer 10 bis 20 Verben herauszugreifen und mehrmals durchzusprechen, nach ein, zwei Durchgängen ruhig auch in wilder Reihenfolge. Sie können nach verschiedenen Kriterien gruppiert werden, alphabetisch, inhaltlich, klanglich oder wie auch immer. Variationen im Arrangement erscheinen uns als das zweite wichtige Prinzip. Diese Übung könnte theoretisch in jeder Lerneinheit eingesetzt werden, beispielsweise als Aufwärmübung zu Beginn der Stunde oder auch mittendrin, wenn mal wieder die Hälfte wegdöst. Wir raten aber zur Mäßigung, man sollte die Übung nicht überstrapazieren, sonst verkommt sie zum Ritual und interessiert kaum noch jemanden. Es müssen auch nicht immer Verbformen sein. Der Walzer etwa eignet sich auch gut für Pluralformen („das Lied – Lieder“) und Steigerungsformen der Adjektive („gut – besser – am besten“). Am besten selbst experimentieren!
Und wer einen Internetanschluss im Kursraum hat, muss auch nicht immer eine Sammlung von Musik-CDs mitschleppen. Denn alle oben genannten Stücke gibt es in klanglich brauchbarer Qualität (und in verschiedenen Versionen) auf Youtube & Co.
Literatur:
Fischer, Andreas (2007), Deutsch lernen mit Rhythmus. Der Sprechrhythmus als Basis einer integrierten Phonetik im Unterricht Deutsch als Fremdsprache – Methode und Material, Leipzig: Schubert-Verlag, 2007.
Siehe http://www.phonetik-atelier.de/deutsch_lernen_mit_rhythmus.html für weitere Informationen.
Copyright © 2007 by Thomas Kuklinski-Rhee