Die vorliegende Sammlung von
koreanischen Erzählungen ist zwar nicht mehr ganz neu (erschienen 2005), aber
nach Durchsicht anderer Sammelbände doch das repräsentativste und informativste
Buch dieser Art.
Diese Erzählungssammlung mit acht der wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen und Autoren aus Südkorea erfüllt zudem den pragmatischen Anspruch, einen Überblick über die moderne südkoreanische Literatur und deren Themen zu geben.
Das Spektrum der Autoren reicht von der „Hangul-Generation“, also derjenigen Autoren, die nach der Befreiung von der japanischen Kolonisation (1945) wieder in ihrer Muttersprache schreiben durften, über die Kriegsgeneration (Koreakrieg 1950-53), der Militärdiktatur, den Aufständen z.B. in Kwangju, bis hin zur gegenwärtigen Autorenriege.
Es lassen sich in einigen Texten verwandte Themen zur deutschen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur erkennen, jedoch ist keine automatische Gleichsetzung geboten.
Die erste Erzählung „Panmunjom“ von Lee Hochol datiert 1961, in der Zeit des „Kalten Kriegs“. Hauptakteure sind eine Frau aus dem Norden und ein Mann aus dem Süden, die aufeinandertreffen. Ein glückliches Ende, das lässt die bekannte Realität ahnen, gibt es aber nicht.
„Unvergessen“ von Kim Wonil ist eine Auseinandersetzung mit dem Korea-Krieg, der hier weniger ein gesellschaftliches Ereignis ist als ein Phänomen, das tief in das traditionelle koreanische Familienleben eingreift.
„Heimkehr“ von Su Jung handelt von einer Busfahrt dreier Personen, die während dieser Tour die sich rasant entwickelnde koreanische Gesellschaft und Umwelt betrachten.
Hwang Sok-Yong verarbeitet in der Erzählung „Ein Mensch wie du und ich“ seine eigene Biografie, aus der Mandschurei stammend, Soldat im Vietnamkrieg, später in eine Gegenwartsgesellschaft geratend, in der nur der stärkere oben bleiben kann.
Um leer Rituale und um den Verlust alter Werte, geht es in „Klingende Weihnachtsgrüße“ von Kim Young-Ha. Ein Mordfall ist der Drehpunkt der Geschichte, von dem aus die Leere menschlicher Beziehungen unter der Maske alter Konventionen deutlich wird.
Eine Frau lebt verheiratet, aber abgeschottet und einsam, in einer modernen Hochhaussiedlung. Ihr Leben ist bestimmt von Langeweile, Wünschen und Sehnsüchten. Versuche von Ausbrüchen aus dieser Enge bilden den Stoff von „Hinter Glas“ von Kang Sok-Kyong.
Erinnerungen an Kafkas „Verwandlung“ weckt der Text „Die Früchte meiner Frau“ von Han Kang. Eine Frau verwandelt sich nach und nach in eine Pflanze, was aus verschiedenen Sichtweisen beschrieben wird. Die Deutung dieser Erzählung bleibt weitgehend, wie auch bei den literarischen Vorbildern aus der europäischen Tradition, dem Leser selbst überlassen.
Die letzte Geschichte „Die Stimme des Gewissens“ von Gong Jiyoung ist eine Mischung aus Realität und Fiktion. Der deutsche Journalist Jürgen Hinzpeter, der 1980 das Massaker von Kwangju filmte und öffentlich machte, liegt im Sterben und möchte in Kwangju begraben werden. Um dieses Ereignis herum erinnern sich und reflektieren beteiligte Personen der Handlung.
Das Buch bietet eine gute Möglichkeit, sich näher mit der koreanischen Art, mit Denk- und Verhaltensweisen bekannt zu machen. Außerdem ist es gleichzeitig ein Kompendium der jüngeren koreanischen Geschichte und der Gegenwart, aus Sicht der Koreaner selbst. Wer noch nicht weiß, was er seinen deutschen Freunden oder Verwandten im Sommer aus Korea mitbringen soll …
„Koreanische Erzählungen“, herausgegeben von Sylvia Bräsel und Lie Kwang-Sook, DTV, 8,50 Euro
Copyright © 2007 by Michael Menke