1. Einleitung
Lehrerinnen und Lehrer im Schul- und Hochschulbereich sehen sich heutzutage mit einer neuen Generation von Lernern konfrontiert, die ihnen hinsichtlich ihrer Medienkompetenz teilweise überlegen, zumindest aber ebenbürtig ist. Hierbei handelt es sich um Lernende der sogenannten „digitalen Generation“, die von Duderstadt et al. (2002, 9f.) folgendermaßen charakterisiert wird:
„Today’s „digital generation“ of students, media savy, are demanding new forms of pedagogy. They approach learning as “plug-and-play” experience; they are unaccustomed and unwilling to learn sequentially – to read the manual – and instead are inclined to plunge in and learn through participation and experimentation. Although this type of learning is far different from the sequential, pyramidal approach of the college curriculum, it may be far more effective for this generation, particularly when provided through a media-rich environment.“
Digitales Lernen bietet die Möglichkeit größerer Individualisierung der Lernprozesse verbunden mit der Förderung eines stärker selbstverantwortlichen und lebenslangen Lernens. Es werden verstärkt Lernprozesse favorisiert, bei denen die Lerner selbst die Variablen der Lernsituation wie die Lernziele, Lernorte, Lernzeiten und Lernmedien bestimmen und dabei von Lehrenden professionell betreut werden. Die Möglichkeit selbstgesteuerten Lernens bieten nach Bruns (2006, 25) u.a. sogenannte Computer-Based-Trainings (CBT) beziehungsweise Web-Based-Trainings (WBT). In jüngerer Zeit werden verstärkt Lernkonzepte diskutiert, die weder rein traditionell noch ausschließlich per E-Learning ablaufen. Hierbei handelt es sich um das „Blended Learning“, das auch unter den Begriffen „hybrides Lernen“, „Verbund-Lernen“ oder „Integrated Learning“ bekannt ist.
2. E-Learning und Blended Learning
Seibt (2004, 4) definiert „Blended Learning“ als eine „Kombination von herkömmlichen / traditionellen „Face-to-Face“-Lernprozessen (Präsenz-Vorlesungen, Übungen, Tutorien etc.) und E-Learning-Prozessen, die über Internet laufen und bei denen häufig diverse Multimedia-Komponenten eingesetzt werden“. Gerade wegen dieser Verknüpfung traditioneller und elektronischer Lernprozesse betrachtet Bruns (2006, 32) Blended Learning als Obergriff, der das E-Learning inkludiert. Unter E-Learning (Synonym: Online-Learning) werden nach Seibt (2002) diejenigen Prozesse des Lehrens und Lernens verstanden, zu deren Unterstützung Telekommunikationsnetze, insbesondere das Internet bzw. das WWW und/oder Intranets genutzt werden. Nach Bruns (2006, 29) betrachten einige Autoren das E-Learning als „konsequente Weiterentwicklung der klassischen Fernlehre auf der Höhe der gegenwärtig verfügbaren technischen Möglichkeiten“.
Der Begriff des E-Learning wird in der Literatur unterschiedlich weit gefasst. So betrachtet Balzert (2005) in der Definition des E-Learning im weiteren Sinne jede Art von Lernen unter Einsatz elektronischer Medien (also auch die Präsentation von Lerninhalten auf CD oder DVD) als E-Learning. E-Learning im engeren Sinne umfasst dagegen Formen des netzbasierten Lernens (kooperatives Lernen mittels Online-Chats, Instant Messaging, Diskussionsforen). Auch Baumgartner et al. (2002) schließen sich der Definition des E-Learning im weiteren Sinne an, indem sie E-Learning als „Überbegriff für alle Arten medienunterstützten Lernens“ betrachten.
Twardy, Wilbers und Esser (2001) beziehen in ihre Definition des E-Learning ausdrücklich auch die Mobilkommunikation ein und definieren E-Learning als „ein Lehren und Lernen, das technologisch gestützt bzw. angereichert ist, wobei insbesondere Internet- und Mobilkommunikationstechniken relevant sind“.
Seibt (2006) betont, dass das E-Learning insbesondere die Vor- und Nachbereitung des Präsenz-Lernens sowie die Prüfungsvorbereitung unterstützen kann. Seibt hat in seiner Zeit als Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität zu Köln E-Learning-Szenarien in seinen Powerpoint-basierten Vorlesungen eingesetzt und seinen Studierenden parallel die wahlweise Möglichkeit des Präsenz- bzw. Online-Lernens geboten. Die Modalitäten und Feinziele des E-Learning in seinen Veranstaltungen definiert Seibt (2006) folgendermaßen:
Der Lerner kann weiterhin „Präsenzlernen“, d.h. an den als Präsenz-Veranstaltungen durchgeführten Vorlesungen und Übungen wie bisher teilnehmen.
Der Lerner kann orts- und zeitunabhängig über Internet zur „Echtzeit“ an den Vorlesungen und Übungen teilnehmen.
Der Lerner kann die Inhalte der Vorlesungen und Übungen orts- und zeitunabhängig über Internet „on demand“ nutzen.
Der Lerner kann sich die kompletten Inhalte der Lehrveranstaltungen auf eine CD-ROM brennen lassen und jederzeit offline nicht nur auf die in Vorlesungen und Übungen gezeigten Folien zugreifen, sondern auch das „gesprochene Wort“ (Audio + Video) der Lehrveranstaltungen nutzen. Das Medium CD-ROM ist gleichzeitig das für die individuellen Lernprozesse, speziell für die Prüfungsvorbereitung wichtigste Medium.
Der Lerner kann während der Präsenz-Veranstaltungen Fragen stellen und sie sofort beantwortet bekommen bzw. eigene Diskussionsbeiträge liefern. Dies ist per Internet auch dem nicht-präsenten Lerner möglich (volle Interaktivität während der Präsenz-Vorlesung/Übung).
Der Lerner kann über das Forum der Lernplattform orts- und zeitunabhängig jederzeit asynchrone Kontakte zu Lehrenden und Kommilitonen realisieren. Fragen von Studierenden werden in anonymisierter Form allen Lernern zugänglich gemacht. Selbstverständlich werden auch die Antworten auf diese Fragen allen Lernern zur Verfügung gestellt.
Zu bestimmten Zeiten werden Online-Tutorien (Chat-Foren) angeboten.
Der Lerner kann Glossare zu allen Inhalten der Lehrveranstaltung nutzen.
Der Lerner kann eine „Bibliothek“ nutzen, die Aufgaben, Klausurthemen und Musterlösungen enthält.
Der Lerner kann die Lernplattform als Basis für den Aufbau von Lern- und Arbeitsgruppen nutzen.
Seibt (ebd.) betont, dass die klassischen Ebenen des Lehrens und Lernens an der Universität, zu denen die Vorlesung (lecture-loquium), das Selbstlernen, die Übung, das Tutorium und das Lernen im Team gehören, vollständig erhalten bleiben. Sie bildeten das Gerüst, auf dem die elektronischen Lernkanäle aufsetzten. Studierende mit einer Präferenz für die klassischen Ebenen des Lehrens und Lernens könnten diese weiterhin nutzen. Niemand werde zur Nutzung elektronischer Lernkanäle gezwungen.
Nach Seibt (ebd.) realisiert sich das E-Learning bzw. Blended Learning in den folgenden Schritten, die wahlweise parallel oder additiv in Relation zu den klassischen Lernkanälen eingesetzt werden können:
Live-Übertragung der Vorlesung über Internet an alle Berechtigten (synchron)
Interaktives Chatforum parallel zur Vorlesung über Internet mit Chatmaster (synchron)
Live-Übertragung der Übung über Internet (synchron)
Interaktives Chatforum zur Übung (synchron)
Video-on-demand der Vorlesung (asynchron)
Video-on-demand der Übung (asynchron)
Interaktive CD-ROM (Aufzeichnungen zur Vorlesung und zu den Übungen; interaktive Funktionen)
Bibliothek und permanentes Diskussionsforum über eine Lernplattform (hier: CLIX)
Seibt (ebd.) betont, dass die von ihm skizzierten E-Learning/Blended-Learning-Lösungen ihre Einsatzmöglichkeiten vornehmlich in der Lehrform „Vorlesung“ finden. In den Powerpoint-basierten Vorlesungen sei eine Synchronisierung der Audio- und Videoanteile erforderlich.
Zu den großen Vorteilen des E-Learning/Blended Learning gegenüber anderen Lernformen rechnet Seibt insbesondere das synchrone Erreichen großer Lernergruppen, das insgesamt zu einer Ökonomisierung der Lehre führen könne. E-Learning/Blended Learning biete darüber hinaus auch reichhaltige Möglichkeiten für den Import und Export von Lehre (Institutspartnerschaften, virtuelle Summer Schools etc).
3. E-Learning/Blended-Learning im Fremdsprachenunterricht
Nach Bärenfänger (2006, 65) zeichnet sich das Blended Learning vor allem durch seine gezielte Anpassung an die Lernerbedürfnisse aus. Blended Learning ermögliche eine größere Flexibilität des Lernens und führe durch seine inhärente Redundanz dazu, dass Lerninhalte über unterschiedliche didaktische Methoden und Vermittlungsformate rezipiert werden könnten. Ein Blend stelle jedoch keine zusammenhanglose Kombination von didaktischen Methoden und Vermittlungsformaten dar. Laut Bärenfänger (2006, 62) kann von Blended Learning erst dann gesprochen werden, wenn dreißig bis siebzig Prozent der Lerninhalte online vermittelt werden. Zu den möglichen Bestandteilen hybrider Lernumgebungen rechnet Bärenfänger (2006, 67) insbesondere die folgenden:
Zentrale Hilfsmittel des Online-Lernens seien:
Bärenfänger (2006, 68) betont, dass durch den Einsatz hybrider Lernformen Synergieeffekte erzielt werden könnten, so dass sich die Vorteile der einzelnen Lernformate summierten und Nachteile aufgehoben würden. Insbesondere für den Fremdsprachenunterricht sei der didaktische Mehrwert von Lernmodulen auf der Basis neuer Medien konkurrenzlos zur Erzeugung authentischer Kommunikationssituationen (Bärenfänger 2006, 69). Lerner könnten sich mit Hilfe der Informations- und Kommunikationstechnologien authentische und aktuelle Print-, Audio- und Videomaterialien besorgen und mit Muttersprachlern via E-Mails und Chatroom bedeutungsvolle Interaktionen durchführen. Bärenfänger (ebd.) betont zudem, dass durch die Interaktion mit Sprechern anderer Sprachen, die gleichzeitig auch Repräsentanten anderer Kulturen seien, ein multikulturelles Bewusstsein gefördert werden könne.
Im Unterricht verändere der Einsatz hybrider Lernformen auch die Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden. Bei einer größeren Flexibilisierung und Individualisierung von Lernprozessen bleibe der Lehrende (zumindest in den Präsenzphasen) der Experte für die Struktur des zu erwerbenden Wissens, für die geeigneten Methoden des Wissens- und Fertigkeitserwerbs und für die Evaluation von Lernleistungen. Die veränderte Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden und die Steigerung der Lerneraktivität in hybriden Lernarrangements führe dazu, dass Lehrkräfte für zusätzliche Aufgaben in der Beratung und Betreuung der Lernenden zur Verfügung stünden. Die Anteile des Präsenzunterrichts könnten in Blended-Learning-Szenarien um bis zu einem Drittel gesenkt werden. Die vielfach beklagten Nachteile lehrerzentrierten Unterrichts ließen sich auf diese Weise mildern und es entstehe eine größere Zufriedenheit auf Seiten von Lehrenden und Lernenden. Der Einsatz hybrider Lernformen bedeute für den Lehrenden aber auch, dass sich wesentliche Teile des Wissens- und Fertigkeitserwerbs außerhalb seiner Kontrolle abspielten. Der Aufwand an Unterrichtsvorbereitung und -nachbereitung sei für den Lehrenden aber höher als im herkömmlichen Präsenzunterricht.
4. Literatur:
Bärenfänger. O.: „Blended Learning an Sprachenzentren. Konzepte, Elemente und Potenziale“. In: Fremdsprachen und Hochschule 78 (2006), 60 - 81.
Balzert, H.: „Evaluation von E-Learning-Kursen aus Benutzersicht – Bezugsrahmen und beispielhafte Anwendung“. In: Wirtschaftsinformatik 47 (2005) H. 1, S. 69-80.
Baumgartner, P.; Häfele, H.; Maier-Häfele, K.: E-Learning Praxishandbuch – Auswahl von Lernplattformen, Innsbruck 2002.
Bruns, A.: Kosten und Nutzen von Blended Learning Lösungen an Hochschulen. Lohmar-Köln 2006 (Eul-Verlag).
Duderstadt, J. J./Atikins, D. E./van Houweling, D.: Higher education in the digital age. Technology issues and strategies for American colleges and universities. Westport 2002.
Seibt, D.: „Kosten und Nutzen von E-Learning bestimmen“. In: Hohenstein, Andreas; Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning. Expertenwissen aus Wissenschaft und Praxis. Köln 2002, 1 - 33.
Seibt, D.: Erfahrungen mit Blended Learning an der Universität zu Köln, dargestellt am Beispiel des Systems E-LEARN – Schwerpunkt: Nutzen für die Studierenden. ISLP-Arbeitsbericht 2004/1. Forschungsgruppe Informationssysteme und Lernprozesse (ISLP), Universität zu Köln, 2004.
Seibt, D.: „Wertschöpfung mit Hilfe betrieblicher IKT-gestützter Lernprozesse in Unternehmen“. In: Hans J. Oppelland (Hrsg.): Deutschland und seine Zukunft. Innovation und Veränderung in Bildung, Forschung und Wirtschaft. Festschrift zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. Norbert Szyperski. Lohmar-Köln 2006, 655 - 689.
Twardy, M.; Wilbers, K.; Esser, F.: „E-Learning in der Berufsbildung: Eine Kurzbeschreibung der Projekte und Modellversuche im Rahmen der Virtuellen Akademie des Handwerks“. In: Hubert, Friedrich u.a. (Hrsg.): E-Learning in der Berufsbildung. Telekommunikationsunterstützte Aus- und Weiterbildung im Handwerk. 2. Auflage Paderborn, 2001, S. 1 - 30.
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