Stefan Carl

Unterrichtsvorbereitung mit dem Internet


15 Jahre alt ist das Internet in diesem Jahr geworden und damit den Kinderschuhen endgültig entwachsen. Nach pädagogischem Verständnis steckt es also mitten in der Pubertät und kein Tag vergeht, an dem nicht eine überraschende, neuartige, noch nie dagewesene Seite entsteht. Es wächst und wächst und niemand vermag genau zu sagen, ob es eine Grenze für dieses Wachstum geben und falls ja, welche Dimensionen dieses globale Netzwerk eines Tages erreicht haben wird.

Schon seit einiger Zeit hört man immer wieder das Schlagwort vom „Web 2.0“. Was damit gemeint ist und wie man die Ideen, die sich dahinter verbergen, produktiv in den eigenen Fremdsprachenunterricht integrieren kann, soll in diesem Vortrag geklärt werden.

Mittlerweile hat sich der Begriff des „e-Learning“, das Lernen und Lehren mit multimedialen Inhalten, in Fachkreisen als Gegenstand der Diskussion durchgesetzt. Neben all den Überlegungen, wie man die neuen Medien im Unterricht einsetzt, welche Ziele man damit erreichen will und ob es überhaupt sinnvoll ist, sich so stark auf das „e-Learning“ zu konzentrieren, ohne dabei andere Kernkompetenzen bei der Sprachvermittlung zu vernachlässigen, wurde die Person des Lehrers bzw. Dozenten bislang weitestgehend übergangen.

Dabei ist er derjenige, der seinen Arbeitsalltag zu einem guten Teil am Computer organisiert. Angefangen beim Zusammenstellen von Übungsblättern, Ausarbeitungen von Tests und Prüfungen, dem Erstellen von Semesterplänen bis hin zum Suchen von Hörübungen im MP3-Format oder von Fotos aus dem Internet oder dem privaten Album hat vermutlich jeder Lehrende seinen Rechner zur Unterrichtsvorbereitung benutzt.

Um nun einen abwechslungsreichen und auf authentischen Sprachmaterialien aufbauenden Deutschunterricht anzubieten, führt meiner Meinung nach kein Weg am Internet vorbei. Die Anzahl der verfügbaren Ressourcen, seien es nun Bilder, Musik, Texte, Übungen zur Grammatik, zum Wortschatz, zum Schreiben, Videos, Wörterbücher, Chatprogramme, speziellen „Communities“ (Gemeinschaften) zum Sprachenlernen mit Hilfe eines Tandempartners usw. ist inzwischen unüberschaubar geworden. Und täglich wächst dieser Berg weiter, denn jeder aktive Nutzer erweitert ihn durch das Hinzufügen von Dateien und Inhalten ein Stückchen mehr.

Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet: Wie finde ich als Lehrer oder Dozent den Weg über diesen unüberwindlichen Berg? Eine Standardantwort darauf kann es nicht geben. Jeder hat eine andere Vorstellung davon, wie ein spannender und interessanter Unterricht auszusehen hat. Also wird der Weg, den jeder nimmt, auch ein anderer sein.

Dieser Vortrag soll deshalb in erster Linie eine Orientierungshilfe geben, über welches Potential das Internet bereits heute verfügt, wenn es um den Unterricht von Deutsch als Fremdsprache geht und dabei anhand einiger Beispiele zeigen, wie man diese Möglichkeiten für die Unterrichtsvorbereitung nutzen kann.

1. Übungen und Materialien aus dem Internet

Unterrichten mit den neuen Medien ist im Zeitalter des Internets grundsätzlich einfacher geworden. Bekannt sein dürften die Webseiten der Verlage Hueber und Cornelsen, die zu ihren DaF-Lehrwerken auch Zusatzmaterialien online bereitstellen. Diese reichen von Einstufungstests und Übungsblättern im PDF- und Word-Format, die man meist kostenlos für den Unterricht herunterladen kann, bis hin zu Linktipps zu den einzelnen Kapiteln eines Lehrbuchs zur weiteren vertiefenden Recherche im Internet und es gibt Online-Übungen, die man gemeinsam – einen Computerraum mit Internetverbindung vorausgesetzt – im Unterricht lösen lassen kann.

Für fortgeschrittene Lerner auf dem Niveau B1 und B2 dürften die Seiten der „Deutschen Welle“ von Interesse sein. Neben dem Nachrichtenangebot (Text, Audio, Video) auf Deutsch ist vor allem der Podcast „Langsam gesprochene Nachrichten“ gut geeignet. Hier wird das Sprechtempo so stark gedrosselt, das selbst Lerner am Ende der Grundstufe dem Inhalt des Programms folgen können.

Verwiesen sei auch auf die wöchentlich erscheinenden Newsletter für Lehrkräfte, die man per E-Mail abonnieren kann. Darin findet man Hinweise auf didaktisierte Texte und Ergänzungen zum Sprachkurs der „Deutschen Welle“.

Neben diesen Angeboten, die die etablierten Verlage und Institutionen ins Netz stellen, ist jedoch ein weitaus größeres Informationsfeld entstanden, das auf den ersten Blick nicht an einen Einsatz im Fremdsprachenunterricht denken lässt.

Da jeder Nutzer eigene Dateien – seien es nun Fotos, Texte, Musik oder Videos – veröffentlichen kann, ist mittlerweile eine Materialfülle entstanden, die jedes Lehrwerk im Umfang sprengen würde. Im Zuge dieser Entwicklung kommt man um die neuen Portale wie „flickr“ für Fotos und Youtube für Videos kaum vorbei, wenn es darum geht, seinen Schülern bzw. Studenten einen abwechslungsreichen Sprachunterricht zu bieten, der mit authentischen Quellen arbeitet.

Eine Möglichkeit den Service von „flickr“ für den Unterricht einzubauen, ist das Suchen von Fotos anderer Nutzer, die zu einem bestimmten Stundenthema passen. Die Bilder dienen dann als Sprechanlass zur Einstimmung, als Anschauungsmaterial oder zur Bildbeschreibung. Außerdem kann man aus einer Vielzahl von thematisch zueinander passenden Fotos Collagen erstellen. Zum Begriff „Oktoberfest“ kann man beispielsweise gemeinsam im Unterricht anhand von Assoziationen (Bierzelt, Kellnerin, Bayern, Herbst, etc.) Fotos sammeln, die abgebildeten Wörter erklären und so kontinuierlich durch immer neues Bildmaterial den Wortschatz der Lerner erweitern.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, diese Phase der Stundenvorbereitung – also die Bildersuche – den Lernern zu überlassen, die zu zwei oder drei vorgegebenen Begriffen geeignete Fotos bei „flickr“ finden sollen. Diese Variante setzt allerdings schon ein gewisses technisches Grundwissen und die Beherrschung typischer Internet-Begriffe voraus. Die selbständige Recherche sollte erst am Ende der Grundstufe (B1) ausprobiert werden.

Fast jeder Koreaner besitzt heute ein Foto-Handy. Mit diesem Equipment kann man auf sehr unkomplizierte Weise einen Foto-Wettbewerb initiieren. Die Lerner werden gebeten, zu einem bestimmten Thema Fotos mit ihrem Handy zu machen und diese dann im Unterricht  zu zeigen und zu erklären. Dabei geht es weniger um die künstlerische Bewertung oder die Qualität in der Ausführung, sondern um das gegenseitige Zeigen und Diskutieren über die entstandenen Bilder. Vor einiger Zeit fiel mir auf, wie oft und an wie vielen Stellen auf dem Campus der Korea Universität das Logo mit dem Tigerkopf auftaucht und wie allgegenwärtig es als Marke im Straßenbild unseres Stadtteils Anam-dong schon geworden ist. Daraufhin bat ich die Studenten, möglichst viele Fotos von diesem Uni-Logo zu machen. Dabei kam ich auf die Themen „Image“ und „Marketing“ zu sprechen, woraus sich wiederum andere Gesprächsthemen ableiteten.

Doch ist mit dem Einsatz von Fotografie das mediale Reservoir an Möglichkeiten im Internet längst nicht erschöpft. Die logische Weiterentwicklung des Einzelbilds war technisch-historisch betrachtet die Anordnung von mehreren Bildern zu einer Filmsequenz. Im Internet konnte man diese Entwicklung noch einmal erleben: Nachdem die ersten Foto-Portale regen Zulauf erhielten, gab es bald auch Video-Portale, die auf rasant wachsende Zugriffszahlen verweisen konnten. „Youtube“, einer der bekanntesten Anbieter für Videos im Internet, ist eine gigantische Spielwiese für Kreative. Die Zuschauer entscheiden mit ihrem Klick, was sehenswert ist und was nicht. Originalität wird sehr oft mit der Aufmerksamkeit des Publikums belohnt, was sich an den Zugriffszahlen bei einigen Videos genau ablesen lässt, die zum Teil in die Millionen gehen.

Für den Fremdsprachenunterricht sind solche Videoportale eine wahre Fundgrube, denn neben Musikvideos (die ganz nebenbei auch etwas über die Mode und die Popkultur eines Landes erzählen, in denen sie entstanden sind) und Kurzfilmen findet man auch lehrwerksunabhängige Videos für den Deutschkurs, wie z.B. aus der Reihe „German Lessons/Easy German“ die schon im Anfängerunterricht eingesetzt werden können. Da aus urheberrechtlichen Gründen bei „Youtube“ kein Video länger als 10 Minuten sein darf, findet man vor allem kürzere Filme, die sich ideal am Stundenanfang (zur Einstimmung in ein Thema) oder zum Stundenabschluss einfügen lassen. Zum Teil sind einige der Filme, aber auch viele der Online-Lernvideos für DaF untertitelt, was das Verständnis erleichtert. Als Suchbegriff für weitere Videos sollte man auf der Youtube-Seite „Deutschkurs“ oder ähnliches eingeben.

Der bereits erwähnte Video-Kurs „German Lessons/Easy German“ empfiehlt sich vor allem aufgrund seiner Authentizität. Es handelt sich um kurze Interviews, die ein Reporter mit vielen unterschiedlichen Sprechern in einer Einkaufspassage in Münster führt. Durch die immer gleichen Fragen sowie die Spontaneität und den Sprachwitz des Reporters fällt es verhältnismäßig leicht, den Gesprächen zu folgen. Bislang gibt es sechs Folgen (Stand: Mai 2008). Gleich in der ersten Folge „Guten Tag“ werden die Grußformeln so häufig wiederholt, dass es auch einem Anfänger am Ende leicht fällt, die Sätze nachzusprechen.

Nicht jeder Lehrer oder Dozent verfügt im Klassenraum über einen Internetzugang oder es fehlt die Zeit, im Unterricht die Internetseite aufzurufen und das Video zu starten. Mit Hilfe kleiner Programme, wie z.B. den „Easy Video Downloader“ oder der Firefox-Erweiterung „VideoDownloader“ kann man aber bequem Videos aus dem Internet herunterladen und diese dann später im Unterricht am Computer zeigen.

2. Lesezeichen – Wegweiser im Informationsdschungel

Oft stellt man fest, dass man zwar Unmengen an Unterrichtsmaterialien auf diversen Seiten im Internet gefunden hat, aber es nicht leicht ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Selbst wenn man vielleicht für den Sprachunterricht eine Word-Datei mit Links angelegt hat, wird man sich nicht mehr an solch kryptische Links wie http://www.youtube.com/watch?v=15Gnw3raoQw erinnern können. Eine dazugehörige Beschreibung, was sich hinter diesem Link verbirgt, hat man in aller Eile vergessen. Es fehlt eine kurze Notiz, die die wenigsten Sammler anlegen, um sich hinterher noch an den Inhalt erinnern zu können. Das nachträgliche Absurfen von solchen unkommentierten Links ist zeitraubend und frustrierend, wenn es dann doch nicht die Seite ist, die man dahinter vermutete.

Eine elegantere Lösung ist die Lesezeichen-Funktion, wie sie in den Standard-Browsern wie Internet Explorer oder Firefox bereits integriert ist. Mit einer Tastenkombination (Strg+d) wird die soeben aufgerufene Seite abgespeichert. Danach sollte die Seite noch einem bestimmten Ordner (z.B. DaF) zugeordnet und evtl. ein Kommentar hinzugefügt werden. Damit vereinfacht man sich gleich beim Anlegen eines Lesezeichens das spätere Wiederfinden eines Links.

Was aber, wenn man an einem anderen Rechner im Büro oder an der Uni arbeitet und die am heimischen PC abgespeicherten Lesezeichen nicht abrufen kann? Hier empfiehlt sich das Abspeichern bei Anbietern von Lesezeichen-Diensten wie z.B. „del.icio.us“ (http://del.icio.us/), führend für den anglo-amerikanischen Sprachraum oder „Mr. Wong“ für den deutschen Sprachraum, um nur die beiden größten Vertreter zu nennen. Links, die man dort unter seinem Benutzerkonto ablegt, kann man sich später von jedem anderen Rechner aus ansehen und anklicken. Dazu kommt die Möglichkeit, auch anderen Nutzern über die Schulter zu schauen und seine eigene Sammlung von Lesezeichen schnell zu erweitern. Dabei stößt man auf die eine oder andere Link-„Perle“, die man auf andere Art und Weise gar nicht gefunden hätte.

Um die gespeicherten Seiten abzulegen, empfiehlt sich eine vorherige Sortierung und Kategorisierung, um das gesammelte Material einfach wiederzufinden. Das geschieht bei den Online-Diensten wie „del.icio.us“ oder „Mr. Wong“ mit Hilfe sogenannter „tags“.

„Tags“ sind nichts anderes als Schlagwörter, die man für eine bestimmte Internetseite vergibt. Man stelle sich eine riesige Sammlung von Karteikarten vor, auf der man sämtliche Fundstellen für einen Artikel oder einen Aufsatz vermerkt hat. Nun unterscheiden sich die „tags“ aber bei jedem Nutzer, denn jeder vergibt individuell für eine abgelegte Seite ganz unterschiedliche Schlagwörter. Doch immer wieder gibt es auch Überschneidungen. Das sind Schlagwörter, die immer wieder auftauchen, weil sie zu dem Thema der Webseite eben am besten passen. Man kann anhand dieser Vorschläge die Webseite mit den von anderen Nutzern vorgeschlagenen Wörtern kategorisieren oder ergänzt eigene Begriffe. Das Ganze funktioniert wie ein großangelegter Aktenordner, bei dem jeder mitschreibt, ordnet, Vorschläge macht, indiziert und somit die Basis an kommentierten Links ständig vergrößert. Interessante Links werden von anderen Nutzern übernommen und daraus entsteht ein Ranking von Seiten, die die besten Informationen bereithalten.

Ein weiteres sehr nützliches Werkzeug für das Sammeln von Informationen und insbesondere von Texten ist der Service „instapaper“ (http://www.instapaper.com/). Dieser Anbieter hat sich darauf spezialisiert, Links von Artikeln abzuspeichern, die man aus Zeitgründen nicht sofort lesen kann. Man sammelt an einer zentralen Stelle alles und kann es von dort aus wieder aufrufen, ausdrucken, kopieren und in andere Dokumente einfügen.

Die Registrierung bei „instapaper“ ist simpel: Man benötigt nur einen Benutzernamen. Nicht einmal ein Passwort ist zwingend erforderlich. Auch der Seitenaufbau wurde auf ganz einfache Weise gelöst. Man sieht auf einen Blick, welche Artikel man auf seinem Lese-Konto noch nicht gelesen hat (die stehen oben) und welche bereits gelesen wurden (die stehen unten). Mit einem sogenannten Bookmarklet, einer kleinen Erweiterung für den Webbrowser, ist es ein Kinderspiel, interessante Links zu Texten und Artikeln abzuspeichern. Ein Klick auf die Schaltfläche genügt und der gerade angelesene und für lesenswert befundene Artikel wandert ins „instapaper“-Fach.

3. Die Blogosphäre – Möglichkeiten für den Einsatz im DaF-Unterricht

Die Informationswege und -bedürfnisse haben sich durch das Internet nachhaltig geändert. War man früher an den Erscheinungstermin einer Fachzeitschrift oder auf eine langwierige Suche nach einer Publikation, die nur in gedruckter Form erhältlich war, angewiesen, ist man durch die ständige Verfügbarkeit des Internets daran nicht mehr zeitlich und räumlich gebunden. Da das Internet keine Schließzeiten wie in Bibliotheken, keinen Redaktionsschluss kennt und im Grunde nur der virtuelle Speicherplatz von Bedeutung ist, steht es dem Leser frei, wann und wo er sich zu einem Thema informieren will.

Mit dem Aufkommen sogenannter Weblogs ist es einfacher geworden, selbst Artikel zu veröffentlichen, Unterrichtsideen und -materialien mit anderen Lehrern und Dozenten zu teilen und Erfahrungen aus dem Unterricht einem größeren Kreis vorzustellen. Ein Weblog ist eine Art Tagebuch, das der Autor zu einem mehr oder weniger festgelegten Thema führt. Neben einer Vielzahl privater Weblogs gibt es neuerdings aber eine ganze Reihe von fachspezifisch geführten Blogs. Auch für den Bereich Deutsch als Fremdsprache gibt es bereits einige bloggende Lehrer. Zwei Blogs, die ich selbst sehr schätze, möchte ich hier stellvertretend nennen: „lernado“ (http://www.lernado.com/) von Stephan Waba sowie das „DaF-Blog“ von Cornelia Steinmann.

Man wird neben den Artikeln auch auf die „Blogroll“ stoßen. Das ist eine Liste weiterer Blogs, die der Autor eines Blogs selbst gerne liest und weiterempfiehlt. Auf diese Weise kann man sich von Link zu Link hangeln und bekommt einen ungefähren Eindruck davon, was andere Kollegen auf der Welt in ihrem Deutschunterricht anders oder gleich machen und erhält Anregungen für die eigenen Stunden.

Im günstigsten Fall wird so ein Blog jeden Tag oder mehrmals pro Woche mit neuen Beiträgen aktualisiert. Es ist eigentlich nur eine Frage der Gewohnheit, kurz eine Seite anzusurfen und nachzusehen, ob der Autor des Blogs einen neuen Artikel (sogenannter „Post“) online gestellt hat. Daneben lohnt sich auch ein Blick in den Kommentarbereich eines Blogs, wo der eigentliche fachliche Austausch stattfindet. Zu jedem Artikel ist es möglich, selbst einen Kommentar abzugeben. Dadurch wird ein Blog erst lebendig und lesenswert. Das vielzitierte Schlagwort „Web 2.0“ ist ein Mitmach-Netz und das bedeutet vor allem, dass neben der Rezeption auch eigene Ideen und Anregungen eingebracht werden sollten.

Natürlich kann man Weblogs selbst zum Unterrichtsgegenstand machen. Eine Blitzumfrage in meinen Sprachkursen ergab, dass ca. 90 % der koreanischen Studenten ein eigenes Weblog führen. Einer der größten Anbieter in Korea ist „cyworld“ (http://home.cyworld.com/). Der Service ist deswegen so beliebt, da man schnell und einfach Fotos hochladen kann, all seinen Freunden öffentlich schreibt, was gerade im eigenen Leben passiert und so seine sozialen Kontakte pflegt, auch ohne sich ständig sehen zu müssen.

Auf diesem vorhandenen technischen Wissen der Studenten kann man im Unterricht aufbauen, wenn es darum geht, ein eigenes Blog-Projekt in Angriff zu nehmen. Eine Möglichkeit wäre, über den Unterricht zu bloggen. Diese Art von Selbstbespiegelung dürfte allerdings auf Dauer langweilig für Leser wie auch für den Autor des Blogs werden.

Lohnender wäre es schon, das Blog als „Litfasssäule“ zu benutzen. Auf dem Blog könnte man Veranstaltungen, Prüfungstermine, Sprechstunden, Filmabende, langfristig angelegte Hausaufgaben etc. ankündigen, die für die Studenten von allgemeinem Interesse sein dürften. Das Blog wird so zu einem virtuellen „Schwarzen Brett“ in deutscher Sprache.

Mehr Aufwand erfordert dagegen das gemeinsame Schreiben in einem Weblog. Das bedeutet für den Kursleiter, dass er die Mitschreiber technisch anleiten muss, wie die Beiträge auf dem Blog zu veröffentlichen sind. Daneben gilt es, die studentischen Autoren ständig zu motivieren, die Texte auf Lesbarkeit und ein Mindestmaß an orthographischer und grammatikalischer Richtigkeit hin zu überprüfen.

Dieser Schritt, von der ersten Idee eines Weblogs bis zum ersten veröffentlichten Artikel, sollte deswegen vorher gut überlegt sein, da der zeitliche Aufwand dafür insbesondere in der Anfangsphase in keinem Verhältnis zu den sprachlichen bzw. schriftlichen Fortschritten der Teilnehmer stehen wird. Wer sich von dem Plan eines studentisch geführten Weblogs allerdings nicht abbringen lassen will, der wird bei den Mitautoren ganz neue Qualitäten und schriftstellerische Talente entdecken, von denen man vorher nichts geahnt hatte.

Meine eigenen Erfahrungen haben gezeigt, dass sich die Studenten um einen möglichst eleganten Stil und einen reichhaltigen Wortschatz bemühen, denn ihnen ist sehr bewusst, dass ihre Texte wie eine Visitenkarte wirken, mit denen sie zeigen, was sie sprachlich bereits leisten können. Gerade das macht das Schreiben aber gleichzeitig kompliziert, da die eigenen Ansprüche bei den Studenten sich nicht mit den schriftlichen Ergebnissen decken und man als Leiter eines solchen Blogs vor allem auf einen einfachen und klaren Stil drängen muss. Es ist wichtig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, die Texte der Lerner einerseits nicht allzu sehr zu korrigieren oder selbst ganz neu zu schreiben, um sie nicht zu entmutigen, andererseits aber auf Verständlichkeit und Lesbarkeit zu achten.

Als technische Lösung kommen zwei Anbieter in Frage: Googles Dienst „Blogger“ (https://www.blogger.com/start) sowie „tumblr“ (http://www.tumblr.com/). Sie sind kostenlos verfügbar. Der Vorteil von „blogger.com“" liegt in den lokalisierten Sprachfassungen der Bedienoberfläche. Es gibt sowohl eine deutsche als auch eine koreanische Version. Je nach Sprachniveau können die Lerner also am Anfang noch mit der koreanischen Version arbeiten, während Fortgeschrittene schon auf die deutsche Version umsteigen sollten. Die Benutzeroberfläche ist sehr einfach strukturiert. Mit Hilfe von Icons kann man Bilder oder Videos hochladen, den Text formatieren und Links zu anderen Seiten einsetzen. Den Kommentarbereich fügt die Software von „Blogger.com“ selbständig dazu. Man benötigt keine Programmierkenntnisse, um so ein Blog zum Laufen zu bringen.

Noch einfacher geht es mit „tumblr“. Hier sucht man sich für einen neuen „Post“ eine Kategorie aus (Text, Zitat, Bild, Video, Audio, Chat), setzt den entsprechenden Inhalt ein und im Handumdrehen ist das Material veröffentlicht. Wem die vielen (aber eigentlich noch überschaubaren) Funktionen bei „Blogger.com“ zu umfangreich sind, der ist mit „tumblr“ besser bedient.

4. Das Google-Universum – Webbasierte Alternativen für gemeinsame Schreibprojekte

Bis vor wenigen Jahren kam man um die Installation eines teuren Bürosoftwarepakets wie „Microsoft Office“ nicht herum. Diese Software war auf den meisten PCs schon vorinstalliert. Um Dokumente mitzunehmen und auf eine anderen Rechner zu übertragen, war es notwendig, diese vorher immer auf Diskette oder einem USB-Stick abzuspeichern. Heutzutage arbeiten viele Leute aber nicht mehr nur an ihrem heimischen PC, sondern wechseln den Arbeitsplatz. Nicht immer denkt man daran, alle Dokumente auf einem USB-Stick dabei zu haben.

Um an einem Blog gemeinsam zu schreiben oder einen längeren Text laufend zu ergänzen, bietet sich ein Service wie „Google Text & Tabellen“ (http://documents.google.de/) an. Googles Lösung, ein Büropaket mit Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm und E-Mail-Konto ist für die mobile Arbeitswelt wie maßgeschneidert. Unabhängig von unterschiedlichen Betriebssystemen daheim und im Büro, ohne zeitraubende Installationen und laufende Updates, kann man online auf seine Dokumente zugreifen, die man auf einem Server von Google abgelegt hat. Der Service ist kostenlos, jederzeit und von jedem Ort der Welt erreichbar. Das Speichern auf Festplatte, CD oder USB-Stick könnte damit der Vergangenheit angehören.

Könnte, denn auf einen entscheidenden Nachteil dieses Angebots sollte unbedingt hingewiesen werden. Ganz uneigennützig bietet Google seine Online-Software nämlich nicht an. Angesichts der riesigen Datenbestände, die Google Tag für Tag von Millionen von Nutzern empfängt, archiviert und speichert, kann es passieren, dass die Daten bei einem technischen Problem unwiderruflich verloren gehen. Auf jeden Fall sollte man wichtige Dateien auch weiterhin zur Sicherheit auf seinem eigenen PC ablegen.

Hinzu kommt, dass man Googles Maxime „Don't be evil“ zwar prinzipiell vertrauen kann, aber sich nicht blind darauf verlassen sollte. Eine Haftung für den Verlust, beim Hacken des Passworts oder eine Antwort auf die Frage, was genau mit den Dokumenten auf den zentralen Google-Servern passiert, gibt Google nicht. Man sollte es deswegen tunlichst vermeiden, sensible Daten zu hinterlegen. Seit einigen Monaten ist Google etwas ins Gerede gekommen. Die ungeheuren Datenströme, die bei Google zusammenlaufen, die Sammelwut bei Nutzerdaten und die exorbitanten Geldsummen, die diese Firma mit ihren Webdiensten und Online-Werbung verdient hat, haben die Kritiker und Datenschützer auf den Plan gerufen.

Alle möglichen Daten seiner Nutzer sammelt Google. Interessant sind vor allem Nutzungsdauer der Webdienste und Inhalte der hochgeladenen Dokumente, die sehr genau über die betreffende Person Aufschluss geben. Diese Nutzerdaten sind bares Geld wert, denn damit lassen sich Werbekunden gewinnen, denen Google zielgruppengerechte Angebote machen kann, die exakt zu den Anforderungsprofilen der Marketingabteilungen passen.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf kann man „Google Text & Tabellen“ als kostenlose Backupmöglichkeit durchaus nutzen. Auch zum Synchronisieren von Dokumenten, kollaborativem Schreiben und Assistent für Präsentationen ist dieser Service sicher geeignet. Man ist nicht mehr gezwungen, immer seinen Laptop oder ein Speichermedium in der Tasche zu haben. Alles, was man auf seinem Google-Benutzerkonto abgespeichert hat, ist stets vorhanden, wenn man es im Unterricht einsetzen will. Relativ unkompliziert ist es auch, seine Dokumente anderen Lesern (z.B. den Teilnehmern eines Deutschkurses) zugänglich zu machen und zur gemeinsamen Mitarbeit daran einzuladen.

Daneben gibt es auch andere Anbieter von Online-Büroprogrammen, auf die man ausweichen kann, weil sie ganz auf das Sammeln von Daten zu Werbezwecken verzichten, wie z.B. „Zoho“ (http://www.zoho.com/) oder „thinkfree“ (http://member.thinkfree.com/).

5. LifeHacks – Der Umgang mit dem täglichen Kleinkram

Abschließend möchte ich auf einige weitere Angebote hinweisen, die nur einen sehr kleinen Teilaspekt des Fremdsprachenlernens ausmachen und in ihrer Funktionalität begrenzt sind.

Phonetik: Eine interessante Seite für das Aussprachetraining von Wörtern ist „Forvo“ (http://www.forvo.com). Dort kann man nach bestimmten Vokabeln suchen, deren Aussprache unklar ist und sich diese dann von Muttersprachlern vorsprechen lassen. Dieses Angebot ist allerdings zur Zeit nur eingeschränkt nutzbar, weil die vorhandene Basis an Wörtern noch gering ist. Auffällig, aber nicht verwunderlich ist die hohe Zahl an Schimpfwörtern, die man vorfindet. Die Globalisierung macht eben vor der Sprache nicht halt.

Vokabeln: „Learnitlists“ (http://www.learnitlists.com/) möchte seine Besucher zum Lernen von neuen Vokabeln animieren. In einer Wortschatzliste werden Begriffe gezeigt, die man sich einprägt und danach wieder in ein Feld eintippt. Das Rad haben die Betreiber dieser Seite nicht neu erfunden, vielmehr haben sie das gute alte Vokabelheft ins Internetzeitalter übertragen und um einige nette multimediale Funktionen (Sprachwiedergabe und -aufnahme) ergänzt. Auch wenn im Augenblick (Stand: April 2008) Koreanisch noch nicht als Lernsprache inklusive ist, so dass die koreanischen Deutschlerner den Umweg über das Englische nehmen müssen, ist diese Seite auf jeden Fall einen Blick wert.

Soziale Netzwerke: Die großen sozialen Netzwerke wie „MySpace“, „facebook“ oder „studiVZ“ erleben derzeit einen Boom an Zugriffszahlen und medialer Aufmerksamkeit. Unter denjenigen Leuten, die mit dem Internet groß geworden und sozialisiert worden sind, ist ein Zugang bei einem der genannten Netzwerke Pflicht, um den Kontakt zu Freunden und Bekannten zu halten. Daneben sind eine ganze Reihe kleinerer Netzwerke entstanden, die sich nur auf eine bestimmte Anwendergruppe spezialisiert haben. Um z.B. eine Fremdsprache zu erlernen, kann man sich bei einer Online-Gemeinschaft (Community) anmelden und dort nach Muttersprachlern suchen und Kontakt zu ihnen aufnehmen. Zu nennen wären hier „italki“ (http://www.italki.com/), „babbel“ (http://babbel.com/) oder „palabea“ (http://www.palabea.net). Eine genauere Beschreibung der einzelnen Anbieter und Funktionen auf deren Seiten würde den Umfang dieses Textes sprengen. Grob gesagt eignen sich die aufgezählten Portale, einen Tandempartner irgendwo auf der Welt für die gewünschte Sprache zu finden, Kontaktdaten auszutauschen, zu chatten und Fragen zu sprachlichen Problemen in den Mitgliedsforen zu beantworten. Die Gruppe von Koreanern, die Deutsch lernen wollen, ist übrigens noch verhältnismäßig klein. Auf dieses Angebot sollte man die Schüler und Studenten hinweisen, damit sie ihre sprachlichen Fähigkeiten mit Hilfe eines deutschen Muttersprachlers verbessern können.

6. Anstelle eines Schlussworts: Ausprobieren, Mitmachen, Weitersagen

Das Internet durchlebt gerade eine spannende Phase, bei der niemand voraussagen kann, welche der hier vorgestellten Webdienste und Anbieter sich dauerhaft durchsetzen werden. In einem Jahr kann vieles davon schon ganz anders sein. Man sollte sich deswegen als Lehrer nicht abschrecken lassen, sondern durch aktives Ausprobieren, Mitmachen und Weitersagen selbst herausfinden, was im Unterricht funktioniert und was nicht. Geteiltes Wissen hilft uns allen weiter. Auch das Lernen und Lehren von Fremdsprachen wird durch die zahlreichen Möglichkeiten des Internets, Wissen schneller und unkomplizierter verfügbar zu machen, nicht unberührt bleiben. Das Beste, was dem Sprachunterricht passieren kann, ist eine Flut von Ideen, aus denen sich wiederum spannende Unterrichtsstunden und lebhafte Fachdiskussionen entwickeln lassen.


Copyright © 2007 by Stefan Carl


DaF-Szene Korea Nr. 27

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